Ich werde den Jakobsweg gehen. Na ja, zumindest den Anfang. Ich nehme es, wie es kommt. Meine Behinderungen nehme ich natürlich mit, darum setze ich mir auch kein Ziel. So weit wie ich komme, soweit komme ich eben. Ich nehme mir nichts vor. Es geht mir ums innere klar werden, um eine Luftveränderung und Auszeit, bevor es wieder mit der Rehabilitation weiter geht.
Es warten dabei einige Schwierigkeiten auf mich. Zuallererst die Kondition. Zwei Jahre sind seit dem Hirnabszess vergangen und ich konnte in dieser Zeit zwar Kondition aufbauen, allerdings nur beschränkt. Wie ich früher schon erwähnte, kann ich Kondition nur so schnell aufbauen wie sich auch die neurologischen Defizite verbessern. Das Zentral-Nervensystem reagiert nur sehr langsam, daher kann ich trainieren, was ich will, ich komme nur langsam weiter. Das durfte ich leider erst im Laufe der Zeit erfahren.

Schwindel und Gleichgewichtssinn

Dazu tritt immer wieder Schwindel auf oder der fehlende Gleichgewichtssinn lassen mich übervorsichtig reagieren. Es hat sich seit meiner Zeit im Krankenhaus verbessert, aber ich habe nach wie vor damit zu kämpfen. Es erfordert Aufmerksamkeit in allen Lagen, die natürlich viel Energie kostet. Und das ist es was mich noch am meisten behindert. Ich habe noch keinen Tag erlebt, an dem ich nicht an mein Limit geraten wäre.
Gehen lernen

Kraftaufbau und Ausdauer

Kraftaufbau, Ausdauer – alles ist bei mir betroffen. Eigentlich ein No-Go für den Jakobsweg. Aber trainieren muss ich auch zu Hause. Ich gehe zum Beispiel täglich, das kann ich auch am Jakobsweg erledigen. Es gibt in relativ kurzem Abstand zahlreiche Herbergen. Das ist mit ein Grund, warum ich den Weg dort gehe. Die Infrastruktur ist wie kaum anderswo. Dieses Sicherheitsnetz der zahlreichen Herbergen nutze ich für mich, denn ich weiß nicht, wie weit ich täglich komme.
Gerade das Bergauf gehen ist nach wie vor noch schwierig. Da reicht schon eine kurze Erhebung und ich fühle mich wie ein Höhenbergsteiger. Es wird eine interessante Beobachtung wie ich damit umgehe.

Die psychische Komponente

Aber es gibt noch eine andere Komponente. Nämlich die Geistige. Meine Hauptdefizite sind ja Kurzzeitgedächtnis und Merkfähigkeit. Ich habe Schwierigkeiten etwas im Überblick zu behalten. Das wäre natürlich besonders wichtig für die Beurteilung des Weges wie auch bei der Anreise. Mein erstmaliger Versuch alleine mit dem Bus nach Stallhofen zu fahren endete ja im Desaster und meine Defizite sind ja nicht weniger geworden.
Ich kann mit unvorhergesehenem noch schwer umgehen. Mal schauen wie ich es schaffe.

Der Rucksack für den Jakobsweg

Die Entscheidung wegen dem Material war für mich keine große Frage. Die Bekleidung nehme ich aus dem Trailrunning Sport, die ich sowieso schon in letzter Zeit verwendet habe. Bis auf wenige Sachen hatte ich alles zu Hause. Somit stand mir in Sachen der Ausrüstung nichts im Wege.
Ich bin es mittlerweile gewohnt einen Rucksack zu verwenden, weil ich die Hände frei brauche beim Gehen. Allerdings trug ich bisher maximal 2,5 kg Gewicht. Mein Vorteil ist, dass ich Trailrunner war. Dort kommt viel auf das Gewicht an. Im Laufe der Zeit habe ich leichtgewichtiges Equipment angeschafft. Das geht von der Bekleidung, bis hin zu Schlafsack oder dem Rucksack. Vieles davon hatte ich fürs Trailrunning angeschafft.
Ausrüstung für den Jakobsweg
Vieles habe ich mir aber auch für das Filmen angeschafft. Gerade bei meinen Unternehmungen mit den Radzwillingen habe ich sehr bewusst aufs Gewicht geschaut. Ihre Projekte vom Meeresspiegel auf die Gipfel der höchsten Berge waren nicht nur für sie eine Herausforderung. Ich begleitete sie filmisch und das so weit ich konnte, auch am Berg. Da die Kameraausrüstung schon schwer genug war, sparte ich bei der Bekleidung und restlichen Ausrüstung ein. Das ich dieses Wissen jetzt auf eine andere Art einsetzen kann, hätte ich mir damals nicht einmal im Traum gedacht.
Vor 8 Jahren kaufte ich mir in Kalifornien einen Light Rucksack, der immer wieder wertvolle Dienste versah. Das ich ihn heute am Jakobsweg verwenden sollte, kam mir damals nicht in den Sinn.

mein Rucksack und ich

Mein Rucksack und ich

Das Gewicht

Mein gesamtes Rucksackgewicht für den Jakobsweg beträgt 6,5 kg, ohne Verpflegung und Wasser. Das sollte machbar sein. Ich spüre allerdings jeden Kilo dreifach, also vom Gefühl her trage ich etwa 20 Kilogramm. Das hört sich viel an und ich gebe zu, es ist viel. Ob zu viel, das wird sich zeigen.
Einen Kilo der 6,5 machen davon die elektrischen Geräte aus. Es herrscht unterschiedliche Meinung darüber was nötig ist und was nicht. Ich würde ja gerne auf jegliches elektronische Zeug verzichten, aber ich möchte meine Gedanken festhalten und da ich noch Schwierigkeiten habe mit der Hand zu Schreiben, wird eben ein Tablet verwendet.
Dazu kommt eine kleiner digitaler Fotoapparat fürs Bloggen und Festhalten der Eindrücke. Es soll ja ein Buch über meinen Weg entstehen und der Jakobsweg nimmt darin einen besonderen Stellenwert ein.
Am Schluss darf natürlich das Handy nicht fehlen. Früher wäre ich wahrscheinlich ohne losgefahren, aber in meinem Fall stellt es natürlich einen Sicherheitsfaktor dar. Dazu brauche ich diverse Ladegeräte und Kabeln. Damit komme ich auf die 1 Kilogramm.
elektronische Geräte

Es geht dann los!

Soviel zu meiner Ausrüstung. Immerhin ein wichtiger Bestandteil das ich mich auf den Weg wagen kann.
Es geht darum, meinen Platz im Leben wieder zu finden. Im Moment bin ich haltlos. Der Jakobsweg kann mir dazu helfen. Ich hatte ihn schon lange auf meinem Plan, zuletzt 2016, zusammen mit Alexander Rüdiger. Wir wollten die Erlebnisse und den Spirit des Weges in einem Film festhalten. Nur drei Monate danach kam der Hirnabszess dazwischen. Ich habe somit noch einiges nachzuholen.
Etwas über zwei Jahre nach dem Hirnabszess nehme ich mir nun diese Auszeit. Diese letzten beide Jahre gab ich alles für meine Rehabilitation. Bevor es an meine weitere Wiederherstellung geht, brauche ich Erholung und gute Motivation. Der Jakobsweg ist genau richtig dafür.
Egal wie weit ich komme, allein das Gehen tut mir gut. Es ist meine Medizin und gibt mir die Kraft um den weiteren Weg zurück ins Leben zu schaffen. Ich habe keine Vorgaben und keine Anforderungen an mich, wie weit ich gehen möchte. Wenn ich merke es geht gar nicht, dann breche ich ab. Ich lasse mich auf das Abenteuer Jakobsweg ein.
Ultreia
PS: Auf Instagram könnt ihr meinen Weg verfolgen