erausforderung Jakobsweg

Es war mir wichtig, gleich nach der Reha wieder zum Camino zu fahren. Ich wollte mich einer weiteren Herausforderung stellen und das in der Reha gelernte umsetzen und weiter Fortführen.

Der Jakobsweg ist dazu optimal geeignet, weil man doch in einem recht sicheren Umfeld aufgehoben ist. Dazu kann ich den Alltag unter realen Bedingungen trainieren, wie mir auch die Konfrontation mit anderen Menschen helfen soll.

Die Städte und den Trubel meide ich aber nach wie vor, obwohl ich es mir anders vorgenommen hatte. Es stresst mich doch zu sehr. Noch bevorzuge ich den Aufenthalt in der Natur.

Herausforderung Jakobsweg

Abstand gewinnen

Ein weiterer Grund meiner mittlerweile schon sehr langen Abwesenheit von zu Hause ist der, dass Silvia und ich uns über unsere Beziehung klar werden müssen.

Die Krankheit hat unser Leben total durcheinander gewürfelt. Kein Stein blieb auf dem anderen. Für mich stand von Anfang an fest, ein Neubeginn musste her. Anders ist es für mich nicht bewältigbar. Eine Herausforderung der besonderen Art in meinem Leben.

Silvia konnte keinen Neubeginn mitmachen. Ein Hinderungsgrund ist die passierte Vergangenheit. Sie hat viel gegeben, aber jetzt ist die Luft draußen und sie kann nicht mehr.

Es ist schwer für mich zu Erkennen, aber auch zu Verstehen, dass wir beide in einer unterschiedlichen Realität leben. Jeder Mensch hat seine eigene und sie hat diese Zeit anders wahrgenommen als ich und anders darauf reagiert.

Mein Leben nach dem Hirnabszess

Neubeginn am Jakobsweg

Deshalb auch der Jakobsweg. Er bildet für mich einen Neubeginn im Neubeginn. Mein „Weg zurück ins Leben“ hat rückschauend mit dem ersten Jakobsweg im Juni noch einmal begonnen.

follow your heart

Herausforderung Denken am Camino

Der Camino zeigt mir dieses mal aber meine noch immer vorhandenen Grenzen und Defizite auf. Nämlich vor allem, wie schnell ich gedanklich eben auf diese stoße.

Überlegungen in die Zukunft oder der Vergangenheit sind noch immer kaum möglich. Der Hirnabszess hat ganze Arbeit geleistet. Er hält mich ausschließlich im Jetzt gefangen.

Was ja nicht schlecht ist, denn nur so ist es mir möglich, die Krankheit, oder besser gesagt deren Auswirkungen, zu bewältigen. Das ist aber für mein Umfeld schwer zu verstehen, wenn ich wieder einmal anders reagiere als erwartet.

Anderweitige Herausforderungen sind für mich gedanklich noch immer kaum zu lösen. Mit der beruflichen Zukunft kann ich mich  zum Beispiel noch immer nicht auseinandersetzen. Es war in der Reha Thema, aber es ging einfach nicht.

Ich versuche es am Camino zwar immer wieder, aber es baut sich eine weiße Wand vor mir auf und es beginnt sich die Frage im Kreis zu drehen, weiter komme ich nicht. Da heißt es dann schnell aussteigen, denn sonst hält mich die Frage gefangen.

Was für den Beruf gilt, dass gilt auch für die Beziehung und das meiste andere. Ich kann nur auf das JETZT reagieren, aber nicht vorausschauend oder Rückwirkend Entscheidungen treffen.

Wo geht's für mich in Zukunft hin?

Wo geht’s für mich in Zukunft hin?

Weiterführende Gedanken

Ich verstehe das Problem oder Schwierigkeiten, kann aber keine weiterführenden Gedanken dazu aufbauen. Ich kann keine Lösungen andenken oder sonstwie was damit machen. Ich kann es nur sein lassen und darauf reagieren, was ist. Das kann deprimierend sein, wenn ich es nicht schaffe, es so wie es ist, es sein zu lassen. Oft möchte ich zuviel.

Darüber kann ich zwar schreiben oder reden, aber eben nicht mehr.

Es geht nur um das IST, nicht um das was sein sollte, sein kann oder sein wird. Ich kann es nur SEIN lassen, so hart das manchmal auch ist.

Resilienz

Es geht auch bei allem um Resilienz. Böse Worte, Kränkungen und vergangene Ereignisse können eine tiefe Wunde bleiben. Selbst die Zeit kann sie nicht heilen, wenn wir nicht diese Resilienz in uns haben. Es ist ein Ballast oder eine Last, die wir dann  tragen müssen.

Vergessen kann ein Seegen sein. Alles uns schlecht widerfahrene einfach vergessen können. Wenn es nur so einfach wäre.

Mein Gehirn schützt mich davor und lässt deswegen keine Gedanken an die Vergangenheit oder die Zukunft zu. Das ist für viele nicht verständlich und auch für mich ist es eigenartig darüber zu Schreiben, aber nicht über die Sache selbst denken zu können.

Denn Bewusst ist es mir ja, ich kann aber dazu keine Emotion aufbauen. Das sind eben die vielen Baustellen in meinem Körper, wo ich oft nicht weiß, wo ansetzen. Mit dem Denken stehe ich oft vor großen Herausforderungen, deshalb ist es mir wichtig. Aber gleich wie in der Bewegung, sind auch hier nur langsame Fortschritte möglich.

Es so zu nehmen, wie es ist, ist die große Herausforderung. Ich darf nie vergessen, vor noch nicht allzu langer Zeit war ein Hirnabszess ein Todesurteil. Ich habe aber überlebt und darf Leben.

Am Jakobsweg, Camino France

Der Umgang

Diesen richtigen Umgang mit der Resilienz, also dem Umgang mit schmerzliche Erinnerungen, muss ich erst wieder lernen. Erst dann kann ich mit Rückschlägen richtig umgehen und wieder zurück in ein erfülltes Leben finden. Diese Herausforderung heißt es annehmen.

Mein damaliges Denken führte zum Hirnabszess. Dieses Denken musste ich umstellen, damit war ein Neustart unabdinglich. Mein altes Denken und Tun zu behalten, hätte nur unweigerlich in einer Fortsetzung ähnlicher Probleme geendet.

Der Jakobsweg als Therapie

Deswegen ist der Jakobsweg so ideal für mich. Hier darf ich voll und ganz im JETZT leben. Schweife ich ab, zeigt er mir das sofort auf.

Stolpern oder vom Weg abweichen ist ein Anzeichen. Meistens war ich dann NICHT im Hier und Jetzt. Ich lernte, im Augenblick zu verweilen.

Wunschbaum

Anbringung eines Wunsches am Wunschbaum

Der Weg

Diesmal führt mich der Weg durch die Berge von Galizien. Von Astorga nach Santiago de Compostela.

Zuhause wären es schöne Wanderwege, aber hier stellen Sie eine besondere Herausforderung an mich dar.

Jakobsweg

Gehen lernen am Jakobsweg

Für machen ist es eher befremdlich. Um am 800 Kilometer langen Camino France zu gehen, ist Gehen zu können doch eine Voraussetzung.

Nicht so für mich. Es ist eine großartige Möglichkeit, die vielen in der Reha gelernten Fähigkeiten täglich zu üben. Und wie in der Klinik, mich ausschließlich darauf konzentrieren zu können.
Es ist eine Freiluft-Reha und am liebsten würde ich solange hierbleiben, bis eine wesentliche Verbesserung meines Zustandes eintritt.

War die Meseta größtenteils eben, geht es hier ständig bergauf und bergab. Eine Reihe von Gebirgszügen sind zu überqueren, die eine besondere Herausforderung sind.

Mehrere Kilometer lange Steigungen lassen mich nur langsam vorwärts kommen. Hier kann ich aber besonders gut die in der Reha geübte Technik einsetzen.

Multitasking

Hinzu kommt, dass man am Weg immer wieder auf Pilger trifft, mit denen man sich mal kurz oder auch länger unterhält.

Das fördert das Multitasking. Ich muss ja jede Bewegung denken, denn automatisch gehen kann ich noch nicht. Zumindest auf Asphalt oder einer guter Schotterstraße kann ich nebenbei schon reden.
Allerdings bringen mich kleine Unebenheiten im Asphalt schnell ins Straucheln, stoppt mein Sprechen und ich falle mit den Gedanken zum Gehen.

Stolpern muss ich in Kauf nehmen

Trotzdem versuche ich mich dem Stolpern auszusetzen, denn nur durch das ständige Tun kann ich mich verbessern. Auch das Heben der Fußschaufel des gelähmten rechten Fußes hat sich gebessert. Dank intensiver Strom-Therapie in der Reha, konnte ich hier merkbare Verbesserungen erzielen.

Bisher war es so, dass ich im Bewegungsablauf oft vergaß, den Fuß weit genug zu heben und am Boden oder über kleine Steine stolperte. Diese Verbesserung hilft mir natürlich sehr, da die Wege steinig und schlecht sind. Kleine Schritte zu mehr Automatismus.

Sonstige Änderungen

Ich habe entgegen der Ankündigung mehr mit der Hand zu Schreiben trotzdem eine kleine Tastatur mitgenommen. Allerdings kein Tablet mehr. Ich mache alles am Smartphone.

Ich schreibe jetzt zwar mehr mit der Hand, aber noch mehr mit der Tastatur. Längere Texte sind mit der Hand einfach noch nicht möglich und dauern zu lange.

Gedanken muss ich möglichst schnell festhalten, denn ich kann mich oft während des Schreibens nicht mehr erinnern, was ich schreiben wollte. Zu sehr vertieft bin ich ins richtige Schreiben. Hier funtioniert Multitasking noch nicht.

Tastatur fürs Handy

Tagesablauf

Mein Tagesablauf hat sich gegenüber dem Ersten mal im Juni/Juli sehr verändert. Allerdings gezwungenermaßen und der Jahreszeit geschuldet. Es wird später hell und ist bis weit in den Mittag kühl.

Das kommt mir nicht sehr entgegen, da meine Nerven die Hitze brauchen, die erst am Nachmittag da ist. Allerdings sind die Herbergen in der Regel um 8 Uhr zu verlassen. Dann schlendere ich mit vielen Pausen dahin, trinke unterwegs Kaffee in einer Bar, schreibe und versuche den Vormittag zu vertreiben,  bis es wärmer ist.

Allerdings muss ich auch Energie sparen, denn das Gehen verlege ich größtenteils auf den Nachmittag. Ab Mittag fällt meine Konzentration allerdings rapide ab. Daher muss ich gut mit meiner Energie haushalten.

Die Berge, eigentlich meine Welt

Die Berge sind mein liebstes, obwohl ich auch dem Meer nicht abgeneigt bin.
Da ich keinen Zeitdruck habe, ist es egal wie weit ich täglich komme. Es geht um das Gesund werden, nicht um das erreichen eines Ortes. Santiago ist ein Nebenziel, welches sich automatisch ergibt.

Crux de Ferro

Crux de Ferro

Ich werde auch von Santiago nach Finesterre wandern, bis ans Ende der Welt.

Es gibt also Pläne, aber keine Zeiteinteilung. Der nächste Tag ist für mich schon so weit weg, wie soll ich dann begreifen was nächste Woche oder nächstes Monat sein soll.

Daher lasse ich alles auf mich zukommen und nehme jede neue Herausforderung so wie es ist. Ob am Jakobsweg, die Beziehung, essentielles wie Quartier, Essen oder den Weg. Ich weiß am Morgen nie, was der Tag bringen wird, wohin oder wie weit ich gehe oder ob ich einen Rast-Tag einlege. Auch die Stimmung ändert sich täglich. Ich lasse mich also Tag für Tag überraschen.

Alles in allem unter dem Gesichtspunkt: „STEP by STEP!“