Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Stage 2, die Nordalpen am HexaTrek

Nach dem Jura bin ich mit dem Boot über den Genfer See gefahren, nach Thonon Les Bains (Beginn des HexaTrek Stage 2, die Nordalpen). Es geht durch das Herzstück der Alpen, die für mich allerdings die größte Herausforderung darstellen. Es war ein jahrelanges herantasten und Training, um diese durchgängig langen Anstiege bewältigen zu können. Die Muskelschwäche und neurologischen Probleme sind ja nach wie vor da.

Vor den hier beginnenden Nordalpen habe ich gehörig Respekt, denn es beginnen für mich die größten Schwierigkeiten in Bezug auf Ausgesetztheit und die große Höhenlage. Im geheimen überlege ich mir, manche dieser Abschnitte zu umgehen, wobei es allerdings auch die Schönsten sind. Alleine traue ich mich aber noch nicht darüber.

Die Nord-Alpen, Hexatrek Stage 2
Mt.Blanc, die Nordalpen, Hexatrek Stage 2
Hexatrek stage 2

Neue Schuhe in Thonon

In Thonon finde ich auch Shops für neue Schuhe. Der Hexatrek forderte das Material bisher sehr stark, besonders die Schuhe, die bereits nach 700 km total hinüber sind. Am Camino war ich gewohnt, die Schuhe erst nach 1200 bis 1400 Kilometer zu wechseln, hier sind sie schon nach 550 km fast hinüber und nach 700 km total am Limit.

Neue Schuhe sind jetzt vonnöten. Erst im dritten Shop von Thonon werde ich fündig. Mein bisheriger, ein Hoka Speedgoat 5 in der Wide Version, war mein bisher bester Schuh. Allerdings werde ich die Wide Version hier kaum bekommen. Ich probiere alle möglichen Modelle durch, aber keiner ist auf den ersten Versuch bequem genug.

Mein alter Schuh schaut zwar optisch noch gut aus, aber die Sohle und die Dämpfung ist bereits sehr in Mitleidenschaft gezogen. Bereits nach 400 km begann sich die Sohle zu lösen und ich musste sie immer wieder mit Superkleber ankleben. Nach 700 km war nur mehr ein dünner Belag, zuwenig für die Alpen.

In einem Ausrüster Shop entscheide ich mich für den Altra Olympus 5, den ich bereits in England verwendete und mir daher vertraut ist. Seine breite Zehenbox ist bequem und er hat eine zwar gute, aber geringere Dämpfung, als der Speedgoat. Die beste Alternative zu allen anderen angebotenen ist er allerdings.

Es geht los, auf in die Alpen

In den Alpen geht es ständig rauf und runter. Eigentlich nicht viel anders als zuvor in den Vogesen – nur sind hier die Anstiege und Abstiege deutlich länger.

Mit 1000 Höhenmetern komme ich oft gerade einmal zehn Kilometer weit. Der Weg verlangt hier eine ganz andere Kraft. Jeder Schritt bergauf kostet Energie, jeder Abstieg wieder volle Konzentration.

Also heißt es für mich, einen neuen Rhythmus zu finden. Einen Rhythmus, der es mir erlaubt, am Tag mehr Höhenmeter zu bewältigen, ohne dabei meine Kräfte zu früh zu verlieren. Am Campingplatz de l'Essert werde ich deshalb einen Ruhetag einlegen. Der Körper braucht diese Pausen.

Nach meinem Ruhetag breche ich früh auf. Die Beine sind wieder frisch, der Weg ruft. Im Laufe des Tages hole ich Willy ein, der bereits am Vortag gestartet ist. Mit dabei ist auch seine Katze Jamy. Ein ungewöhnlicher Anblick auf diesem Weg.

Wir gehen ein Stück gemeinsam. Während wir Schritt für Schritt vorankommen, sitzt Jamy gemütlich auf Willys Rucksack. Von dort aus beobachtet sie aufmerksam ihre Umgebung. Still, konzentriert, fast so, als würde sie den Weg genauso studieren wie wir.

Es ist ein besonderer Moment. Mitten in dieser großen Berglandschaft unterwegs zu sein – und dabei eine Katze zu sehen, die ruhig auf einem Rucksack sitzt und die Welt betrachtet. Auch das sind diese kleinen Begegnungen am Weg, die eine Reise so besonders machen.

Als uns Regen überrascht, finden wir Unterschlupf unter dem Vordach einer geschlossenen Hütte und warten das Ende des Schauers ab. Wir werden von Kühen bedrängt, die ebenso unter dem Vordach Schutz suchen wollen.

Auf dem nächsten Abschnitt werde ich von Sam und Matt, zwei Thruhikern aus Neuseeland, eingeholt. Sie gehen in einem flotten Tempo, und ich beschließe, mich einfach hinter sie zu hängen.

Es ist angenehm, ihnen zu folgen. Ich kann meine Energie ganz auf das Gehen konzentrieren, statt ständig auf die Navigation achten zu müssen. Schritt für Schritt geht es weiter durch die Berge.

Am Nachmittag zieht Regen auf, und auch ein Gewitter ist angekündigt. Die Wolken werden dunkler, die Luft schwerer. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir das Refuge de Chésery und finden dort Schutz vor dem Unwetter.

Da der Regen nicht nachlässt und das Gewitter länger anhält, beschließen wir schließlich, hier zu bleiben und zu übernachten.

Refuge de Chesery, Hexatrek

Die Herausforderung Cheval Blance

Am folgenden Tag stellt sich mir die Frage: Soll ich mit Sam und Matt den schwierigen Weg versuchen oder eine Abkürzung nehmen, um die steilsten und gefährlichsten Passagen zu vermeiden? Ich entscheide mich bewusst dafür, auf dem Hexatrek zu bleiben und nehme die Herausforderung der Cheval Blance an – einem anspruchsvollen Abschnitt, der nicht nur physische, sondern auch mentale Stärke erfordert.

Die Cheval Blance ist bekannt für ihre ausgesetzten Stellen, steilen Anstiege und technisch anspruchsvollen Passagen. Um es klarzustellen, wir reden hier vom Weitwandern und nicht vom Klettern, allerdings reicht das schon für mich, wenn die Hände des öfteren zu gebrauchen sind. Schon beim ersten Blick auf den felsigen Grat wird mir klar, dass dies keine einfache Etappe wird. Der Trail ist oft schmal, und ein falscher Schritt könnte fatale Folgen haben.

Die größte Frage ist für mich, wie werde ich all das Wahrnehmen? Diese Gedanken begleiten mich während des gesamten Aufstiegs. Sam und Matt, die sicher und zielstrebig vorgehen, geben mir das Selbstvertrauen, mich auf diesem schwierigen Weg zu bewegen.

Die steilen Passagen sind besonders fordernd. Die Hände kommen oft zum Einsatz, um den Fels zu greifen und mich sicher weiterzubewegen. An manchen Stellen führt der Pfad so nah an den Rand, dass der Abgrund tief unter mir zu sehen ist. Hier hilft es mich voll und ganz auf die Bewegungen und Schritte der Neuseeländer zu konzentrieren, die mir als erfahrene Thruhiker Sicherheit geben.

Diese Etappe verlangt mir mental alles ab. Vor allem die ausgesetzten Stellen fordern höchste Konzentration. Hier gibt es keinen Spielraum für Fehler. Jeder Schritt muss sitzen.

Es ist nicht nur die körperliche Anstrengung, die mich fordert. Es ist auch diese ständige Präsenz der Angst vor einem Sturz. Eine Angst, die immer wieder auftaucht – und die ich Schritt für Schritt überwinden möchte.

Der Blick geht nach vorne, der nächste Tritt wird gesetzt, dann der nächste. So arbeite ich mich weiter über den Grat.

Wenn ich daran denke, dass ich noch vor zwei Jahren selbst auf manchen Brücken große Probleme hatte, wird mir erst bewusst, welchen Weg ich seitdem gegangen bin. Genau für solche Momente bin ich hier unterwegs, speziell beim Walkabout oder am JOGLE?

Rückblickend wird mir erst langsam bewusst, was die Überquerung der Cheval Blanche für mich bedeutet hat. Sie war einer der intensivsten Momente meiner Reise – vielleicht sogar der Höhepunkt seit meiner Rehabilitation.

Noch vor zwei Jahren hätte ich mir das nicht vorstellen können. Der Gedanke an schwankende Brücken, an schmale, ausgesetzte Grate und an diese schwindelerregenden Tiefblicke hätte mich damals wohl umkehren lassen. Zu groß war die Unsicherheit. Zu wenig das Vertrauen in meinen eigenen Körper. Doch genau diese Wahrnehmung, dieses Gefühl für Gleichgewicht und Raum, versuche ich seit vielen Jahren wiederzugewinnen.

Hier, mitten in den Alpen, habe ich mich dieser Herausforderung gestellt. Schritt für Schritt. Und ich habe sie gemeistert.

Im Moment selbst spüre ich das kaum. Die Anspannung ist zu groß. Der Weg verlangt meine ganze Aufmerksamkeit. Erst Tage später beginnt mir bewusst zu werden, was da eigentlich geschehen ist. Denn auch die kommenden Etappen verlangen weiterhin Konzentration – es warten noch einige schwierige Passagen auf mich.

So ist es oft auf diesem Weg: Während ich gehe, denke ich kaum darüber nach. Ich gehe einfach weiter. Und erst später erkenne ich, wie weit mich diese Schritte eigentlich gebracht haben.

Ein Meilenstein in meiner Rehabilitation

Die Überquerung der Cheval Blanche ist für mich nicht nur der physische Höhepunkt dieser Wanderung, sondern auch ein emotionaler Meilenstein.

Noch vor zwei Jahren hätte mich allein der Gedanke an solche Passagen vor beinahe unlösbare Probleme gestellt.

Ich erinnere mich gut an das Jahr 2021, beim Walkabout durch Austria. Am Arlberg wäre ich beinahe gescheitert. Links vom Wanderweg fiel das Gelände steil zum Bach hinunter. Dieser Anblick war für mein Gehirn kaum zu verarbeiten. Der Blick in die Tiefe brachte alles ins Schwanken, und ich musste immer wieder die Augen schließen, um nicht schwindlig zu werden.

Auch Brücken, egal ob klein oder groß, bereiten mir bis heute Schwierigkeiten. Das leichte Schwanken, kombiniert mit den oft tiefen Abgründen darunter, bringt mich manchmal zum Innehalten. Dann stehe ich kurz still, sammle mich wieder und gehe erst weiter, wenn der Kopf bereit ist.

Und doch hat sich in den letzten acht Jahren unglaublich viel verändert. Durch unzählige Schritte, durch Geduld und kontinuierliche Rehabilitation habe ich gelernt, mit diesen Situationen immer besser umzugehen. Vieles, was früher kaum möglich war, gelingt heute wieder.

Ganz verschwunden ist diese Unsicherheit jedoch nicht. Sie kann jederzeit wieder auftauchen. Aber heute weiß ich: Auch dann kann ich weitergehen – Schritt für Schritt

HexaTrek, Cheval Blance, von Links: Matt, ich und Sam
von links: Matt, ich und Sam, im Hintergrund der Mt.Blanc

Dank der Unterstützung von Sam und Matt und auch durch meine eigene, manchmal fast sture Willenskraft, ist etwas Wirklichkeit geworden, das lange Zeit unerreichbar schien. Die Besteigung der Cheval Blanche wurde zum krönenden Höhepunkt meiner bisherigen Reise durch die Alpen.

Eine Reise, die mein Leben verändert hat.

Vor acht Jahren, noch im Krankenhaus, setzte ich mir dieses Ziel. Damals war es kaum mehr als ein Gedanke, ein leiser Wunsch, der irgendwo in der Zukunft lag, so fern und eigentlich kaum zu Erreichen. Heute sind diese Bilder vom Krankenhaus Wirklichkeit geworden.

Dieser Moment erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit und mit einer Freude, die sich kaum in Worte fassen lässt. All die Schritte, all die Mühen, all die Zweifel – sie haben mich bis hierher geführt.

Und doch ist da neben dieser Freude auch ein anderer Gedanke, der leise mitschwingt:
Was kommt jetzt?

Wenn ein Ziel, das einen so viele Jahre begleitet hat, plötzlich erreicht ist, entsteht auch ein neuer Raum. Ein Raum voller Fragen. Vielleicht aber auch voller neuer Wege.

Was will ich?

Meine Handicaps sind damit nicht verschwunden. Sie begleiten mich weiterhin auf meinem Weg. Und doch hat sich etwas verändert.

Jetzt beginnt eine neue Phase. Eine Phase, in der es darum geht, ein neues Ziel zu finden und ihm eine Richtung zu geben.

Was macht mich wirklich glücklich und erfüllt?

Welche Fähigkeiten möchte ich noch weiterentwickeln?

Welche Ängste möchte ich noch überwinden?

Und welchen Beitrag kann ich zur Welt leisten?

Fragen, die mich in letzter Zeit immer öfter beschäftigen. Denn trotz meiner Behinderungen spüre ich deutlich: Ich möchte noch etwas tun.

Dass ich nicht mehr arbeiten kann, so wie früher, ist mir inzwischen bewusst geworden. Diese Erkenntnis war nicht leicht. Aber sie hat auch etwas geklärt. Jetzt geht es darum, etwas anderes zu finden. Etwas zu schaffen, das zu meinen heutigen Fähigkeiten passt.

Körperlich wird es wohl weiterhin das Weitwandern sein. Das Gehen ist und bleibt meine wichtigste Therapie. Doch auch der Geist möchte beschäftigt werden.

Das Wandern wird in meiner Zukunft eine besondere Rolle spielen. Und ich sehe meine Handicaps heute mit anderen Augen. Vieles hat sich verbessert. Meine Wahrnehmung ist stabiler geworden, sicherer als früher.

Was jedoch bis heute nicht zurückgekehrt ist, ist das automatische Gehen. Trotz der vielen tausend Kilometer funktioniert es nicht so wie früher. Gerade hier, auf dem HexaTrek, merke ich das besonders deutlich.

Die Wege sind oft schwierig – zumindest für mich. Mein Gehirn muss bei jedem einzelnen Schritt aktiv mitarbeiten. Ich denke jeden Tritt bewusst. Jeder Schritt braucht Aufmerksamkeit.

Ein Fehltritt ist keine Option.

Diese ständige Wachsamkeit verlangt eine besondere Form der Achtsamkeit. Der Kopf darf nie abschweifen. Immer wieder prüfe ich: Wo setze ich den Fuß? Wie liegt der Stein? Wie steil fällt der Hang ab?

Die Schwierigkeiten an der Cheval Blanche, wie eigentlich auf dem gesamten HexaTrek, liegen vor allem in den ausgesetzten und steilen Passagen. Für einen erfahrenen Bergsteiger mögen diese Stellen vielleicht harmlos wirken. Mancher würde darüber wohl nur lächeln.

Für mich jedoch ist der HexaTrek eine ultimative Herausforderung.

Von den schwersten Stellen habe ich keine Bilder. Fotografieren war dort für mich schlicht unmöglich.

Ich wollte durch nichts abgelenkt sein. In diesen Momenten zählt nur eines: volle Konzentration. Kein Griff zum Handy, kein kurzer Blick zur Seite.

Also ging ich weiter, Schritt um Schritt. Ganz bei mir, ganz beim Weg. Jeder Tritt musste sitzen.

Chamonix und Les Houches

Meine Dankbarkeit ist groß, diesen Abschnitt überhaupt in Angriff genommen zu haben. Und sie gilt auch Sam und Matt. Ohne sie hätte ich mich wohl nicht getraut, diesen Weg zu gehen.

Auf einem teilweise mit Seilen gesicherten Steig führt der Weg weiter in Richtung Chamonix. Dabei bewege ich mich die meiste Zeit auf etwa 2100 Metern Seehöhe. Die Landschaft ist beeindruckend, doch der Weg verlangt weiterhin Aufmerksamkeit. Schritt für Schritt geht es weiter.

In Chamonix nutze ich die Gelegenheit, mich neu auszurüsten. In einem der vielen Sportgeschäfte kaufe ich mir ein neues T-Shirt und einige Heringe für mein Zelt. Außerdem tausche ich meinen Spirituskocher gegen einen Gaskocher. Mit meiner eingeschränkten Feinmotorik ist dieser doch deutlich einfacher zu bedienen, als mit Spiritus zu kochen.

Am Campingplatz in Le Houches nehme ich mir Zeit für alles, was unterwegs kaputtgegangen ist. Ich repariere meine Ausrüstung und bereite mich auf die kommenden Etappen vor.

Größere Ortschaften werde ich in den nächsten Tagen kaum erreichen. Deshalb muss ich diesmal mehr Lebensmittel mitnehmen und entsprechend mehr Gewicht tragen. Doch auch das gehört zu diesem Weg dazu.

Vorbei am Mt.Blanc, HexaTrek

Mit Le Houches verbinde ich besondere Erinnerungen. Im Jahr 2002 war ich schon einmal hier. Damals filmte ich die Radzwillinge auf ihrer Nonstop-Tour von Graz zum Mont Blanc.

Als ich nun wieder durch diese Gegend gehe, kreuze ich sogar den Weg, den wir damals beim Aufstieg auf den Mont Blanc genommen haben. Alte Bilder tauchen auf, Erinnerungen an eine ganz andere Zeit meines Lebens.

Mit diesen Gedanken im Kopf gehe ich weiter. Die nächsten Kilometer gehören teilweise zur Tour du Mont Blanc, und stellenweise verläuft sie auf genau denselben Wegen.

So mischen sich Vergangenheit und Gegenwart. Erinnerungen von damals begleiten meine Schritte von heute.

Mt.Blanc, HexaTrek

Schön langsam beginne ich zu realisieren, was ich hier eigentlich geleistet habe. Das Gehen bereitet mir große Freude, und jeden Morgen kann ich es kaum erwarten, wieder auf dem Trail unterwegs zu sein.

Mein Tagesablauf in den Alpen bekommt nach und nach eine Routine. Genau diese Routinen helfen mir sehr. Sie entlasten mein Gehirn, weil nicht mehr alles neu überlegt werden muss. Viele Abläufe passieren immer gleich – und das gibt mir Sicherheit.

Im Moment fühle ich mich wohl. Vieles funktioniert.

An die langen An- und Abstiege gewöhne ich mich immer besser. Mein Körper hat sich angepasst, auch wenn meine Muskelschwäche sich kaum verbessert hat. Gehe ich in die Hocke, kann ich meist nicht mehr alleine aufstehen. Ich brauche etwas, an dem ich mich hochziehen oder festhalten kann.

In Supermärkten sieht das manchmal etwas seltsam aus. Aber das ist einfach so, und ich kann es nicht ändern.

Dafür hat sich etwas anderes deutlich verbessert: mein Atmen. Früher brachte mich schon die kleinste Steigung außer Atem. Heute ist das anders. Ich kann länger und ruhiger gehen, auch wenn der Weg bergauf führt.

In Richtung Südalpen, des HexaTrek

Ab jetzt führt mich der Weg immer weiter nach Süden. Schritt für Schritt entferne ich mich vom Mont-Blanc-Gebiet.

Hin und wieder tauchen noch Schneefelder auf. Dort muss ich besonders vorsichtig sein. Das Gehen auf Schnee fällt mir nach wie vor schwer. Der Untergrund gibt nach, jeder Schritt fühlt sich unsicher an, und mein Gleichgewicht wird sofort stärker gefordert.

Eine weitere Schwierigkeit am HexaTrek sind die Wege selbst. Oft sind sie übersät mit Steinen und Felsen. Für viele Wanderer gehört das einfach dazu. Für mich bedeutet es jedoch, dass mein Gehirn bei jedem Schritt aufmerksam bleiben muss.

Jeder Tritt will genau gesetzt sein. Jeder Schritt verlangt Konzentration.

Achtsam jeden Schritt zu setzen, ist hier die wichtigste Voraussetzung. Doch genau das kostet viel Konzentration und Energie. Mein Blick bleibt meist am Boden, beim nächsten Tritt. Einen Ausblick in die Landschaft bekomme ich nur dann, wenn ich bewusst stehen bleibe.

Während des Gehens muss mein Gehirn bei jedem einzelnen Schritt bleiben. Abschweifen ist kaum möglich. Dadurch ist dieser Weg für mich um vieles anstrengender als jeder Camino, den ich bisher gegangen bin.

Eine meiner größten Sorgen war immer, in schwierigem Gelände plötzlich Doppelbilder zu bekommen. Genau das möchte ich vermeiden. Deshalb ist es für mich so wichtig, immer stabiler zu werden. Nicht nur hier in den Bergen, sondern auch später im Alltag – in der Stadt und überall sonst.

Die eigentliche Kunst besteht darin, mich an der Grenze meiner Möglichkeiten zu bewegen, ohne sie zu überschreiten. Und gleichzeitig diese Grenze Schritt für Schritt ein wenig weiter hinauszuschieben.

Galabier, der "Tour de France" Berg!

Am letzten Tag der Nordalpen gehe ich Nachmittags den Col du Galibier hoch. Der genaue Weg der GPS Daten ist nicht anzufinden, so gehe ich die ersten Kilometer die Straße hoch. Es ist ein eigenartiges Gefühl diesen Geschichtsträchtigen Berg zu Fuß zu erklimmen und nicht mit dem Rad. Diese Tage sind geprägt von der Tour de France, denn immer wieder quere ich bekannte Pässe, die ich großteils nur vom Fernsehen kenne.

Nach 5 Kilometern auf der Straße, wechsle ich auf den Bergpfad. Der weitere Aufstieg ist zäh. Ein kaum begangener und noch wenig sichtbarer Weg führt nach oben und oft geht es durch steiles Geröll, wo der Weg überhaupt nicht zu sehen ist. Mit dem Handy navigiere ich mich hier durch, wobei es oft kerzengerade den steilen Hang hoch geht.

Den Pass erreiche ich hoch über dem Tunnel und der Straße und klettere vorsichtig über die steilen Schotterwände ab. Das erste Gasthaus an der Straße hat geschlossen. Also gehe ich weiter in Richtung Tal, wo eine Herberge eingezeichnet ist. Doch auch dort habe ich kein Glück – sie ist ebenfalls geschlossen, und zwar endgültig.

So bleibt mir nichts anderes übrig, als weiterzugehen. Mein Weg führt mich nun in Richtung Col du Lautaret.

Die Nordalpen am HexaTrek sind geschafft

Mit dem Erreichen des Col du Lautaret habe ich die Nordalpen geschafft. Ein besonderer Moment auf diesem langen Weg.

Es ist bereits 18 Uhr, als ich oben auf der Passhöhe ankomme. Dort entdecke ich ein offenes Restaurant – ein kleiner Glücksfall nach diesem langen Tag. Ich gönne mir ein warmes Essen und lasse die Anstrengung langsam von mir abfallen.

Danach mache ich mich auf die Suche nach einem Biwakplatz in der Nähe. Ein ruhiger Platz für die Nacht, bevor am nächsten Tag ein neuer Abschnitt dieser Reise beginnt.

Auf in die Südalpen

Am bisher kältesten Morgen auf dem HexaTrek beginne ich den Abschnitt durch die Südalpen. Der Col du Lautaret, immerhin auf etwa 2050 Metern, bildet die Grenze zwischen den beiden großen Alpenregionen.

Noch liegt vieles im Schatten, als ich mich auf den Weg mache. Die Luft ist frisch und klar. Erst langsam kommt die Sonne über die Berge und begleitet meine ersten Schritte in diesem neuen Abschnitt.

So beginne ich meinen Weg durch die Südalpen, weiter am Hexatrek.

Weiter geht´s im nächsten Blogbeitrag.

Auf in die Südalpen, Hexatrek
Kälte am Morgen, auch im August, bei +30° tagsüber

"Menschen im Porträt", das Interview!

Für die YouTube Serie, "Menschen im Porträt", von Markus Leyacker Schatzl, habe ich mich letztes Jahr bereit erklärt, nach langer Zeit, vor die Kamera zu treten. 2017 gab es einen Beitrag von Puls4, wo ich mit meinen Handicaps noch sichtlich zu kämpfen hatte. Das war einer der Gründe, dass ich ein längeres Interview bisher immer abgelehnt hatte.

Besonders die Wortfindungsstörungen waren unangenehm. Ich vergaß oft mitten im Satz, worüber ich weiter sprechen wollte oder vergaß einzelne Wörter im Satz. Deswegen hatte ich alles abgelehnt, was mit einer Kamera zu tun hatte.

Markus hat mich schon vor einigen Jahren das erste Mal gefragt, aber ich fühlte mich nicht bereit dazu. Für ein längeres Interview fehlte mir die Konzentrationsfähigkeit und mich entsprechend ausdrücken zu können.

Einen Wendepunkt brachte eine Einheit beim therapeutischen Tanzen, vor zwei Jahren. Damals verbesserte sich meine Wahrnehmung und für einige Minuten konnte ich mich, gefühltermaßen ohne Denken, bewegen. Es hatte großen Anteil daran, es zu versuchen.

Ich habe aber auch Markus zu danken, für seine verständnisvolle Art mich zu Interviewen. Die Unterhaltung ließ mich die Anwesenheit einer Kamera vergessen und war wie ein Gespräch im Kaffeehaus.

Das Ergebnis kann man hier anschauen:

Ich hoffe, es kann ein bisschen vermitteln, was ich in den letzten Jahren alles erlebt habe und eigentlich noch immer erlebe. Mit dem Gehen habe ich mir etwas erarbeitet, was mein größter Wunsch war. Es ermöglicht mir das Abenteuer Leben, mit all seinen Facetten, neu zu entdecken. In gewisser Weise bin ich wie ein Kind, daß genauso wie ich, das Leben entdecken möchte.

Der vielleicht irreführende Titel meint, ich sei um die Welt gegangen. Das bin ich natürlich nicht, sondern ich bin seit 2016 rund 45.000 Kilometer in Summe gegangen. Das wäre einmal am Äquator rundherum, was über 40.000 Kilometer wären.

Sehr viel bin ich in meiner Heimat gegangen und rund 16.000 Kilometer auf Pilgerwegen und Fernwanderungen. Ich habe meine Automatik verloren und die millionenfachen Wiederholungen, helfen mir Gehen zu können. Tue ich nichts, bildet sich alles schnell zurück.

So lange es brauchte und so schwer es war, wieder gehen zu lernen, so wartet jetzt ein noch größeres Abenteuer auf mich, nämlich LEBEN zu lernen.

Menschen im Porträt, Jörg Krasser

„Das größte Abenteuer, das du haben kannst, ist das Leben, das du dir erschaffst.“

Unbekannt


Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Leben am Limit - sechs Jahre nach der Entlassung aus dem Krankenhaus!

Am 20. August 2016 durfte ich das Krankenhaus nach 5 Monaten Aufenthalt verlassen. Es ist seither ein Leben am Limit, ein Leben, das ich in allen Bereichen von null an beginnen durfte.

Natürlich kann ich auch weniger wollen und machen, aber ich wollte kein Pflegefall bleiben, denn das war ich über ein Jahr. Dann werden einfachste Gänge wie aufs WC, neben einer befahrenen Straße oder zum Einkaufen zu gehen mühsam, wenn nicht unmöglich. Und es geht schneller zurück, als vorwärts. Zeitlich ist es wie gestern passiert und die Zeit dazwischen existiert nicht.

Die Entlassung aus dem Krankenhaus

Oft kann ich es gar nicht glauben, dass schon so viel Zeit vergangen ist. Ich muss bewusst daran denken, denn ich tue mich schwer mit dem Zeitgefühl. Für mein Gehirn beginnt jeder Tag neu.

Allerdings kann ich mich an den Tag der Entlassung noch gut erinnern. Es begann damit, dass ich sehr kurzfristig von meiner Entlassung erfuhr, dann aber doch noch einen Tag länger bleiben musste. Meine Lebensgefährtin war darauf nicht vorbereitet und musste erst alles herrichten. Die Kinder waren zum Glück gerade bei der Großmutter, es wäre sonst zu viel Stress geworden.

Eigentlich wollte ich nur mehr weg aus dem Krankenhaus. Nicht wegen der Menschen, denn ich bin noch heute jedem Einzelnen dankbar für alles, was sie für mich taten. Es waren meine Bezugspersonen über viele Monate geworden, die Krankenschwestern und besonders meine Ergo- und Physiotherapeutin.

Mit meiner Ergo- und Physiotherapeutin im Krankenhaus

Allerdings bekam ich allergische Reaktionen an den Zugängen der Einstiche am Arm und ich konnte keine Krankenhauskost mehr vertragen. Ich stieß alles ab. Es wurde Zeit, das Krankenhaus zu verlassen.

Es war ein Samstag und somit ein ruhiger Tag am Beginn des Wochenendes. Die Verabschiedung fiel mir schwer, weil ich meine Gefühle und Emotionen noch nicht unter Kontrolle hatte. Zum Glück war Wochenendbetrieb und nicht so viele der Krankenschwestern und Ärzte anwesend.

Das Packen meiner Habseligkeiten nahm ein bisschen Zeit in Anspruch, denn es hat sich doch mehr in den letzten Monaten angesammelt, als ich glaubte. Meine schwarze Expeditionstasche von früher, war bis oben hin gefüllt mit Bekleidung, ein paar Büchern und sonstigen Kleinkram.

Den Entlassungsbrief abgeholt und dann konnte mich nichts mehr halten. 11 Uhr war zum Abholen ausgemacht, aber ich verließ die Etage schon um 10 Uhr.

Die Natur war mir schon damals wichtig!

Mich selbst und die Tasche hinter mir herziehend, schleppte ich uns zum Fahrstuhl und fuhr nach unten. Immer wieder musste ich vor lauter Schwindel hinknien, denn ich konnte noch kaum mehr als ein paar Meter weit gehen und musste viele Pausen einlegen. Der Schritt ins Freie war wie eine Erlösung.

Die letzten Monate verließ ich den Reha-Stationsbereich und mein Zimmer nur ein paarmal, meist um mit dem Rollstuhl zu einer Untersuchung zu einem anderen Gebäude geführt zu werden. Diesmal war mein Ziel aber die Wiese vor der Station. Bisher war sie für mich nur vom Fenster aus sichtbar, denn die Natur und Grün war mir schon damals sehr wichtig. Ich wollte mich endlich im Gras niederlegen können und die Natur spüren, im Gegensatz zur sterilen Umgebung des Krankenhauses.

Erschöpft, diesen Weg geschafft zu haben, hatte ich noch eine halbe Stunde Zeit für mich alleine. Mein Denken funktionierte nicht und ich war einfach nur glücklich das Gras zu spüren und diese 5 Monate hinter mich gebracht zu haben. Mein neues Leben konnte endlich beginnen, von dem ich allerdings noch nicht erahnen konnte, was auf mich zukommt. Erschöpft,aber freudig und zufrieden Strichen meine Finger durch das Grün und ich spürte die Energie. Die Sonne schien auf mich und um nichts auf der Welt wäre ich zurück gegangen, ich war endlich frei, so frei wie ein zu Pflegender eben sein kann.

6 Jahre danach, noch immer ein Leben am Limit

Noch sechs Jahre danach erzeugt es Emotionen in mir, daran erinnert zu werden. Was war das für eine Zeit bisher? Damals wusste ich noch nicht, wie es weitergehen könnte, denn ich lebte, wie auch heute noch, für den Tag.

Der nächste Tag ist nicht denkbar und so war es besonders in dieser Anfangszeit. Sechs Jahre sind eine lange Zeit. Jeden einzelnen Tag sind seither meine Handicaps da und spürbar, trotz der Verbesserung. Die fehlende Propriozeption ht einen großen Anteil daran.

Es ist für mich aber nicht vorstellbar, was heute wäre, wenn ich diese lange Zeit mit nicht soviel Rehabilitation, Übungen und Training verbracht hätte? Es gibt natürlich auch Zeiten des Nichtstun, aber auch diese Zeit ist Rehabilitation und darf im richtigen Moment auch sein. Allerdings darf es nicht länger als ein paar Tage dauern, sonst baue ich zu viel ab.

Am liebsten vergleiche ich die letzten Jahre mit meinem Training im Leistungssport, denn dieses früher erlebte Wissen hilft mir heute. Meine Rehabilitation ist mit dem Training im Sport vergleichbar, wenn auch viele Leistungsstufen und Zielsetzungen darunter. Es geht darum, die 24 Stunden am Tag fürs besser werden zu nutzen. Mein Gehirn hält mich nach wie vor im Jetzt fest und lässt Ausflüge in die Vergangenheit oder Zukunft nur beschränkt zu. Das erleichtert es mir, meine Energie für die Heilung einzusetzen und nicht in nutzlosen Gedanken zu verlieren.

Leben am Limit, in vielen Bereichen

Mein Hauptaugenmerk liegt in der Wahrnehmung, gefolgt vom Kraft- und Ausdauertraining, sowie dem Gehirntraining. Was hat sich aber seit diesen sechs Jahren verändert und warum "Leben am Limit"?

Seit dem Krankenhaus habe ich viel erreichen dürfen, allerdings sieht man im Blick von Außen nur einen klitzekleinen Ausschnitt vom Ganzen. Es sieht oder es weiß kaum jemand um den nötigen Aufwand, um mich unter besten Umständen sehen zu können, den ich brauche, um nicht zu viel Energie zu verlieren.

Besonders die Wahrnehmung im Äußeren muss dann passen, dass ich mich zum Beispiel mit jemanden persönlichen treffen kann. Die Energie ist noch vorm Ende des Tages zu Ende, das muss ich immer im Auge behalten. Meine Defizite merkt man mir großteils nicht an und verfällt leicht in den Glauben, es geht mir eh gut.

Ein wichtiger Punkt ist die Kraft und Ausdauer. Allerdings musste ich erkennen, dass ich dranbleiben muss und mich nicht gehen lassen darf. Spätestens am zweiten Tag habe wieder was dafür zu tun, um es wenigstens zu Erhalten. Denn ich brauche mindestens dreimal so lange, um wieder dort zu sein, wo ich war.

Leben am Limit

Walk. Eat. Sleep - Repeat

Im Gehen hole ich mir die meiste Motivation und Gesundheit und deswegen ist Pilgern so wertvoll für mich. Damit konnte ich bisher schöne Fernwanderungen unternehmen, die mir viel gebracht haben. Es ist wie ein Trainingslager, wo ich mich nur ums Gehen, Essen und Schlafen kümmern muss. Diese Konzentration darauf bringt mir viel.

Das Leben am Limit besteht unter anderem darin, dass ich mich sehr auf mich konzentrieren darf und keine anderen Gedanken zulassen muss. Sobald ich mich zum Beispiel unterhalte, sinkt meine Leistung in allen anderen Bereichen. Darum bin ich meistens alleine unterwegs, denn dabei kann ich meine Eigenwahrnehmung am besten schulen und auf alles schnell reagieren. Das Gehen zu zweit trainiert allerdings meine Wahrnehmung im Außen. Ob alleine oder zu zweit, alles passiert an der Grenze.

Ich integriere in das Gehen viele Übungen vom therapeutischen Tanzen, das mir in vielerlei Richtung hilft. Ich konnte damit meine äußere Wahrnehmung verbessern, mein Gehen, meine Bewegung und noch vieles mehr, wie zb. meine Leichtigkeit, im doppelten Sinne gemeint. Dieses "viele mehr" sind oft nur kleine Dinge, die mir aber in Summe zu einer besseren und leichteren Bewegung verhelfen und damit ein Großes ergeben.

In einer Stunde beim therapeutischen Tanzen
In einer Stunde beim therapeutischen Tanzen

Der Punkt: Wahrnehmung im Außen

Am Anfang war es unumgänglich für mich, für die Überquerung einer Straße meine Wahrnehmung zu steigern. Ich konnte lange nicht abschätzen, wie weit entfernt oder wie schnell ein Auto auf mich zukommt. Jede Straße ohne Zebrastreifen oder Ampel wurde zur Herausforderung. Wobei ich die ersten drei Jahre manche Ampel oft nicht bei Grünphase schaffte. Die letzte Ampel, am Hauptbahnhof gelegen und mit einer doch recht kurzen Grünphase, schaffte ich erst im Winter vor zwei Jahren bei Grün zu überqueren. Es war unangenehm, die Blicke der in Eile befindlichen Autofahrer zu spüren oder angehupt zu werden, wenn die Autofahrer Schon losfahren wollten. Oft wünschte ich mir ein großes Behindertenschild umgehängt zu haben. Die Inklusion ist bei den meisten sogenannten "normalen" Bürgern noch nicht angekommen.

Die Wahrnehmung ist aber auch, Entfernungen abschätzen zu können. Drei Jahre verbrachte ich immer wieder damit, Papierkügelchen aus unterschiedlichen Entfernungen in einen Papierkorb zu werfen. Später wechselte ich dann auf ein Frisbee ins Freie, was ich bis heute noch übe. Langsam bekomme ich mehr Gespür für die Distanz, was mir sehr weiterhilft.

2016, mit Frisbee. Ein Leben am Limit.
2016, der erste Versuch mit Frisbee

Aber auch im "Klettern" habe ich mich weiterentwickelt. Nicht so weit weg von mir befindet sich ein Höhleneingang, in deren Vorraum es sich für mich ideal einen Schritt über dem Boden üben lässt. Angefangen habe ich im Kinderbereich einer Kletterhalle, mit nur hinaufsteigen auf den untersten Bereich. Schon das Stehen und mit der Hand festhalten war ein Kraftakt und nur kurz möglich. Heute kann ich mich im echten Fels bis zu 30 Sekunden hin und her bewegen. Dann lässt die Kraft meist in den Finger aus.

So hoch!
Klettern
Klettern, einen halben Meter über dem Boden

...und sonst noch?

Solange ich nicht in Bewegung bin, also hauptsächlich zu Hause, brauche ich noch viel Zeit in der horizontalen Lage. Das bedeutet, ich verbringe noch immer viel Zeit im Liegen, denn da hat das Gehirn die beste Erholung. Besser ist nur noch Schlafen, davon brauche ich mindestens 10 Stunden in der Nacht, zusätzlich zur Ruhe am Tag.

Dieses Jahr hatte ich zum ersten Mal keine Aufwärtsbewegung in meiner Rehabilitation. Der Tiefpunkt war der Nierenstein im März, der mich viel gekostet hat und was ich bis heute nicht aufholen konnte. War die ersten Jahre eine langsame lineare Aufwärtsbewegung möglich, so flachte sie mit dem Beginn der Pandemie ab und seit letztem Herbst auch mal abwärts zu gehen.

Es war seit Herbst 2021 ein ewiges Auf und Ab und eher ein so gut es geht, den Zustand zumindest zu halten. Bis jetzt ist mir das einigermaßen gelungen, wenn ich auch einige Vorhaben nicht durchführen konnte. Mein Ziel ist es nach wie vor eine Verbesserung zu erzielen, denn mehr oder weniger Behinderung bedeutet dasselbe, es bringt mich beides trotzdem ständig ans Limit.

Im Moment lebe ich schon zu lange ein Leben am Limit, dass immer zugegen ist. Wenn ich liege und aufstehe, ist die erste Zeit am Limit. Wenn ich vom Rad absteige, dauert es einige Minuten, bis ich mich wieder ans Gehen gewöhne und den Schwindel in den Griff bekomme. Die Muskel- und Körperschwäche behindert mich sehr und ich könnte noch viele Dinge aufzählen, um dieses Leben am Limit zu beschreiben.

Allerdings denke ich nicht so viel darüber nach, was nicht geht, als an das, was ich wieder möglich machen möchte. Selbst an schlechten Tagen verliere ich kaum meinen Optimismus und versuche alles, was mir dann guttut, auch zu machen.

Himmel und Hölle

Wenn ich mich nach meinem Himmel und Hölle Spiel bewerte, dann stehe ich an schlechten Tagen auf 3 und an guten auf 4. Dass ich noch nicht auf 5 bin, habe ich der Pandemie zu verdanken, wo ich nach meinem Wintercamino knapp dran war. Aber ich arbeite weiter daran.

Am Beginn nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus bin ich auf 1 gelegen. 6 Jahre Jahren später habe ich mit viel Übung und Training die 4 noch nicht langfristig erreicht. Die Zukunft wird zeigen, was noch möglich ist.

Himmel und Hölle Spiel, wo stehe ich? Mein Leben am Limit.
Himmel und Hölle Spiel, wo stehe ich?

Es ist mir klar, dass mit fortwährender Dauer eine Verbesserung langsamer wird, langsamer als es eh schon ist. Aber auch beim Radrennfahren bin ich früher immer drangeblieben und es zeigte mir, dass Aufgeben kaum Sinn macht. Bei minus 40 Grad in Alaska gibt es kein Aufgeben, so wie auch jetzt nicht.

So wird die Rehabilitation noch länger in meinem Leben bleiben. Das Leben am Limit kann ich hoffentlich in Zukunft reduzieren, es ist aber derzeitig notwendig, um weiterzukommen.

Zur Feier des Tages - Radfahren!

Zur Feier des Tages bin ich mit dem Rad gefahren. Das Radfahren steht wie kaum was anderes für meine verbesserte äußere Wahrnehmung und Reaktion.

Ich bin zwar vorsichtig unterwegs und im Zweifelsfall langsam, aber es geht voran. Einzig die Körperschwäche limitiert mich noch. Die Muskeln und das Bindegewebe rund um die Wirbelsäule ermüden zu schnell. Aber auch hier zählt dranbleiben. Kilometer um Kilometer weite ich aus und bin glücklich, schon15 bis 25 Kilometer fahren zu können, je nach Tageszustand.

Wie kannst du ein Limit setzen, wenn du die Grenzen nicht kennst?



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Vom Radfahren, Selfies und der Wahrnehmung!

Seit einigen Wochen übe ich wieder vermehrt Radfahren. Dabei mache ich auch Selfies im Fahren, die beides meine Wahrnehmung trainieren. Es war und ist noch immer ein weiter Weg dorthin.

Mit dem Rennrad unterwegs zu sein, ist ein wichtiger Baustein, um schneller reagieren zu lernen. Das Radfahren dient in erster Linie meiner Wahrnehmung im Äußeren, wobei aber auch der Inneren eine Bedeutung zukommt. Mit der Propriozeption habe ich sowieso eine Aufgabe, die mir oft endlos erscheint.

Selfie beim Radfahren
Selfie beim Radfahren

Selfie beim Radfahren

Seit 2017 versuche ich meine Rehabilitation mit Fotos zu dokumentieren. Ich werde immer wieder dazu gefragt, wie ich das denn am Rad mache. Das Problem ist bei mir ja die Feinmotorik der Finger und die Tiefensensibilität. Von daher kommt es, dass ich gerade von den ersten Jahren meiner Rehabilitation nicht viele Fotos habe.

Mit dem Training der Feinmotorik in den Fingern höre ich bis heute nicht auf. Es ist einer der vielen Punkte, die alle meinen Gesamtzustand ausmachen.

Zuerst nur im Stand am Rad sitzend, versuchte ich mich im Laufe der Zeit auch während dem Fahren an Selfies. Zweimal ist mir das Handy aus der Hand geglitten, ich hatte aber Glück, es ist nie zerbrochen. Ich brauche aber auch ohne Radfahren jährlich ein bis zwei Handys. Die Feinmotorik lässt noch immer zu wünschen übrig.

Außerdem mache ich meist viele Fotos, von denen ich hoffe, dass eines geworden ist. Ich habe mich auch schon am Filmen versucht, aber das ist ein anderer Fall. Mein Gehirn macht da nicht mit und ich bin schnell überfordert. Ich zeige natürlich nur die besten Fotos, die unzähligen Versuche dazu sieht man natürlich nicht.

So geht es auch mir, denn man sieht nur mich als Ergebnis, allerdings sieht niemand das viele Training oder wenn ich einmal nicht mehr kann. Gerade Treffen mache ich meist nur unter besten Voraussetzungen, die oft rar sind. Das bekommt man dann zu sehen. Das ist wie ein Bild, für das aber viele notwendig waren.

Die Äußere Wahrnehmung

Die äußere Wahrnehmung bezieht sich auf die Umweltwahrnehmung und damit sind Menschen und Gegenstände gemeint, wie fahrende Autos oder andere Fußgänger. Nur langsam lerne ich, die Geschwindigkeit des eigenen Körpers oder eines Autos, zum Beispiel für die Überquerung einer Straße, richtig einzuschätzen.

Um über eine Straße zu kommen, brauchte ich anfangs mehrere Minuten. Ich musste oft 30 Sekunden in eine Richtung schauen, bis ich erkennen konnte, dass nichts kam. Das Gleiche auf der linken Seite. Allerdings war ich mir dann nicht mehr sicher, ob rechts nichts kommt und so begann das Spiel von Neuem.

Beim Radfahren ist wichtig, alle auftretenden Hindernisse schnell zu erkennen, was eine große Steigerung im Gegensatz zum Überqueren einer Straße war. Diese äußere Wahrnehmung im Ansatz wieder zu erlernen war der Grund, weshalb ich erst nach vier Jahren mit dem Radfahren beginnen konnte.

Anfangs konnte ich nur alleine fahren, denn ich musste derart aufmerksam mit mir und der Umgebung sein, eine Begleitung hätte mich nur abgelenkt. Das dauerte damals mehrere Monate, bevor ich mit meinem Freund Harry zusammen Radfahren ging. Mit ihm hatte ich in Australien, Alaska und Afrika Radrennen bestritten und jahrelang zusammen trainiert. Das geht nur, weil ich großes Vertrauen in ihn habe. Mit anderen Personen traue ich mich noch nicht. (Hier geht's zum: Wie ich Radfahren begann)

Harry und ich beim Altstadtkriterium
Harry und ich beim Altstadtkriterium in Graz, 1992

Ich musste zuerst mein räumliches Vorstellungsvermögen wieder herstellen. Step by Step steigerte ich mit meiner Wahrnehmung auch die Kilometer, sowie die Zeit, die ich auf dem Fahrrad verbringen konnte. Eineinhalb Stunden waren damals, Ende des Jahres 2020, möglich.

2021 lag mein Focus allerdings wieder am Gehen, meinem Ziel geschuldet, dem Walkabout durch Österreich. Über den darauffolgenden Winter saß ich nur sehr sporadisch am Rad, wodurch sich die Wahrnehmung stark zurückbildete. Das war aber auch der Pandemie geschuldet, dessen Folgen mir im Nachhinein betrachtet sehr stark zusetzten und dieses Jahr umso stärker herauskamen.

Walkabout durch Austria
Leichtigkeit am Walkabout

Ich startete diesmal zwar nicht bei null, musste aber trotzdem Radfahren in der Wahrnehmung neu lernen. Besonders mein Muskelkorsett war miserabel und verhinderte langes Sitzen. Ich fühlte mich wie eine schlecht gespannte Marionette.

Die Innere Wahrnehmung...

...beschränkt sich nicht nur darauf, was ich außerhalb meines physischen Körpers erfahre, sondern bezieht sich auf das spüren von Gefühlen und Emotionen, wie Freude oder Unbehagen.

Da hat der Hirnabszess am Thalamus ganze Arbeit geleistet, denn er steuert den Körper. So habe ich alles neu zu lernen, selbst heute, nach über sechs Jahren noch immer. Es scheint ein endloses Thema zu sein. Setzte ich nur kurz aus mit dem Training, bildet sich alles zurück.

Therapeutisches Tanzen für die Wahrnehmung

Seit September 2019 gehe ich regelmäßig zum therapeutischen Tanzen. Dort lerne ich nicht nur die Bewegung neu, sondern auch meine innere und äußere Wahrnehmung wiederzuerlangen. Deshalb ist diese Art der Therapie so genial für mich und es ist mir unverständlich, dass es nicht von der Krankenkasse anerkannt wird.

Ich habe dort die Möglichkeit, in einem geschütztem Rahmen, diese innere und äußere Wahrnehmung wiederzuentdecken und auszuprobieren. Ob Einzelstunde oder im Gruppentraining, jede Stunde birgt eine neue Erfahrung, die mich weiter bringt. Es bringt mich oft an die Grenze, aber nur dort ist ein Weiterkommen möglich.

Vieles in der Therapie gelernte, kann ich auch beim Radfahren umsetzen oder hilft mir, weiterzukommen. Denn gerade die Wahrnehmung ist beim Radfahren besonders gefordert.

therapeutisches Tanzen
therapeutisches Tanzen

Thema Freude und Genuss

Die Themen Freude und Genuss konnte ich erstmals erfolgreich beim Radfahren umsetzen. Bisher war Radfahren mehr Therapie oder Krafttraining, aber letztens konnte ich 15 Kilometer unter Genuss zurücklegen.

Selfie beim Radfahren
Selfie beim Radfahren

Viel weiter hätte es nicht sein dürfen, dann wäre es vorbei mit dem Genuss gewesen. Durch die Körper- und Muskelschwäche gerate ich schnell ans Limit. Dieses Limit immer weiter hinauszuschieben, ist mein Ziel. Das bringt mir auch für den Alltag viel. 

Dabei ist es wichtig, auf mich zu hören und meiner Eigenwahrnehmung zu vertrauen. Diesmal bin ich rechtzeitig vom Rad gestiegen und konnte die Ausfahrt unter Genuss verbuchen. Ein wichtiger Tag für mich, denn es werden auch wieder andere Tage kommen, Tage des Trainings und Tage wo es mir nicht so gut geht.

So aber kenne ich jetzt das gute Gefühl, welches ich mit Leichtigkeit verbinde. Ich darf mich nur nicht beirren lassen, es wieder zu spüren. An Tagen wo ich Radfahren gehe, darf ich umso mehr meiner Eigenwahrnehmung vertrauen und lerne jedes Mal, mehr zu spüren. Wann ist es Genuss oder wann darf ich wie weit gehen, im Krafttraining.

Der Hirnabszess und dessen Folgen sind mit Abstand mein längstens und wichtigstes Rennen im Leben,vorher war alles nur die Kür.

Da fällt mir nur mehr ein Spruch im geplanten Vespa-Film ein:

"Let´s keep it rolling"


Das Altstadt-Kriterium Graz ist zurück - mein Gamechanger!

Das Altstadt-Kriterium Graz ist am 26.Juli, nach vielen Jahren der Abwesenheit, wieder zurück. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dieses Rennen hat 1992 mein Leben nachhaltig verändert. Die Erlebnisse rund um das Rennen waren einer der Gründe, wenn nicht sogar der Hauptgrund, für meinen Wechsel vom Straßenradrennsport zum MTB-Extremsport.

Das Kriterium in Graz war damals eine der wenigen Möglichkeiten als Amateur gegen Profis zu fahren. Außerdem bot es die Möglichkeit, die Mannschaft, die Sponsoren und sich selbst in der Heimatstadt zu präsentieren. Die Wiederbelebung dieses Rennens dient mir dazu, das damals erlebte für mich jetzt nach dem Hirnabszess aufzuarbeiten, zu verstehen und wie ich den Weg zum Mountainbike fand.

Seit dem Hirnabszess ist Aufarbeiten ein wichtiges Thema für mich. Die Gründe, weswegen ich Extremsportler wurde, weiß kaum jemand.

Altstadt-Kriterium Graz 1990
Vorne Guiseppe Saronni, Mitte Stephen Hodge, hinten Jörg Krasser

1992, ein wichtiges Jahr für meine Laufbahn

Ich arbeitete damals noch bei der Post als Beamter. Also eigentlich, denn 1992 nahm ich über den Sommer hinweg mehrere Monate unbezahlten Urlaub, um mich ganz dem Radrennsport widmen zu können. Keine lästigen Urlaubsansuchen, um an Rundfahrten teilnehmen zu können, 24 Stunden am Tag trainieren, um besser zu werden und genug Zeit für Erholung zu haben.

Das waren Vorteile, die unbezahlbar waren und sich auch in Ergebnissen niederschlugen. Allerdings waren auch Vorkommnisse dabei, die mich oft am Wert dieser Ergebnisse zweifeln ließen. Das Altstadt-Kriterium war dann die Spitze des Eisberges. Nach einem weiteren Jahr auf der Straße wechselte ich dann aufs Mountainbike endgültig um.

Zeitfahren Thörl, Sieg vor Strecko Glivar aus Slowenien
Sieg!

Das Jahr begann mit dem Frühjahrsklassiker Wien-Eisenstadt-Wien

Dieses Rennen war der größte Klassiker Österreichs im Frühjahr, zur damaligen Zeit. Die Wetterbedingungen machen dieses Rennen besonders schwer, es gab immer starken Gegen- und Seitenwind und in diesem Jahr ganz besonders.

Regen, Kälte und Wind, manchmal so stark, dass ich mit der kleinen Scheibe im Flachen gegen den Wind ankämpfte, machten es 1992 wirklich schwer. 500 Meter vor dem Ziel war ich auf Siegeskurs, allerdings streikte dann meine Gangschaltung am Ende des Schlussanstieges und ich konnte nicht mehr hinunter schalten.

Die letzten flachen Meter ins Ziel strampelte ich bei starkem Rückenwind mit nur 53:17. Wenige Meter vor dem Ziel überholten mich noch einige Fahrer und so belegte ich nur den für mich enttäuschenden 5. Rang.

Sportmedizinischer Leistungstest
Sportmedizinischer Leistungstest

Die Form passt

Damit wusste ich zumindest, dass meine Form passte und mehrere gute Ergebnisse in den nächsten Wochen bestätigten das. Wenige Wochen vor der Österreich-Rundfahrt kam der Nationalteam-Trainer zu mir und sagte, ich solle die nächsten Wochen auf mich aufpassen, nur mehr gut trainieren, nicht mehr um Platzierungen zu kämpfen, denn er plante mich fix für eines der drei Nationalteams ein.

Dort dabei sein zu dürfen, dafür arbeitete ich seit Jahren. Ein Traum ging in Erfüllung.

Die nächste Episode passierte mir bei einem gut besetztem Rennen. Obwohl nicht vorgesehen, passierte es trotzdem, dass ich in der 20 Mann Spitzengruppe landete, die vereint zum Zielsprint antrat. Ich wurde Siebenter, schien aber nicht in der Wertung auf. Erst nach Reklamation und dem Studium der Zielkamera wurde ich doch noch nachträglich an die erreichte Stelle gesetzt.

Damals kam eine erste Unzufriedenheit damit auf, von so vielen äußeren Umständen abhängig zu sein, um gute Ergebnisse erreichen zu können. Straßenrennfahren war ein Teamsport und es braucht viele Dinge, um vorn dabei zu sein, aber zum wiederholten Mal übersehen zu werden oder von Funktionären abhängig zu sein, war mir zuwider.

Steiermark Rundfahrt
Steiermark Rundfahrt

Und es kommt anders, wie man glaubt.

14 Tage vor der Österreich-Rundfahrt war ich in einen Massensturz verwickelt, dessen Verletzungen mich eine Woche nicht trainieren ließen und mich weit zurückwarfen. Die Österreich-Rundfahrt war für mich damit gestorben.

Die Luft war draußen, denn mein größtes Saisonziel hatte ich damit nicht erreicht. Aber noch war ich freigestellt von der Arbeit als Postbeamter und so versuchte ich mich erneut für die restliche Zeit zu motivieren und gut zu trainieren. Eine Eigenschaft, die mir heute, nach dem Hirnabszess, zugute kommt. Nicht aufgeben, niemals und unter keinen Umständen.

Altstadt-Kriterium Graz 1992

Zwei Tage nach der Tour de France fand das Altstadt-Kriterium statt. Die Profi-Stars waren Sean Kelly, Acasio da Silva, Harry Maier und dazu kam noch die heimische Elite.

Altstadt-Kriterium Graz,
Fluchtversuch mit Harry Maier
Fluchtversuch mit Harry Maier

Eine nasse Straße am Anfang war nicht einfach, kam mir aber entgegen. Schon bei den ersten Wertungen konnte ich punkten und ich hielt mich immer in den vordersten Positionen auf. Es gab ein gutes Gefühl, gegen Weltklassesprinter wie Sean Kelly fahren zu können.

Dazu war die Stimmung wie nirgendwo sonst in Österreich und die 30.000 Zuschauer waren Weltklasse. Riesiger Jubel begleitete uns rund um die Strecke und besonders die Kopfsteinpflasterpassage die Bürgergasse hoch, verursachte Gänsehaut.

Allerdings machte ich die Rechnung ohne den Wirt. Ich hatte am Ende sechs Punkte erreicht, was für einen Platz, unter den ersten zehn normalerweise locker gereicht hätte. Mein Name wurde aber nicht zur Siegerehrung aufgerufen. Ok, dachte ich, dann hat es eben nicht für die ersten zehn gereicht, war mein erster Gedanke. Mein Präsident des Radklubs und der sportliche Leiter hatten keinen Überblick und so fuhr ich am Abend nach Hause.

Am nächsten Tag schlug ich die Zeitung auf und sah, dass ich hinter Roland Königshofer, dem besten Amateur, den sechsten Rang belegt hätte, aber nicht aufschien. Der folgende Anruf beim Veranstalter brachte hervor, dass mich ein Rennkommissar mit einer Runde Rückstand führte, die ich aber nie hatte. Ich kann es mir nur so erklären, dass ich mit einem meiner Teamkollegen verwechselt wurde. Ich war bitter enttäuscht, denn wieder einmal wurde ich nicht belohnt.

Dass so ein Fehler beim Heimrennen, vor 30.000 Zusehern, möglich ist, war mir unverständlich. Ich verzichtete auf jeden Protest, es war sowieso schon zu spät. Betroffen entschloss ich mich, noch in derselben Woche einen Flug nach Australien zu buchen, um an der Australien Bike Challenge im September teilzunehmen, welche die erste West-Ost Durchquerung per Rad von Australien werden sollte. Es war mein Einstieg ins Abenteuerradrennen, von dem ich nicht mehr Los kommen sollte.

Mit Rudi Stangl in Australien
Mit Rudi Stangl in Australien

Gamechanger

Ich hängte zwar noch eine Straßensaison 1993 an, aber dieser Ausflug nach Australien sollte mein Leben verändern. Dort lernte ich den Amerikaner John Stamstad kennen, der mir von einer Reihe toller Rennen in den USA erzählte, darunter auch das Iditasport Race in Alaska. Dieses Rennen sollte mein Leben nachhaltig verändern.

Iditasport Bike in Alaska
Idita Bike in Alaska

Bei diesem Rennen war ich alleine verantwortlich, was das, was ich werde. Keine Betreuer oder Funktionäre, ich alleine hatte es in der Hand etwas zu werden oder eben auch nicht. Das zu managen, wurde meine neue Aufgabe, in deren Folge ich auch meinen Beamtenjob an den berühmten Nagel hängen sollte.

Iditasport Race in Alaska 1995

Dreimal die Crocodile Trophy, die Kenia Sport Safari und natürlich das Iditasport Race, dass ich 1997 exequo mit Harry Maier gewinnen konnte waren, waren die Folge.


Alle 📸 vom Altstadt-Kriterium in Graz ©Klaus Krasser



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Gehen in der Natur, mein wichtigster Aspekt für die Genesung nach dem Hirnabszess!

Gehen in der Natur ist Leben, dazwischen steht Üben, Therapie und Training, das zwar auch dazugehört, ich aber nicht unbedingt zum Leben dazuzählen möchte. Ich muss dazusagen, dass ich jetzt im siebenten Jahr nach dem Hirnabszess stehe.

Die Therapie an der Propriozeption ist etwas, was ich nicht an einem Tag erlernen kann und bei mir sowieso einer ständigen Veränderung unterworfen ist. Es geht darum hineinzuspüren, wie es mir aktuell geht und dann daran trainieren. Gewisse Dinge lassen sich allerdings auch nicht mehr herstellen, wie manches am Nervensystem.

Deshalb komme ich auch vom Reha-Gedanken nicht los. Von Anfang an in der Reha, in der Physiotherapie, Ergotherapie oder im therapeutischen Tanzen, hat sich der Reha/Therapie-Gedanke festgesetzt und ist nach wie vor in mir präsent. Dranbleiben ist wichtig und dafür muss ich meine Motivation fürs Training und Üben hochhalten, auch wenn ich einmal nicht möchte. 

Gehen in der Natur, Propriozeption trainieren
Propriozeption trainieren

Gehen in der Natur

Zu Hause ist noch zu viel im Gedanken der Therapie, etwas verbessern zu wollen oder wenigstens behalten zu können. Das Leben tritt dabei in den Hintergrund. Leben und Therapie passen noch nicht zusammen, denn mein Leben ist von Therapie bestimmt.

Besonders die Corona-Pandemie mit ihren Maßnahmen hat mich sehr aufgehalten wieder ins Leben zu kommen. Daher war der Camino Frances eine willkommene Abwechslung zum täglichen Training zu Hause. Die täglich vielen Stunden Gehen in der Natur taten mir gut. Allerdings zeigte der Weg mir auch alles gnadenlos auf, was nicht passte.

Gehen in der Natur, am Camino
Schnee am Camino Frances

Seit dem Camino arbeite ich konzentriert an allem. Durch die vielen Einschränkungen in der Pandemie habe ich mich seit zwei Jahren immer mehr zum Gehen in die Natur zurückgezogen. Vieles schon gelernte, ist jetzt wieder neu zu erfahren. Doch dieses "neue" kann auch abschrecken, es kostet mir oft zu viel Energie. Dann heißt es ruhig bleiben und weitermachen, wie ich eben schon vor drei Jahren an mir arbeitete.

Oft bleibe ich dafür lieber im Wald, der mir Ruhe gibt, um wieder Energie fürs Weitermachen zu haben.

Gerade die Propriozeption litt unter Corona

Es sind so viele Bereiche zum Trainieren, dass ich nur langsam vorwärtskomme und die Propriozeption ist dabei eine der wichtigsten. Unterteilen kann ich sie in die Empfindungsnerven, in Nerven, welche die Muskeln steuern und Nerven, die die Organe steuern.

Jeder einzelne Bereich gehört trainiert und therapiert, um meine Wahrnehmung und die Bewegung zu verbessern. Beim Gehen merke ich es sofort, wie ich drauf bin. Höre ich auf an etwas zu trainieren oder gibt es eine zu lange Unterbrechung, bildet sich alles immer wieder schnell zurück.

Daher waren die Einschränkungen in der Pandemie wenig hilfreich, da ich nicht alles kompensieren konnte. Ich tat zwar, was ich konnte, aber in Summe war der Rückschritt zu groß. 

Gleichgewicht trainieren, Vorbereitung für das Gehen in der Natur
Gleichgewicht trainieren

Aber nun zu den einzelnen Punkten der Propriozeption, wie es derzeit um mich steht:

Empfindungsnerven

Besonders die Hände fühlen sich pelzig an und das Gefühl ist mal besser oder schlechter. Besonders das Gefühl über die Stellung von Muskeln und Sehnen ging verloren. Durch die wenigen Informationen über die momentane Körperhaltung entsteht eine Gang-Unsicherheit. Nur durch die endlosen Wiederholungen im Gehen, besonders beim Pilgern, kann ich mittlerweile recht sicher gehen. Dranbleiben heißt aber das Zauberwort, denn es bildet sich immer recht schnell zurück und Unsicherheit ist dann die Folge. 

Enge Gehsteige neben einer befahrenen Straße erfordern dann noch mehr Aufmerksamkeit als sonst. Sicherheit gibt mir dann das entlang gleiten mit einem Finger am Zaun oder einer Mauer neben mir. Damit kann ich Entfernungen besser abschätzen und bleibe stabiler.

Bei der Temperatur muss ich noch besonders aufpassen. Das Wärme- und Kälte-Empfinden hat sich zwar gebessert, ist aber noch immer gestört. Ich kann oft nicht richtig abschätzen, wie starker Sonnenschein oder Kälte schnell zu Sonnenbrand oder Erfrierungen führen kann. Die Nerven senden falsche oder gar keine Reize an das Gehirn. Die Folge können ein Schweregefühl, ein Kältegefühl, Missempfindungen oder ein verändertes Schmerzgefühl sein.

Eine Schwierigkeit ist es, das immer richtig einordnen zu können. Da hat mir das therapeutische Tanzen beim Üben der Eigenwahrnehmung sehr geholfen. Damit lerne ich immer besser, alle Empfindungen besser einordnen zu können. Diese mittlerweile immer bessere Wahrnehmung meiner selbst hilft mir über die fehlende Wahrnehmung im Außen hinweg.

An Brücken oder ausgesetzten Stellen muss ich nach wie vor aufpassen, es geht aber schon viel besser. Klettern in der Waagrechten, einen Schritt die Wand hoch, geht schon. Senkrecht die Wand hoch, funktioniert noch nicht. Schwindel haltet mich noch davon ab.

Klettern, die Propriozeption trainieren

Motorische Nerven (Muskeln)

Notwendige Impulse werden nicht richtig oder gar nicht an Muskeln weitergeleitet. Das bekomme ich besonders beim Bergauf gehen zu spüren oder wo ich Kraft brauche. Außerdem spüre ich die Halbseitenlähmung wieder stärker, besonders am rechten Fuß. Besonderes Augenmerk lege ich deshalb darauf, beide Beine gleich zu belasten oder im Fitnessstudio das Richtige zu trainieren.

Ich bekomme sonst immer wieder Kreuzschmerzen durch die ungleiche Belastung, besonders beim Tragen vom Rucksack. Wenn ich nicht darauf achte, kann es zu schmerzhaften Überreaktionen kommen.

Daher ist auch sechs Jahre nach dem Hirnabszess noch Therapie notwendig, die ich aber größtenteils in Eigenregie durchführe, denn genug Übungen kenne ich von vergangenen Physiotherapien. Mein Tagesablauf ist geprägt von so vielen verschiedenen Dingen, auf die ich achten möchte und die notwendig sind. Mein Leben gleicht einem Spitzensportler, der auf so viele Sachen achten muss, um Leistung erbringen zu können.

Der Unterschied zu mir ist, ich möchte nur wieder leben oder überleben können. Deshalb bezeichne ich diese Zeit auch als "das längste Rennen, dass ich je gefahren bin".

24 Stunden am Tag sind dazu da, um besser zu werden. Mindestens 10 Stunden dauert die Nachtruhe, nur dann habe ich genug Energie für den Tag. Seit einem Monat verwende ich eine Uhr, die viele Parameter aufzeichnet. Es ist ein recht genaues Abbild meines Zustandes und zeigt mir, dass ich mit meinem Gefühl richtig liege. Ich werde demnächst einen eigenen Artikel darüber schreiben, was mir die Uhr sagt, zeigt und wie ich sie benutze.

Gehen in der Natur, Kontrolle mit Uhr

Das autonome Nervensystem (Organe)

Hier kann es zu unterschiedlichsten Folgen kommen, je nachdem, welches Organ betroffen ist. Meine Haut ist sehr trocken und außerdem sehr dünn. Das macht sich schnell in Verletzungen bemerkbar. Kleine Rempler erzeugen oft blaue Flecken.

Die Blendempfindlichkeit ist mal besser, mal schlechter und Sonnenbrille ist sowieso Pflicht bei mir, wegen der Gefahr von epileptischen Anfällen, die oft mit einem Hirnabszess einhergehen. Ich bin zwar lichtempfindlicher und habe Aura-Wahrnehmungen, aber keine der allgemein bekannten epileptischen Anfälle, wo man mit Zuckungen am Boden liegt.

Meinen schnellen Herzschlag, der nach dem Hirnabszess selbst in Ruhe über 80 betrug, konnte ich durch Ausdauertraining senken. Das dauerte aber dreieinhalb Jahre. Derzeit liegt mein Ruhepuls bei etwa 55. Als Radrennfahrer lag er bei etwa 38. Alleine das Aufstehen von einem Sessel brachte meinen Puls auf 130, der bis heute auf 100 gefallen ist. 

Gehen, Gehen, Gehen 

Das viele Gehen brachte mir also in allen Bereichen etwas. Wichtig ist das kontinuierliche Gehen bei mir und da waren meine Pilgerwege in Spanien und andere Fernwanderungen das Beste dafür. Natürlich spielen noch viele andere Aspekte eine Rolle, aber Gehen ist für mich die wichtigste Basis geworden. Zu Hause fühle ich mich im Wald am wohlsten.

Kein Jahr war bisher gleich und ich bin manchmal von mir selbst überrascht, wie ich meine Motivation seit so vielen Jahren hochhalten kann. Dieses Jahr ist allerdings erstmalig kein so leichtes für mich, denn es waren erstmals Rückschritte. Besonders mental muss ich es verkraften, dass mir die Pandemie doch mehr zu schaffen machte, als ich dachte.

Auf Kinderspielplätzen werde ich oft daran erinnert, wenn ich das Himmel-Höllenspiel sehe, wo ich stehe. Im Moment ist das Leben wieder weiter fort gerückt, als es schon war. Wieder Leben zu lernen, ist mein vorrangiges Ziel geworden. Dafür arbeite ich an mir. Wieder einmal ins Kino gehen zu können oder am Abend genussvoll Essen gehen zu können, davon kann ich derzeit nur träumen.

Himmel und Hölle Spiel
Himmel und Hölle, wo stehe ich?

Ich bin mir noch nicht wirklich darüber klar geworden, welcher Weg dorthin führen kann. Zunächst heißt es aber einfach weitermachen, dort, wo ich vor der Pandemie aufgehört habe.

"Man muss das Leben gut studieren, und jeden Tag von Neuem ausprobieren."

Da gilt besonders für mich.


Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Rein ins Leben oder worauf wartest du?

"Zurück ins Leben" oder "Rein ins Leben"? Am Camino hatte ich dieses Jahr eine Begegnung, die mich oft zum Nachdenken brachte. Es ging um, "Rein ins Leben" und nicht "Zurück ins Leben".

Allerdings bin ich noch immer recht stark im Gedanken der Therapie verhaftet. Denn tue ich nichts oder weniger spezielles gegen meine Defizite, falle ich sofort im gesamten Bereich zurück. Therapie und Training bleiben also auch weiterhin in meinem Leben.

Trotz Therapie-Gedanken, "REIN ins Leben"!

Es ist, wie schon so oft in den letzten Jahren, eine reine Ansichtssache. Diese Ansicht verändert allerdings viel. REIN oder ZURÜCK ist ein großen Unterschied. Was ist aber der Unterschied?

Das hier niederzuschreiben ist "Therapie", weil ich so alles leichter verarbeiten kann, trotz der Schwierigkeiten mit dem Schreiben. Nachdenken über etwas, ist ebenfalls noch schwierig und endet oft nur mit den sich im Gehirn ewig kreisenden Fragen und keiner Möglichkeit, eine Antwort darauf zu finden. Daher spüre ich zunächst einmal im Körper, wie sich Rein und Zurück anfühlt.

Nun, es fühlt sich anders an, ob ich REIN oder ZURÜCK spüre. "Rein ins Leben" hat etwas Leichtes, fühlt sich gut an und hat etwas nach vorne gerichtetes. Es fühlt sich nach mehr Leichtigkeit an.

Bei ZURÜCK habe ich dagegen immer das Gefühl, ich muss mich umdrehen und es hat etwas Verrenkendes und Mühsameres. Da zeigt es sich wieder, wie wichtig die richtige Wortwahl sein kann. Denn gedachte Worte erzeugen eine Emotion, die wiederum Gefühle erzeugen und diese Gefühle sind körperlich spürbar.

Auf lange Sicht hatten gedachte Worte auch zur Entstehung des Hirnabszess ihren Teil und aus diesem Grund ist das, "wie denke ich über mich", so wichtig. Das bekomme ich immer wieder zum Spüren. Daher ist der Zustand des "Glücklich sein" sehr entscheidend. Bin ich glücklich, habe ich keine schlechten Emotionen, die wiederum oft krankmachende Gefühle auslösen.

REIN ins Leben hat eine besondere Kraft. Kommt eine negative Stimmung in mir auf, brauche ich mir nur "Rein ins Leben" vorsagen oder denken und schon kommt eine positive Kraft und Stimmung auf.

An Menschen muss ich mich erst gewöhnen, daher "Rein ins Leben"
An Menschen muss ich mich erst gewöhnen

ZURÜCK ins Leben

Das war lange mein Leitspruch, der sich mittlerweile allerdings überholt hat. "Zurück" würde heute bedeuten, zurück in mein altes Leben zu wollen. Das möchte ich aber gar nicht, denn würde ich das wirklich wollen, bekäme ich Probleme. Meine Nervenschädigungen sind so stark, dass ich gar nicht ins alte Leben zurückkann. Es hatte lange seine Berechtigung, aber jetzt zählt nicht mehr "zurück", sondern "rein".

Zurück würde bedeuten, dass ich wieder das kann, was ich machte. Der Hirnabszess hatte aber die Aufgabe, dass ich meinem Leben eine Kehrtwendung geben sollte und neu anfangen. Das habe ich getan, aber natürlich kommen immer wieder Gedanken hoch, die etwas vom Alten wieder zurückmöchten.

Besonders anfangs hatte ich von der Sozialversicherung den Druck, wieder als Videojournalist zu arbeiten oder zumindest in Teilbereichen, als Cutter oder so. Das setzte mich unter Druck, wieder etwas zu können, was nicht mehr war und bis heute nicht mehr ist.

Ein solches "zurück" hat mein Gehirn nicht zugelassen. Ich brauchte selber lange, um das zu realisieren. Noch immer bin ich auf meinem neuen Weg, alles in geordnete Bahnen zubringen, es gibt aber kein "zurück" mehr. Es heißt, mit meinen Defiziten zu leben und sie in mein Leben zu integrieren. Die Folgen des Hirnabszess werden mich noch länger begleiten.

Hirnabszess am Thalamus, weit weg vom Rein ins Leben
Hirnabszess

Zitate und Sprüche

Verschiedene Zitate und Sätze sind mir dazu in die Hände gefallen, von denen ich oft nicht mehr weiß, wo sie herstammen:

"Wir alle geraten von Zeit zu Zeit mal ins Stocken.Wir alle machen gelegentlich ein paar Schritte zurück.Jeden Tag müssen wir uns aufs Neue entscheiden, uns auf unser Ziel zuzubewegen. Wirklich leben geht nur nach vorne."

Cheryl Strayed

Leben ist Rhythmus. Alles Leben ist Tanz.

Das Gefühl des Glücks lebt in der Seele.

Just walk, rein ins Leben
Just walk ...und rein ins Leben!

Am Camino France einen glücklichen Abend verbracht

Es war der Abend in Granon, wo ich in einer Kirche übernachtete. Am Abend saßen alle Pilger zusammen mit den Herbergsleitern und jeder konnte etwas von sich erzählen. Der zum Sprechen dran war, bekam eine Kerze in die Hand und so war im sonst dunklen Raum nur das Gesicht des Sprechenden von der flackernden Kerze beleuchtet.

Es war ein besonderer Abend, an einem besonderen Ort. Ich lauschte den Erzählungen der anderen und sagte selber auch etwas. Ich fühlte mich inmitten des Lebens. Solch ein Gefühl hatte ich vorher noch nie gehabt. Schon davor saß ich beim Ofen, in einer tollen Atmosphäre und in mir breitete sich Frieden aus.

An diesem Abend wusste ich, ich bin zurück im Leben, aber nicht im alten, sondern in meinem neuen Leben. In der Früh, am nächsten Tag, war alles voller Schnee. Trotz niedriger Temperaturen und nassem Weg war ich glücklich. Ich lächelte still in mich hinein und stapfte los. Eine wunderschöne Lichtstimmung am Morgen mit Schnee brachte mich in eine dankvolle, freudige Stimmung.

Morgenstimmung, "Rein ins Leben"
Morgenstimmung, "Rein ins Leben"

Im Nachhinein gesehen, kam dieser Tag genau zur richtige Zeit. Seit über zwei Jahren war ich nicht mehr mit so vielen Menschen zusammen gesessen und wieder einmal war es der Camino, der mir das Leben näher brachte. Es sollte zwar noch viel auf diesem Camino passieren, aber diesen Abend konnte mir keiner mehr nehmen und diese positive Stimmung nahm ich mit heim.

"Rein ins Leben!", es wartet auf mich. Mit allen Handicaps und Macken, die ich habe. Es bleibt wieder ein langsames Herantasten!



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Wie ich die Folgen des Hirnabszesses am Thalamus therapiere?

Die Folgen des Hirnabszesses bereiten mir nach wie vor Schwierigkeiten. Der Abszess saß am Thalamus, der Steuerzentrale des Körpers. Durch die Corona-Pandemie musste ich meine Rehabilitation verändern und das war nicht leicht, denn viel Training der ersten Jahre war damit umsonst, wie das Gewöhnen an die Stadt.

Seit der Pandemie ist die Natur noch mehr mein "Rehazentrum" geworden. Das Idita Sport Race in Alaska nannte der Regisseur Gernot Lercher, die größte "Sportarena" der Welt. Heute ist die Natur meine größte "Reha-Arena" der Welt.

Idita Bike Alaska
Die größte Sport-Arena der Welt, das Idita-Bike Race in Alaska

Der Abszess am Thalamus

Oft geht ein Hirnabszess mit einer gesamten Wiederherstellung aller Funktionen aus. Bei mir ist das nicht der Fall, da der Abszess am Thalamus saß.

Der Thalamus ist die Steuerzentrale des Körpers und betrifft Körper und Geist. Daher bin ich auch noch nach über fünf Jahren in Therapie und Rehabilitation.

Hirnabszess am Thalamus

Er ist die Sammelstelle für alle Sinneseindrücke, außer dem Geruchssinn. Bei mir kommt es zu Störungen der Oberflächen- und Tiefensensibilität, welche eine Schwere in den Extremitäten zu Folge hat. Motorische Phänomene und eine Halbseitenlähmung kommen dazu.

Die Tiefensensibilität ist für die Eigenwahrnehmung der Motorik wichtig, um seine Lage im Raum zu bestimmen und seine Haltung zu entwickeln. Nur langsam kann ich mich wieder räumlich zurechtfinden und orientieren.

Bergauf und bergab wurde es zwar auch besser, ich habe aber noch immer Schwierigkeiten damit. Solange mein Kopf aufrecht bleibt, habe ich es unter Kontrolle. Muss ich den Kopf neigen, bekomme ich Wahrnehmungsschwierigkeiten, die sich in Schwindel äußern und Unsicherheit. Darum geht es in erster Linie, wenn ich von Wahrnehmung spreche.

Anhalten am Baum, gestörter Thalamus
Anhalten am Baum, im steilen Wald

Mein Training dafür

Das Training dafür führt mich meist in die Natur. Steile Hänge querfeldein kletternd, bringen mich schnell ans Limit.

Thalamus Therapie in der Natur

Da ich mit allen vieren dahin steige, bin ich außerhalb der Zentriertheit, was mein Gehirn nicht verarbeiten kann. Bleibe ich stehen, muss ich zuerst die Augen schließen, um den Schwindel zu verarbeiten. Nach ein paar Minuten kann ich weiter steigen.

So arbeite ich mich höher und höher. Es ist ein langsames herantasten, wie das Gehen lernen. Körperlich ist es anstrengend, denn die Muskelschwäche lässt mich schnell außer Atem kommen.

Die ersten Jahre war es mir nur wichtig, wieder aufrecht gehen zu können. Jetzt stehen die nächsten Hürden an. Schnelle Lageveränderungen sind mir nicht möglich und daher mein nächstes Ziel. Es würde so viel mehr an Sicherheit bringen, nicht nur im Straßenverkehr.

Seit der Corona-Pandemie halte ich mich fast nur mehr in der Natur auf. Mich an die Stadt zu gewöhnen, habe ich derzeit aufgegeben. Ich genieße die Wunder der Natur und besonders die ersten Frühlingszeichen. Speziell die Bäume strahlen eine Stärke aus und passen sich oft der Natur ganz ungewöhnlich an.

Die Natur ist mir dabei sehr behilflich, meine Wahrnehmung zu verbessern. Allerdings ist es nur in kleinen Schritten möglich, denn nach einem solchen Training brauche ich mehrere Ruhetage.

Sobald es die Pandemie zulässt, möchte ich wieder Pilgern gehen, denn das ist dafür besonders geeignet, meine Wahrnehmung zu verbessern.



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Vom steirischen Steffl zum Stift Rein und zurück, der Grazer Umland-Weg!

Wandern als Therapie, am Grazer Umland-Weg. Brain Fog, chronische Fatigue, Muskelschwäche, meine Beschwerden seit dem Hirnabszess haben viele Namen. Sie haben große Ähnlichkeit mit Long Covid und erfordern nach wie vor Therapie.

Diesmal gings am Grazer Umlandweg, von Straßengel zum Stift Rein und zurück. Der Aufenthalt in der Natur hilft mir, diesen Gehirnnebel wieder ins Gleichgewicht zu bekommen.

Wandern am Grazer Umlandweg
Blick zurück auf die Kirche Straßengel

Brainfog oder Gehirnnebel

Bis zum März 2020 konnte ich mich verbessern, was meine Gedächtnisleistung betrifft. Seit Beginn der Corona-Pandemie trat wieder eine Verschlechterung ein.

Ausgang war der Hirnabszess 2016

Es ist kein richtiges Denken möglich, man vergisst ständig was und es ist kaum möglich, mehr als ein, zwei Seiten eines Buches zu lesen, die Konzentration fehlt. Stimmungsschwankungen, eine mangelnde Fokussierung, Konzentrationsschwierigkeiten mit einer Orientierungslosigkeit, fällt mir seit dem Winterbeginn an mir auf.

Was ist Brain-Fog? https://www.panikattacken-wastun.at/angststoerung-brain-fog/

Ich brauchte von 2016 bis 2019, um meine Gehirnleistung einigermaßen zu verbessern. Nach dem Camino France im Jänner/Februar 2020 war meine Gehirnleistung so gut wie noch nie, seit dem Hirnabszess. Mit Beginn der Corona-Pandemie begann es sich zu verschlechtern. Die Lockdowns und die vielen Regeln, beherrschen meine Denkvorgänge und stellen mich vor besondere Herausforderungen.

Am Camino Frances, kurz vor der Pandemie

Mit dem Winterbeginn trat dieser Brainfog immer wieder auf und hat jetzt einen Höhepunkt. Mein Gehirn kreist ständig um Corona, auch wenn ich es nicht möchte. Es ist schwierig aus diesem Gedankenkarussell auszusteigen und klare Gedanken unmöglich.

Die Ursache dafür kann vielfältig sein, bei mir war es der Hirnabszess. Seit Covid ist es bekannter, denn manchmal erkranken auch Covid Betroffene daran. Es ist aber nicht nur das. Die chronische Fatigue und Muskelschwäche betrifft mich schon seit Jahren. Dazu die fehlende Propriozeption und fertig ist der Salat. Oft weiß ich gar nicht, woran ich trainieren soll oder worauf ich mein Hauptaugenmerk legen soll, weil noch immer so viel notwendig ist.

Wandern als Therapie

Was mir sehr hilft, ist Wandern. Das Pilgern in Spanien fehlt mir, denn das hat mir bisher am besten geholfen. Im Gehen wird das Gehirn und das Denken beruhigt. Gut sind neue Wege, wie der Grazer Umland-Weg, denn dann ist das Gehirn damit beschäftigt neues aufzunehmen und kann nicht in eine Endlosschleife fallen, wie es sonst leicht der Fall ist.

Wandern, Pilgern und Gehen ist eine Möglichkeit, dem Brain Frog zu entkommen. Am wichtigsten ist es, im täglichen Leben etwas zu ändern. Das ist seit Corona allerdings anders geworden, denn diese Änderungen sind nur begrenzt für mich möglich. Von der Politik, bis zu den Regeln, belastet zu viel meine Gedankengänge, da bleibt oft kaum etwas fürs Gesund werden über.

Eine weitere wichtige Therapie ist das therapeutische Tanzen, die auch mit Bewegung zu tun hat. Ich schließe es meist danach mit einer Wanderung von Frohnleiten nach Judendorf ab, wo ich das neu Gelernte verfestige. Das Gehen und Bewegen bleibt meine beste Therapie.

Grazer Umlandweg

Der Grazer Umland-Weg

Nach einer schlechten Nacht, wegen dem Brain Frog, beschloss ich über den Grazer Umland-Weg nach Rein zu gehen und wieder zurück nach Judendorf. Bei sonnigem Wetter startete ich bei der Kirche in Straßengel. Auf Wald- und Wiesenwegen, legte ich die ersten Kilometer zurück. Seit meinem Sturz am Eis zu Weihnachten, steht das Training an der Koordination an erster Stelle. Diesmal wollte ich aber im Kopf leer werden und dem Gedanken Karussell entkommen.

Nach einem Asphaltstück ging es einen traumhaften Waldweg entlang. Der Wald hat mir schon immer sehr gut geholfen und ich kann mich gar nicht satt daran sehen, an den Bäumen und den Farben. Bergauf, bergab führt mich der Weg in die Schirning, oftmals noch die Kirche Straßengel im Blickfeld. "Waldbaden" ist ja öfter Teil meines Therapie-Planes.

Der Aichkogel

Von der Schirning geht es entlang des Aichkogels vorbei. Meist im Wald, ist es sehr beruhigend für die Augen, den Geist und das Gehirn. Jegliche belastenden Gedanken verschwinden und man steht im Leben, welches die Grundbedürfnisse befriedigt, an erster Stelle dem Atem.

Durch die Muskelschwäche kommt dem Atem eine besondere Bedeutung zu. Es dauerte dreieinhalb Jahre, bis ich den Ruhepuls von 80 nach dem Krankenhaus, auf 55 bis 60 herunterbrachte. Als Radrennfahrer hatte ich 35 und vor dem Hirnabszess noch 45. So stapfe ich aufwärts, auf den Atem konzentriert und ohne Gedankenspiele im Kopf.

Stift Rein, am Grazer Umland-Weg

Nach 15 Kilometern erreiche ich das Stift und mache gegenüber auf einem Hügel, mit Blick hinunter und über die Gegend, Rast auf einer Bank. Es ist so anders, wenn ich unterwegs bin. Alles fällt von mir ab und ich brauche mich nur um mich selbst spüren und kümmern. Gerade dieses selbst spüren, was ich in mir fühle, ist wichtig.

Die Gegend um Stift Rein gefällt mir und der Grazer Umland-Weg führt durch Wälder, die im Sommer besonders grün sind. Einer der wenigen Vorteile in dieser Corona-Zeit, ist das Kennenlernen meiner Umgebung und das Anfinden von immer noch neuen Wegen, die ich noch nicht kenne.

Von Rein weg, geht es noch auf den Kalvarienberg mit seinem Kreuzweg. Moderne Kreuze säumen den Weg, der an einer Kapelle endet, hoch über dem Gratkorner Becken. Eine tolle Aussicht zum Abschluss. Vorsichtig geht es steil hinunter nach Gratwein. Jeden Tritt muss ich aufpassen und genau überlegen, wo ich den Fuß hinsetzen.

Zurück nach Judendorf

Ich entschließe mich für den direkten Weg von Gratwein zurück nach Judendorf. Den Waldweg hebe ich mir fürs nächste Mal auf. Bald lacht mir die Kirche von Straßengel entgegen und ich schließe die Runde nach über 20 km ab.

Es war diesmal fast ein Pilgerweg für mich. Mehr nach Innen gekehrt, als nach Außen. Ja, Gehen gibt mir Sinn und bringt mich wieder ins Gleichgewicht. Seit meinem Walkabout war ich nicht mehr über mehrere Tage unterwegs, dabei hilft es mir wie kaum was anderes, in meiner Rehabilitation. Das Gehen bringt mich zurück ins Leben.

Aus diesem Grund möchte ich heuer noch Pilgern gehen oder, je nach Pandemie Lage, einen langen Weg in Österreich. Ich habe viel erreicht dadurch in den letzten Jahren in meiner Rehabilitation, wenn es durch Corona auch verzögert wurde.

Mal schauen, wo mich die Pandemie noch hinlässt?



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Gehirn auslüften in der Natur und beim Klettern!

Die letzten Wochen waren ungewohnt anders, als die Monate davor. Ein Sturz am Glatteis zu Weihnachten, hatte neben Prellungen meinen gesamten Körper erschüttert und mein Gehirn durcheinandergebracht. Nach einem ziemlichen Auf und Ab der letzten Wochen, stand dringend ein Auslüften meines Gehirns in der Natur an.

Ähnlich erging es mir vor meinem ersten Jakobsweg 2018. Mein Ziel war damals, im Gehirn wieder leer zu werden. Damals kreisten viele Fragen in mir herum, waren aber nicht weiter oder fertig zu denken. Seit der Corona-Pandemie geht es mir ähnlich. Die vielen Regeln und Bestimmungen fordern mein Gehirn mehr, als mir lieb ist. Dabei brauche ich nach wie vor alle Ressourcen fürs Gesund werden.

Camino Frances 2018
Camino Frances 2018, leer werden im Kopf

Bewegen in der Natur, dem Gehirn zuliebe.

Nach vielen Ruhe- und Erholungstagen musste ich in die Natur, denn nur dort findet mein Gehirn die Ruhe, die es braucht. Waldbaden und Bewegung im Wald sollte mich wieder in die Spur bringen. Ich war zwar in den letzten Wochen öfter im Wald unterwegs, aber jeder Schritt musste angedacht werden und langsame Bewegungen waren notwendig. Ich fühlte mich in diesen Tagen zurückversetzt an den Anfang meiner Rehabilitation, vor fünf Jahren.

Ausblicke

In Gratkorn ging es in den Wald. Gehen, Bewegung mit einem Tuch und ein wenig Bouldern nahm ich mir vor. Klettern trainiert Kraft, Beweglichkeit, Koordination und die Wahrnehmung. Besonders das Abschätzen wie weit der Griff weg ist und die Koordination dazu, bringt mir viel.

Wobei Klettern und Bouldern eigentlich übertrieben ist. Einfach in den Fels einen Fuß hoch einsteigen und dann hin und her, mehr ist nicht notwendig. Kaum ist die Hand am Fels, geht es nur mehr ums Greifen und die Wahrnehmung, das Gehirn beginnt abzuschalten und sich zu fokussieren.

Durch die Muskelschwäche bleibt mir allerdings nur kurze Zeit zum Üben. Gegen meine ersten Versuche vor 3 Jahren, habe ich allerdings eine Steigerung. Der echte Fels bringt, im Gegensatz zur Kletterhalle, meine Finger viel schneller ans Limit.

Leichtigkeit, mit einem Tuch spüren lernen

Bei der Therapie im therapeutischen Tanzen konnte ich wieder mehr Leichtigkeit in den Körper bekommen, der sich in den letzten Tagen und Wochen, seit dem Sturz, schwer anfühlte. Besonders die Oberschenkel und Arme sind davon betroffen.

Übungen mit Tüchern aus Seide sind besonders erfolgreich, um wieder mehr Leichtigkeit zu spüren. Mit so einem Tuch übe ich zu Hause und im Freien, so wie hier im Wald. Es sind oft die kleinen und spielerischen Dinge, die große Wirksamkeit haben.

Corona, Leben, Rehabilitation und mein Gehirn

Den Tag in der Natur konnte ich genießen und endlich einmal abschalten. Schon in den letzten Wochen habe ich begonnen, in der Natur wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Das ist oft nicht einfach, denn die Handicaps begleiten mich jederzeit und erinnern mich jede Sekunde daran.

Da kommen solche Tage recht, um mich anderen Dingen widmen zu können. Im Wald entdeckte ich einen besonderen Baum, der wie aus einem Felsen gewachsen schien. Eine faszinierende Erscheinung, wie er um den Felsen herum wuchs.

Seit Corona hat sich viel verändert und besonders das Leben lernen unmöglich gemacht. Das trifft mich am meisten. Nur wenige Ausnahmen, wie der Walkabout, haben mich das Leben wieder spüren lassen. Die meiste andere Zeit ist mein Gehirn mit den Regeln und Bestimmungen für Corona beschäftigt, damit kommt es kaum klar.

Seit Corona befinde ich mich fast nur in Therapie und Rehabilitation und besonders mein Gehirn leidet darunter. Darum war dieser Tag in der Natur so besonders, wie schon lange nicht mehr.


Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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