49. Es wartet Gehen 2.0 auf mich

16. März 2018
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7 Minuten Lesezeit

Warum muss ich nach so langer Zeit noch immer gehen lernen? Nun, Gehen 2.0 ist noch einmal etwas anderes als alles, was bisher notwendig war. Am Anfang ging es lediglich darum, wieder mobil zu sein. Die wichtigsten Alltagsanforderungen zu bewältigen, sich überhaupt wieder im Leben bewegen zu können. Doch dabei wollte ich nicht stehen bleiben. Ich möchte nicht nur gehen können, ich möchte wieder gehen und laufen.

Auch mein Verständnis von Zeit hat sich grundlegend verändert. Anfangs ging ich davon aus, dass ich in einem Jahr wieder hergestellt sein würde. Heute weiß ich, wie naiv dieser Gedanke war. Mittlerweile habe ich eine andere Zeitdimension kennengelernt. Fünf bis zehn Jahre brauchen ähnliche Fälle für die Rehabilitation. Diese Erkenntnis hat meinen Blick verändert: Weg von der schnellen Rückkehr, hin zu einem langen, geduldigen Prozess. Das Gehen ist kein Ziel, das man erreicht und abhakt, sondern ein Weg, der sich über Jahre entfaltet.

Alles geht vom Gehirn aus

In einem Magazin las ich folgenden Satz, der sich mir einprägte:

Ich muss Schmerzen beschreiben können. Jeder Schmerz hat seine Botschaft. Entweder Stop, nicht weiter oder die Bestätigung, dass ein richtiger Prozess angestoßen wird." 

Hochspringer Mutaz Barshim aus Katar

Mit dem Gehen und Laufen ist es nicht anders. Ich bekomme Rückmeldungen von meinem Körper, und diese sagen mir derzeit ganz klar: Gehen. In den Jahren zuvor habe ich verlernt, auf die Signale meines Körpers zu achten. Ich glaubte, ich sei unverwundbar, habe Grenzen ignoriert und Warnungen überhört, die es sicher gegeben hat.

Heute ist das anders. Ich höre hin. Ich nehme ernst, was mein Körper mir sagt, egal, was es ist und unabhängig davon, wie andere darüber denken. Diese Rückmeldungen sind mein Kompass geworden. Sie geben das Tempo vor, sie bestimmen den Weg. Nicht Ehrgeiz oder Ungeduld, sondern Aufmerksamkeit und Respekt. Denn das Gehen lehrt mich nicht nur Bewegung, sondern auch Achtsamkeit.

Bei 0.0 beginnen, ein echter Neuanfang

Im Verhältnis bin ich schon sehr weit gekommen, auch wenn es von außen oft so wirkt, als wäre nicht viel weitergegangen. Vergisst man dabei doch leicht, wo ich herkomme. Im Krankenhaus, vor nun bald zwei Jahren, war ich über lange Zeit bettlägerig. Genau dort hat mein Abenteuer begonnen, wieder laufen zu lernen. Auch wenn ich es bislang „nur“ bis zum Gehen geschafft habe, ist das bereits ein weiter Weg.

Ein großes Lob gebührt meinen Therapeutinnen Lydia und Kerstin. Sie haben mir Zuversicht gegeben und mir geholfen, wieder Vertrauen in meinen Körper zu fassen. Auf der Reha-Station leisten alle einen unglaublichen Job. Mit Geduld, Fachwissen und Menschlichkeit begleiten sie diesen langen Prozess. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Rasiert am linken Kopf und intravenöser Zugang
Rasiert am linken Kopf und intravenöser Zugang

Der nächste Schritt

Jetzt steht der nächste Schritt bevor. Ich möchte wieder unbekümmert und ohne darüber nachzudenken, gehen können. Später sogar einmal Laufen.

Als ich das Krankenhaus verließ, konnte ich mich zumindest fortbewegen. Der Anfang war gemacht. Alleine das war wie ein Wunder. Das ganze vorige Jahr übte ich ausdauernd daheim und war zweimal auf Reha. Dort bekam ich Standfestigkeit und Sicherheit beim Gehen. So hantelte ich mich Stück für Stück weiter.

Vorbereitung auf Gehen 2.0
Auf Reha lernte ich das Gehen auf verschiedenen Untergründen

Der Anfang - Gehen 0.0, lernen wie ein Baby

Als ehemaliger Leistungssportler weiß ich viel über Trainingslehre, aber das hier sprengte alles. Im oberen Bereich hatte ich Erfahrung, ich wusste wie ich meinen Körper auf Höchstleistung hin trimmen konnte. Aber von 0 anzufangen, dass war Neuland für mich. Zuerst lernte ich den Querbettsitz.

Ich vertraute den Physiotherapeutinnen und verbesserte mich langsam. Nachdem ich das Sitzen geschafft hatte, konnte ich mit dem Rollstuhl fortbewegt werden. Zumindest so lange, bis mir auch im Sitzen schwindlig wurde.

Ich kann mich noch erinnern, als ich das erste mal im Rollstuhl saß. Mein Wille wieder gehen zu können, wurde dadurch angestachelt. Ich wollte mich gar nicht mit der Funktion des Rollstuhls allzu lange aufhalten, wichtiger waren die Vorbereitungen zum Aufstehen.

Wenn niemand im Zimmer war, übte ich das Aufrichten und Aufstehen. Es ging immer nur für kurze Momente, weil die Kraft fehlte. Dazu kam ein ungeheurer Schwindel, kaum das ich mich aufrichtete. Nach zwei, drei Versuchen war die Kraft alle und ich sank erschöpft zurück ins Bett.

Die Stufen des Gehens

Was ich für Gehen lernen halte, hat jetzt eine neue Dimension erreicht. Es geht nicht mehr nur um die reine Fortbewegung, es geht auch darum, wie ich mich fortbewege. Das ungelenkige und steife Gehen ist mir zu wenig, ich möchte mehr. Wieder gehen wie früher. Diesen Anspruch habe ich an mich.

Ab jetzt ist nicht (nur) die Technik gefragt. Ich möchte lernen, wieder unbewusst gehen zu können. Einfach nur gehen - ohne nachzudenken wie und die Steifigkeit ablegen. Denn das unbewusste Steifhalten kostet mich viel Energie, die mich zwar vor Stürzen bewahrt, aber die am Ende des Tages fehlt.

Steif über die Wurzeln

Noch ist die Steifheit ein Sicherheitsfaktor für mich. Mir fehlt noch immer das Gefühl an den Füßen, den Boden mit seinen Unebenheiten zu spüren. Ich wirke wie ein Betrunkener, wenn ich im Schnee, über eine Wiese oder im Wald gehe. Tapse ich ohne Steifhalten in ein Loch, würde ich einknicken und stürzen. Daher das Roboterhafte gehen. Ein Mitgrund, warum ich noch nicht laufen kann. Mir fehlt im Moment das Vertrauen, mich im Falle eines Sturzes schnell genug abrollen zu können.

Ich bin mit der Reaktionsfähigkeit noch zu langsam und würde wie ein Baumstamm umfallen. Verletzungen wären die Folge. Die kann ich mir aber nicht leisten, denn eine Woche nicht Gehen hieße, zwei Wochen wieder zu trainieren, bis ich da bin, wo ich vorher war.

Allerdings habe ich kürzlich von einem Top-Läufer aus Deutschland gelesen. Nach einem Unfall mit Schädel-Hirn Trauma hat er 5 Jahre gebraucht, bis er wieder an einem 10 Kilometer Rennen teilnehmen konnte. In jedem Training stürzte er unzählige male, weil die Motorik nicht mitkam.  (Hier gehts zum Artikel)

Im Wald gehen

Gehen von 0.0 auf 1.0 und weiter zu 2.0

Am Anfang musste ich wieder lernen, was es bedeutet, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die ersten Wochen und Monate waren Schwerstarbeit, körperlich wie mental, doch ich war motiviert. Die Technik des Gehens musste neu erlernt werden, ebenso die nötige Kraft in den Beinen und das Gleichgewicht. Besonders schwierig war, dass ich nur einem Gedanken folgen konnte, während das Gehen mehrere gleichzeitig verlangt. Das war völliges Neuland für mich.

Jeder Muskel musste einzeln zum Bewegen angedacht werden. Automatisch ging gar nichts mehr. Fuß anheben, einen bestimmten Muskel anspannen, den nächsten Schritt vorbereiten. Nach wenigen Metern musste ich mich setzen und ausrasten. Nach fünfzehn Minuten war anfangs Schluss für den Tag. Außerhalb des geschützten Bereiches im Krankenhaus war Gehen nicht möglich. Erst nach vier Monaten konnte ich mich zum ersten Mal ins Freie wagen und ein paar Schritte gehen. Nach weiteren Wochen schaffte ich 300 Meter im Freien, mit vielen Pausen.

Elektrotherapie
Elektroterapie, gegen die Lähmung rechtsseitig

Meine ersten 100 Meter

Ich kann mich noch erinnern, wie ich zusammen mit meiner Therapeutin Lydia, den Gang im Krankenhaus zum ersten Mal schaffte. Es ging auf der Station, um die Kurve,  vielleicht 50 Meter weit. Ich war erschöpft, aber glücklich. Zurück rastete ich auf jeder erreichbaren Bank. Alles in allem dauerten die 100 Meter eine halbe Stunde. Aber Zeit spielte damals keine Rolle. Ich war glücklich und jeden meiner weiteren Gehversuche würde ich an dieser neuen Marke messen. In gewisser Weise wurde damals mein Wettkampfinstinkt erweckt.

Bald darauf wurde meine Mobilisation durch die Operation unterbrochen. Nach der OP konnte ich zwar stehen, aber das Gehen war nur begrenzt möglich. Der Rollstuhl war wieder gefragt. In gewisser Weise musste ich damals noch einmal von vorne anfangen. (Hier der Bericht der OP)

Zurück auf der Reha Station des LKH

So ging es mir monatelang. Ich versuchte die Zeit oder die erreichten Meter immer öfter auszudehnen. Am Ende schaffte ich mehrere Hundert Meter, natürlich immer mit den entsprechenden Pausen.  Die brauche ich auch heute noch. Meine Beine werden nach kurzer Zeit schwer und zittrig. Dann muss ich mich setzen und ausrasten. Dafür habe ich immer eine kleine Unterlegsmatte dabei, denn besonders im Winter ist es nicht leicht eine Sitzgelegenheit zu finden. So ausgerüstet kann ich schon etwas über eine Stunde gehen.

Sitzen, Ruhepause

Technik ist gut, aber nicht alles

Die Technik des Gehens habe ich erlernt, aber es ist ein mechanisches Gehen. Ich gehe, oft nur für mich bemerkbar, wie ein Roboter. Stürze oder ins Straucheln kommen ist unvermeidlich, denn meine Reaktion auf Unebenheiten im Boden ist noch zu langsam. Für ein lockeres Gehen wäre das aber notwendig. Es ist oft vergleichbar mit dem Gang der Teletubbies.

Die Krankheit gab mir die Gelegenheit, meinen Körper von Grund auf neu kennen zu lernen. Natürlich hätte ich den Hirnabszess lieber vermieden, aber die Krankheit gab mir die Möglichkeit vieles kennen zu lernen, was sonst nicht der Fall gewesen wäre.

Viele Themen beschäftigten mich auch schon vorher. Aber Theorie ist die eine Sache, Praxis die andere. Mit der Krankheit bekam ich vieles von einer anderen Seite zu sehen. Es macht einen Unterschied, gesund über Behinderung zu sprechen oder selbst behindert zu sein und darüber zu reden.

Ich habe früher die Nöte und Sorgen verstanden, aber jetzt kann ich aus eigenen Erfahrung drüber sprechen, wie es sich anfühlt, als Behinderter wahrgenommen, oder besser gesagt, NICHT wahrgenommen zu werden. So sehr man sich bemüht, es geht nicht.

Puls4 Nachrichten Dreh am Tag der Behinderung

Inklusion

Ich kann mich noch gut an einen Dreh für Puls4 erinnern. Am Tag der Behinderung konfrontierten wir auf einem Parkplatz eines Einkaufszentrum Autofahrer, die den Behindertenparkplatz unberechtigterweise für sich in Anspruch nahmen.

Wir zeigten auch, warum es solcher Parkplätze bedarf. Ein Rollstuhlfahrer zeigte mir vor, wie er alleine ins Auto Ein- und Ausstieg. Es wurde sichtbar gemacht, warum man mit Behinderung einfach mehr Platz braucht. Der Beitrag sollte zu einem besseren Miteinander aufrufen und aufzeigen, dass Behindertenparkplätze für wirklich Behinderte freigehalten werden und nicht eine tolle Möglichkeit eines freien Parkplatzes für jedermann ist. Selbst wenn es nur für einige Minuten ist, um in eine Trafik oder Bäckerei zu gehen.

Es sollte verpflichtend in der Fahrschule sein, mit einem Rollstuhl ins Auto einzusteigen. Dann wäre man von Jugend auf besser konditioniert im Zusammenleben mit Behinderten.

Es war ein für mich besonderer Dreh, der mir selbst half, alles besser zu verstehen. Heute kann ich es um so mehr nachempfinden.

Es ist noch ein weiter Weg bis zum Gehen 2.0.


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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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