Leben mit Grenzen - zehn Jahre nach dem Hirnabszess

27. März 2026
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6 Minuten Lesezeit

27.März 2016: Zehnter Jahrestag nach dem Hirnabszess - mein Leben mit Grenzen!

Am 27. März 2016 wurde mein Leben jäh unterbrochen. Ein Einschnitt, der alles veränderte. Von einem Moment auf den anderen war nichts mehr selbstverständlich. An meinen Grenzen arbeite ich noch heute und versuche sie zu verschieben.

Und doch bekam ich damals eine zweite Chance. Ein zweites Leben.

Es ging weiter, aber nicht mehr so wie zuvor. Anders. Ein anderes Leben, das ich erst wieder lernen musste.

Hier gehts zu meinem ersten Blogbeitrag, wie alles anfing.

der Hirnabszess hat mit Grenzen gesetzt
Diagnose Hirnabszess - 27.März 2016

Eine neue Bedeutung von Zeit

Eine der wesentlichsten Änderungen für mich, neben unzähliger anderer: Zeit hat eine andere Bedeutung bekommen. Denn um im Hier und Jetzt zu leben, ist Zeit nicht mehr etwas, das vergeht, sondern etwas, das gefüllt werden möchte.

Und das ist vielleicht das Entscheidende – ich habe Zeit bekommen, nicht verloren.

Grenzgang Weitwandern, Grenzen erobern
Grenzgang Weitwandern

Überleben im Moment

Mein Gehirn wurde auf „Überleben im Moment“ umgestellt.

Nach so einem Ereignis funktioniert vieles im Kopf nicht mehr wie vorher. Planen, Zukunft denken, mehrere Dinge gleichzeitig tun – all das wurde schwieriger, wenn nicht unmöglich. Zukunft oder Vergangenheit waren nicht denkbar, es gab nur den aktuellen Moment. Dadurch bleibt automatisch nur das Hier und Jetzt übrig.

Und plötzlich merkte ich:
Zeit ist nicht mehr etwas, das ich „manage“, sondern etwas, in dem ich einfach bin.

2017, ein langer Weg steht mir bevor. Mich an Grenzen zu bewegen, war mein Tagesablauf.
2017, ein langer Weg steht mir bevor

Achtsamkeit im Alltag - Grenzen vermeiden

Vorher lief vieles automatisch: gehen, essen, schreiben, sprechen - Multitasking. Nach der Krankheit musste ich alles wieder bewusst machen. Selbst so einfache Dinge wie Zähneputzen, Essen oder Gehen. Alles erfordert Achtsamkeit - bis heute.

Das hat eine interessante Nebenwirkung:
Wenn man nur eine Sache machen kann, wird der Tag länger – weil man wirklich in jeder Tätigkeit tief drinnen ist und sehr intensiv erlebt.

Die Prioritäten verschieben sich komplett

Wenn man einmal erlebt hat, dass das Leben von einem Tag auf den anderen völlig kippen kann, verändert sich etwas Grundlegendes. Dinge, die früher wichtig waren – wie Leistung, Termine und Tempo – verlieren Gewicht.

Wichtiger wird: ein Schritt ohne Schwindel, ein Spaziergang im Wald, ein Gespräch, ein ruhiger Moment. Dinge, die ich besonders auf meinen Weitwanderwegen schätzen gelernt habe. Das Wandern wurde meine Therapie.

die Natur hat mir geholfen, Grenzen zu erweitern.

Zeit – vom Gegner zum Lehrer

Vor der Krankheit hatte Zeit oft etwas Bedrohliches: zu wenig Zeit, zu viele Aufgaben. Danach wurde Zeit etwas anderes: eine Möglichkeit.

Oder anders gesagt:
Früher wollte ich die Zeit kontrollieren.
Heute versuche ich, sie zu erleben.

In meinem ersten Leben war Zeit mein Trainingspartner. Sekunden, Höhenmeter, Durchschnittsgeschwindigkeit. Alles drehte sich darum, schneller zu sein. Im Sport normal, änderte sich das im Beruf. Die Zeit war etwas, gegen das man arbeitete.

Heute hat Zeit für mich eine ganz andere Bedeutung bekommen. Sie ist nicht mehr mein Trainingspartner, sondern mein Lehrer.

Zeit ist heute kein Gegner mehr.
Sie ist ein Raum, in dem Heilung passieren darf.

Davor und Danach - ein Leben mit Grenzen

Wenn ich von meinem Leben erzähle, dann ist es immer unterteilt in ein Davor und ein Danach.

Das DAVOR war geprägt von Bewegung, Leistung und Geschwindigkeit. Mein Leben spielte sich oft am Limit ab. Den Sport habe ich damit noch sehr positiv in Erinnerung.

Das DANACH ist anders. Viel langsamer. Viel bewusster.

Plötzlich ging es nicht mehr darum, schneller zu werden, sondern überhaupt wieder gehen zu können. Es wurde ein täglicher Grenzgang, bis heute.

Das macht demütig und gibt einen zu erkennen, wie wertvoll ein einzelner Schritt sein kann. Wenn ich an die erste Zeit zurück denke, welchen Willen ich aufbringen musste, diese ersten Schritte machen zu wollen.

Die Bedeutung von zehn Jahren Neubeginn?

Sie bedeuten, dass von einem Moment auf den anderen nichts mehr selbstverständlich ist und damit selbst die einfachsten Dinge eine neue, tiefere Bedeutung bekommen.

Mit diesem Einschnitt startete ich nicht bei null, sondern im Minus. Jeder kleinste Fortschritt war kein normaler Entwicklungsschritt, sondern ein Geschenk, das ich mir erarbeiten musste. Ich war lange Zeit an meinen Grenzen unterwegs.

Zehn Jahre nach diesem Einschnitt bedeuten keine Karriere und keinen geradlinigen Aufstieg, sondern eine lange Bewährungsprobe.

Dem eigenen Weg treu bleiben, trotzdem Grenzen Überwinden.
Dem eigenen Weg treu bleiben, trotzdem Grenzen Überwinden.

Rekonstruktion statt Rückkehr

Ich bin nicht in mein altes Leben zurückgekehrt. Es gab bisher keinen Punkt, an dem ich sagen konnte: Jetzt ist wieder alles wie früher. Stattdessen begann ein langsamer Aufbau – nicht zurück, sondern neu. Ein Aufbau, der mir jedoch nicht bleibt. Ich muss immerfort dranbleiben, muss jeden Tag bewußt dranbleiben.

Bildung bekam dabei eine neue Bedeutung. Ich musste sie mir in den letzten zehn Jahren Schritt für Schritt neu erarbeiten. Sie war kein Karrierebaustein, sondern ein Wiedergewinn von geistiger Klarheit, innerer Ordnung und Handlungsfähigkeit.

Mein Kopf arbeitet wieder.
Anders und vielleicht langsamer – aber er arbeitet.

Alte Synapsen wieder zu verbinden, ist auch heute noch Teil meines Alltags. Genau das verstehe ich heute unter Bildung. Lernen, was ich eigentlich schon konnte.

Im Video von Markus Leyacker-Schatzl erzähle ich über meinen Weg.

Der Verlust von Selbstverständlichkeiten - Grenzen zurück erobern

Der Hirnabszess war rückblickend eine Verschiebung meiner Maßstäbe. Nicht nur mein Körper war betroffen, sondern auch die Maßstäbe, mit denen ich mein Leben messe.

Planbarkeit hat ihre Selbstverständlichkeit verloren, weil Energie und Belastbarkeit nicht mehr verlässlich abrufbar sind. Körperliche Anstrengung ist seither kein Trainingsreiz mehr, sondern etwas, das genau dosiert werden muss. 

Auch meine kognitive Sicherheit, dieses stille Vertrauen in das eigene Denken, hat sich verändert. Entscheidungen, Konzentration und Mehrfachbelastung sind nicht mehr selbstverständlich verfügbar.

Am stärksten hat sich jedoch mein Vertrauen dahingehend verändert, dass es immer irgendwie weitergeht. Früher dachte ich, Entwicklung passiert Schritt für Schritt von selbst. Heute weiß ich, dass Stabilität nichts Selbstverständliches ist, sondern etwas, das jeden Tag neu erarbeitet werden muss.

Umgang mit Energie, Grenzen, Pausen, Prioritäten

Am stärksten zeigt sich der Neubau in der Selbststeuerung. Früher war Belastung normal, heute ist sie etwas, das ich bewusst dosieren muss. Energie, Pausen und Prioritäten – nichts davon geschieht automatisch.

Ich habe noch heute zu lernen, meine Grenzen nicht zu ignorieren, sondern sie zu lesen. Nicht Überforderung als Stärke zu sehen, sondern Steuerung als Kompetenz. Mein Leben ist sowieso ein Grenzgang.

Der Moment, in dem ich merkte, dass ich nicht mehr nur überlebe, sondern wieder gestalte, kam erst mit der Zeit. Es war eine stille Erkenntnis, die erst in der letzten Zeit reifte.

Ich treffe Entscheidungen wieder bewusster und reagiere nicht nur auf das, was passiert. Ich setze Ziele – nicht um etwas zu beweisen, sondern um mein Leben aktiv zu Formen, zumindest versuche ich es.

Ab diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr nur Patient.
Ich war wieder Handelnder.

Grenzen erkennen und hinausschieben
Grenzen erkennen und hinausschieben. Vom Patienten zum Handelnder.

Was geblieben ist

Ein Blick auf diese Jahre schließt auch die bleibenden Einschränkungen mit ein. Fatigue ist nach wie vor ein großes Thema. Energie ist nicht jederzeit abrufbar, sondern muss eingeteilt werden. Belastung braucht Planung.

Darüber hinaus haben sich mehrere Funktionen dauerhaft verändert. Konzentration ist begrenzt. Gedächtnisleistung ist nicht in jeder Situation zuverlässig. Sprache braucht manchmal Zeit. Reize können schnell überfordern. 

Viele Dinge, die früher selbstverständlich waren, verlangen heute Aufmerksamkeit und Struktur. Stabilität entsteht nicht automatisch. Sie muss hergestellt und erhalten werden. Manchmal ist das nah an dem, was man sonst Pflege nennen würde – nur dass ich sie selbst übernehme.

Es hat sich auch eine neue Vorsicht im Umgang mit mir selbst entwickelt. Nicht aus Angst, sondern aus Erfahrung. Ich weiß heute, dass Stabilität nichts Selbstverständliches ist.

Das ist keine Bitterkeit.
Es ist Teil meiner Realität.
Und mit dieser Realität arbeite ich.

Was gewachsen ist

In den letzten 10 Jahren ist etwas entstanden, das ich früher so nicht kannte. Keine Euphorie und kein „Alles wird gut“, sondern eine Form von Zuversicht.
Es hat sich dahingehend eine gewisse Gelassenheit entwickelt. Ich muss nicht mehr alles steuern oder absichern.

Prioritäten sind klarer geworden. Unwichtiges verliert an Bedeutung und wird schnell aussortiert. Eigenverantwortung ist zentral. Meine Energie kann nur ich selbst einteilen und entscheiden, was mir gut tut.

Langsamkeit bewerte ich nicht negativ. Sie erhöht Genauigkeit und Stabilität.

Mein Verständnis von Gesundheit hat sich grundlegend verändert. Gesundheit ist für mich nicht die Abwesenheit von Krankheit und auch nicht die Rückkehr zu meinem früheren Leistungsniveau. Sie bedeutet heute, mit meinen vorhandenen Ressourcen stabil leben zu können.

Entscheidend ist die Fähigkeit zur Selbststeuerung: Energie bewusst einteilen, Belastung dosieren, Grenzen rechtzeitig erkennen und darauf reagieren. Stabilität ist wichtiger geworden als Intensität.

Gesundheit ist kein Zustand, den man erreicht und behält.

Sie ist ein fortlaufender Prozess, der Aufmerksamkeit erfordert – körperlich wie mental. Solange ich gehen, denken und eigenständig entscheiden kann, bin ich gesund im Sinne meines heutigen Verständnisses.

Gesundheit bedeutet für mich: selbstbestimmt leben – unter veränderten Bedingungen. Gesundheit bedeutet für mich heute nicht mehr Leistungsfähigkeit, sondern Selbststeuerung.

Langsamkeit ist kein Nachteil mehr.
Sie bringt Stabilität.

Ich lebe bewusster als früher.

Zehn Jahre später

Wie messe ich Fortschritt?
Was ist Erfolg?
Was bedeutet Stärke?

Fortschritt messe ich heute in Stabilität.

Erfolg bedeutet Kontinuität.

Stärke zeigt sich nicht mehr im Durchhalten um jeden Preis, sondern im bewussten Umgang mit Grenzen. Das ist eine Grundbedingung, um Grenzen verschieben zu können.

Zeichnung aus der Schulzeit
Zeichnung aus der Schulzeit

Wenn ich zurückblicke, sehe ich keine verlorenen zehn Jahre.

Ich sehe zehn Jahre Arbeit.
Zehn Jahre Lernen.
Zehn Jahre Entscheidung, nicht stehen zu bleiben.

Zehn Jahre später gehe ich nicht schneller.
Aber bewusster.


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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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