WALKABOUT AUSTRIA

18. Gehen und Pilgern als neues Zwischenziel!

18. August 2017
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4 Minuten Lesezeit

Ich bin noch immer sehr kurz belastungsfähig und meine Kräfte sind schnell am Ende. Als ehemaliger Trailrunner wird mein "Lauf zurück ins Leben", noch eine Zeit lang beim Gehen und Pilgern bleiben.

So musste ich mir etwas Neues einfallen lassen und Gehen oder Pilgern bietet sich optimal für diesen Zustand an. Wobei das Pilgern den gleichen Reiz ausübt, wie das Trailrunning, nur eben langsamen Schrittes. Durch die Berge zu laufen hat eine eigene Faszination, Pilgern auch.

Gerade in den letzten Monaten habe ich viele Berichte und Bilder vom Trailrunning aus Österreich und der ganzen Welt, auf Facebook und Instagram, genossen. Sie erinnern und motivierten mich täglich daran, wofür ich das viele Training und Üben auf mich nehme.

Da es bis zum Laufen aber noch länger dauern wird, musste ein neues (Zwischen-) Ziel her.

Pilgern - mehr als ein Ziel?

Pilgern

Kann achtsames Gehen oder Pilgern ein neues Ziel für mich sein? Ja, das kann es. Da ich mit dem Laufen Probleme habe, ist Pilgern mehr als ein Zwischenziel. Eines, in dem ich *fortschreite* und meine Seele angesprochen wird.

In den letzten Monaten musste ich akzeptieren, dass mein Weg zurück doch länger dauern wird. Das Laufen oder Trailrunning ist mir noch nicht möglich. Die Gleichgewichtsstörungen sind noch immer da und die Trittsicherheit leidet darunter.

Es wird dank dem vielen Training besser, doch ich kann es nicht beschleunigen. Es wird noch länger brauchen. In der Vorstellungskraft funktioniert es schon ganz gut und mein übergeordnete Ziel, den Eiger Ultra Trail zu laufen, ist da. Dafür mache ich viel, aber es braucht Zeit und die kann ich kaum beeinflussen, außer mit Dranbleiben.

Achtsames Gehen

Das Pilgern ist ebenfalls ein schönes Ziel. Achtsames Gehen steht bei mir sowieso an der Tagesordnung. Warum also nicht pilgern. Im äußeren Gehen, kann eine innere Bewegung beginnen.

Seit ich aus dem Krankenhaus zurück bin, muss ich den Weg unter mir noch bewusster wahrnehmen. Mein Ziel ist es, wieder automatisch und ohne Nachzudenken, gehen zu können. Das Pilgern ist dabei der nächste Schritt, der mir dazu verhelfen soll.

Mehrere Tage oder Wochen nur zu gehen, davon träumte ich schon lange. Viele schwer Erkrankte haben nach Ihrer Gesundung das Pilgern für sich entdeckt. Den Jakobsweg oder andere Wege haben sie dazu benutzt, sich selbst wieder näherzukommen.

Impulse für das Leben

Ich habe noch nicht den Anspruch, irgendwohin zu gelangen. Mein erster Ansatz ist es, Schritt für Schritt zu gehen, im HIER und JETZT zu sein und achtsam zu sein. Mehr lässt mein Körper derzeit nicht zu.

Der Prozess des Gehens und die dabei gemachten Erfahrungen sind wertvoll. Körperliche und seelische Bewegung hängen dabei zusammen. Für mich eine großartige Möglichkeit, mein neues Leben nach der Krankheit noch besser zu erfahren. Diese bewusste Langsamkeit, die mich nach der Krankheit ergriffen hat, werde ich wohl lange behalten. Obwohl, ich freue mich auch aufs Laufen, das eine schnellere Gangart ist und die Belastung dem Körper guttut.

Neben den körperlichen Zielen, gibt es aber auch seelische Ziele. Pilgern ist dafür hervorragend geeignet, die Seele und sich selber besser zu erfahren.

Mein Freund Alexander, der Experte für Pilgern

Mein Freund Alexander Rüdiger brachte mich übrigens drei Monate vor meinem Ausfall auf den Jakobsweg. Der Weg schwirrte schon lange in mir herum, aber erst durch Alexander wurde es spruchreifer. Wir hatten in Planung, einen Dokumentarfilm am Jakobsweg zu machen.

Alexander war ja schon des Öfteren dort unterwegs und kennt die Gepflogenheiten sehr gut. Leider wurde wegen meinen Hirnabszesses nichts daraus, der Jakobsweg wartet also noch immer. Diesmal aber, aufgrund der Situation und Neu-Orientierung, anders als geplant.

Mit Alexander Rüdiger am Schneeberg zur Pilger Besprechung 2016
Mit Alexander Rüdiger im Winter auf den Schneeberg, unter anderem auch  zur Jakobsweg Besprechung, 2016
 
Hier gehts zum Video über die "Geschäftsbesprechung"

Der Jakobsweg

Der Jakobsweg, mit seinen 800 Kilometern am Camino France, war schon lange Zeit ein Ziel von mir, erstmals Ende der 80er Jahre. Aufgrund des Sports stellte ich ihn aber hinten an und wollte ihn machen, wenn der Sport zu Ende war.

Dann wollte ich, im Mai 2016, mit meiner Lebensgefährtin Silvia, zum Einstimmen auf das Pilgern, den Franziskus-Weg in Italien gehen. Der Hirnabszess kam mir aber zuvor und das Leben stellte andere Herausforderungen an mich. Der Wunsch nach Pilgern ist aber gleich geblieben, nur eben unter anderen Voraussetzungen.

"Den Puls des eigenen Herzens fühlen. Ruhe im Innern. Ruhe im Äußern. Wieder Atem holen lernen, das ist es."  

Christian Morgenstern (1871-1914)

Eines hat Pilgern mit Trailrunning gleich, ab einem bestimmten Punkt kommt man in einen Flow. Der Unterschied ist die Geschwindigkeit, das ja eines meiner Themen ist.

Das Leben war die letzten Jahre vor dem Hirnabszess so schnell geworden, dass ich nicht mehr mitkam und mich nach Entschleunigung sehnte. Und dafür kommt das Pilgern gerade recht, um wieder die Langsamkeit zu erfahren.

Es gibt aber noch weitere wichtige Themen, bzw. Fragen, die ich für mich klären möchte:

  • Wohin bin ich unterwegs?
  • Welches Ziel verfolge ich auf meinem Lebensweg?
  • Was begrenzte mich in meinem Leben? Wie grenze ich mich ab? Welche Grenzen möchte ich noch überschreiten?
  • Welchen Wegzeichen folgte ich in meinem Leben bisher? Wann war ich auf einem Umweg unterwegs?

Interessante Fragen über das Leben, die einem beim Gehen begleiten und vielleicht auch lösen kann. Wichtig ist, sich keinem Druck auszusetzen oder etwas zu wollen. Denn dann kommt der Druck, etwas erreichen zu wollen und man fängt an zu bewerten und zu beurteilen. Damit hat das Pilgern seinen Sinn verloren.

Frühere Erfahrungen

Meine Berg- und Rad-Reisen von früher, waren dem Pilgern sehr ähnlich, ob die Sahara-Durchquerung oder die Besteigung des Denali. Immer kam ich mit neuen Erfahrungen heim und das Leben war nicht mehr wie vorher.

Seit der Sahara-Durchquerung 1991 schätze ich einen guten Schluck Wasser und bin für jedes volle Teller zum Essen dankbar. Für die Jugend von heute zu oft selbstverständlich, für mich nie mehr.

Wasser in der Wüste - sehr wertvoll
Wasser in der Wüste - sehr wertvoll
Sahara Durchquerung 1991, pilgern auf andere Art
Sahara-Durchquerung 1991, pilgern auf andere Art
In den Slums von Agadez, hier wohnten wir bei den Tuaregs
In den Slums von Agadez, hier wohnten wir bei den Tuaregs

Trainieren und Pilgern als Ziel

Zunächst aber heißt es trainieren. Mit den paar Metern, die ich zurzeit schaffe, ist Pilgern noch nicht möglich. Auch das Gehirn gehört noch trainiert. Gerade beim Schreiben für den Blog merke ich, wie limitiert ich bin. Es geht also weiter für mich und ich freue mich auf das erste Mal, wenn ich als Pilger unterwegs sein kann.


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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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