Der Jakobsweg Burgenland als dringende Auszeit!

27. Oktober 2020
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6 Minuten Lesezeit

Der Jakobsweg Burgenland als dringende Auszeit!

Wenn ich schon nicht nach Spanien zum Pilgern fahren kann, dann gehe ich eben die österreichischen Jakobswege und deren Zubringer. Der Jakobsweg Burgenland ist einer davon und führt 75 km von der Grenze zu Ungarn nach Maria Ellend.

Pilgern in Österreich ist für mich nicht leicht. Einerseits übersteigt es mein Budget mit dem oftmaligen Übernachten in Gasthäusern und Hotels, denn es gibt die Infrastruktur nicht, wie in Spanien mit den Herbergen.

Andererseits sind die Beschränkungen wegen Corona für mich nicht leicht zu Hand-zuhaben. Besonders das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Stichwort Maskenpflicht), stellt für mich eine besondere Herausforderung wegen der Krankheit dar. Dazu ist diese allgegenwärtige Unsicherheit, die meine Rehabilitation erschwert.

Ich war bisher einige Male mit Zelt oder Biwaksack unterwegs, an die ich meinen Körper allerdings erst gewöhnen muss. Hoffentlich bis nächstes Jahr, da ich dann durch Österreich gehen möchte. Mit Alexander Rüdiger ziehe ich es bequemer vor, übernachtet wird nur in Gasthöfen, also ein wesentlich angenehmeres Pilgern.

der Jakobsweg Burgenland, Kirche in Pamhag
Pfarrkirche Pamhagen

Der Weg

Der Jakobsweg Burgenland beginnt in Pamhagen, geht weiter über Frauenkichen, durch Neusiedl am See, nach Bruck am Leithagebirge und geht bei Maria Ellend in den Österreichischen Jakobsweg über.

Die Besonderheit am Jakobsweg Burgenland ist es für mich, dass die ersten zwei Tage große Ähnlichkeit mit der spanischen Meseta am Camino Frances aufweisen. Größere Distanzen zwischen den Orten und sehr flach, ist im Sommer sicher eine Herausforderung, aber Ende Oktober sind keine hohen Temperaturen mehr zu erwarten.

Für mich ist es spannend, wie ich den Weg vertrage. Mit Alexander übe ich sehr stark das automatische Gehen, da wir viel reden und ich dadurch vom Gehen abgelenkt werde. Da wir keine hohe Kilometerleistung vorhaben, sollte das klappen. Trotzdem muss ich aber aufpassen, denn die kühleren Temperaturen, die schwierige Anreise und in der Corona-Zeit schlechter gewordene Gehen, lassen mich vorsichtig werden. 

Die Meseta am Jakobsweg Burgenland
"Meseta" ähnliche Landschaft, wie in Spanien

1. Etappe, Pamhagen - Frauenkirchen, 22 km

Nach der Anreise mit der Bahn und dem Bus, besuchen wir die Kirche und gehen dann los. Es ist spannend, wie ich diesen Teil von Österreich erleben werde. Das letzte Mal war ich, genau wie diesmal, mit Alexander in dieser Gegend unterwegs, und zwar beim Extremsport Event "Burgenland Extrem", nur zwei Monate vor dem Hirnabszess. Damals planten wir einen Film über den Camino in Spanien.

Ein starker Wind von hinten schob uns über die Wege, auch die Sonne hatten wir im Rücken, gleich wie in Spanien. Schon von weitem sahen wir die Doppeltürme der Basilika von Frauenkirchen, es war aber noch ein weiter Weg dorthin. Die Entfernungen täuschen, auch wenn man das Ziel schon sieht. 

Eine Kapelle und viele Bildstöcke säumen den Weg durch Felder und Weingärten und scheint typisch für den Jakobsweg Burgenland zu sein. Das Gehen im ausschließlich Flachen Gelände strengt an und der zehn Meter lange steile Weg hinauf zu einem Bildstock, der auf einem Hügel trohnt, war eine willkommene Abwechslung für die Beine. 

2. Etappe, Frauenkirchen nach Neusiedl am See, 25 km

Nach dem Losgehen setzen wir uns neben der Kirche kurz auf eine lieblich gestaltete Bank. Die Besitzerin schaut kurz aus dem Fenster und wünscht uns alles Gute für den Weg.

Nach kurzem hin und her durch Frauenkirchen, führt der Weg wieder über endlose Geraden, den immer wieder Pilgerkreuze oder kleine Kapellen unterbrechen, die von Bäumen umringt sind wie in der Meseta, die Landschaft. 

3.  Etappe, Neusiedl am See - Maria Ellend, 30 km

Die ersten beiden Tage waren schon sehr schön, aber heute am letzten Tag, kamen auch mehrere Erlebnisse dazu, die den Tag aufheitern sollten. Das erste Erlebnis findet gleich außerhalb von Neusiedl statt. Auf einem einsamen Radweg gehen wir in Richtung Bruckneudorf.

Es ist niemand unterwegs, außer uns. Alexander und ich müssen einmal austreten und stellen uns an den Rand, zwischen die Bäume neben dem Weg. Nach einer Stunde ohne Begegnungen und mehreren hundert Metern Sicht in beide Richtungen sehen wir niemanden. Allerdings können wir gar nicht so schnell schauen, kommt ein elektrisch betriebenes Behinderten-Mobil mit einem Affenzahn daher. 

Tief nach vorne gebeugt, um dem Gegenwind keine Stirn zu bieten, schaut er weder nach links noch rechts und verringert auch seine Geschwindigkeit nicht, als er an uns vorprescht. Es ist eine derart skurrile Situation, dass wir lange brauchen, um uns vom Lachen zu erfangen. Es sollte nicht die einzige Begegnung bleiben, an die wir zurückdenken werden.

Nach Neusiedl am See, am Jakobsweg Burgenland
Brücke nach Neusiedl

Militär am Weg

Weiter geht es nach Bruckneudorf und Bruck an der Leitha, wo wir eine Mittagsrast halten wollen. Zuvor geht es über einsame Feldwege und vorbei an der Vitus-Kapelle mit der Jakobsmuschel drauf. Gleich darauf ein Militärmuseum im Freien, dass auf die Kriegsvergangenheit dieser Gegend hinweist. 

Ab der Kapelle gehen wir entlang des Truppenübungsplatzes Bruckneudorf, an deren Ende sich die Kaserne befindet. Nur wenige Meter über die Leitha erstreckt sich danach Bruck. Auf dem Weg dorthin treffen wir auf zwei Soldaten, die die Kaserne bewachen. Zwei junge Rekruten, bewaffnet mit Maschinengewehren, machen eine Kontrolle und verlangen unsere Ausweise.

Alexander gibt seinen hin und ich krame umständlich in meinem Rucksack, um ihn zu suchen. Die beiden sind zwei junge Burschen, die wohl ihre Ausbildung hier machen. Alex fragt beiläufig wie weit es noch bis Bruck a.d.Leitha sei und wo es ein Gasthaus gibt?

Als Antwort bekommt er: "Das weiß ich nicht, ich bin nicht von hier!". Ich denke mir nur, oje, die beiden sind sicher aus Tirol oder Salzburg, fern der Heimat und müssen hier ihren Dienst versehen. Beiläufig und mitfühlend frage ich: "Woher kommt ihr denn?". Darauf hin höre ich nur "Wien"! Ich wieder: "Nein, von wo ihr herkommt, wo ihr zu Hause seid, meine ich?". Die fiepsende Antwort: "Aus Wien kommen wir!".

Verblüfft bleibt mir der Mund offen, denn Wien ist keine 30 Kilometer von hier entfernt. Er kennt sich hier nicht aus und das Bruck an der Leitha auf der anderen Seite des Flusses liegt, weiß er nicht. Da möchte ich wissen, was er kontrolliert, wenn er nicht einmal weiß, wo er ist. Und das 30 Kilometer von zu Hause entfernt. Schön langsam verstehe ich die Kritik am Einsatz von Präsenzdienern an der Grenze. Die beiden wissen ja nicht einmal wo sie sind.

Bruck an der Leitha

Mit dem Leithakanal überqueren wir die Grenze zu Niederösterreich und lassen damit das Burgenland hinter uns. Unser erster Weg führt uns zur barocken Kirche zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit, die im Zentrum steht. Nicht alle Gasthäuser haben offen und so entscheiden wir uns für das am Schloss Prugg gelegene Gasthaus und lassen es uns gut gehen.

Da wir noch eine lange Strecke bis nach Maria Ellend vor uns haben, Stärken wir uns gut, bevor wir den letzten Teil angehen. 

Nach Maria Ellend, Ziel des Jakobsweg Burgenland

Wir sind jetzt in hügeligen Gelände und haben einen langen Waldweg vor uns, der uns nach Maria Ellend bringt. Das bergauf und bergab tut gut, nach dem langen Gehen im Flachen. Der Weg zieht sich noch und dauert länger als gedacht.

Ich verpasse meinen direkten Zug nach Hause und somit muss ich noch dreimal umsteigen und komme erst spät am Abend nach Hause. 

Resümee vom Jakobsweg Burgenland

Mein Resümee fällt wie meistens beim Pilgern sehr positiv aus. Ein toller Weg, der viele Gedanken an den Camino Frances hochkommen ließ. Das Pilgern ist das einzige, woran ich mich derzeit festhalten kann. Auf dem Weg fühle ich mich glücklich und voller Freude.

Zu Hause besteht mein Tagesablauf aus Rehabilitation, Training und Üben. Dazugekommen ist Corona, welches meine Rehabilitation sehr verändert hat. Kurze Ausbrüche aus diesem Leben, wie der Jakobsweg Burgenland, halten meine Motivation hoch, denn ausschließlich Rehabilitation seit vier Jahren halte selbst ich nicht aus.

Die Muschel am Jakobsweg Burgeland
Die Muschel begleitet mich seit Jahren

Dieses Jahr brachte mich durch Corona oft genug ans Limit, ein Limit, das besser verwendet wäre. Aber ich muss damit Leben lernen, bloß das dieses "Leben lernen" einen zusätzlichen, anderen Anstrich bekam. Gerade die wieder stärker werdende Corona-Krise bringt mich von meinem Ziel wieder weiter weg. Statt sozialer Kontakte werde ich immer mehr zum Eigenbrötler.

Jeden Tag erlebe ich NEU, so ist es mir unmöglich, altes aufzuarbeiten. Mein Gehirn macht da nicht mit. Ich kann nur jeden Moment im JETZT genießen und schauen, dass ich jederzeit das Beste daraus mache und versuche, mich wohlzufühlen. Freude und Glücklichsein versuche ich in mir zu kultivieren, egal durch was. Es gelingt nicht immer, aber immer öfter. Damit wird auch die Vergangenheit nicht mehr so wichtig, die mich zeitweise noch immer einholt.

Geschichte schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

Johann Wolfgang von Goethe

Ja, das Schreiben an meinem Buch hat unter Corona sehr gelitten. Ich merke das auch an der Häufigkeit meiner Blogartikel. Mir fehlt die Konzentration und die Muße zu schreiben. Mit der Hand bekomme ich bloß ein, zwei Sätze zusammen, dann wird es unleserlich. Die veränderte Denkweise durch Corona nimmt mich so in Anspruch, dass ich an anderer Stelle zurückschrauben musste. Manchmal habe ich nur das Gefühl zu überleben, anderes hat keinen Platz.

Darum sind solche Auszeiten wie am Jakobsweg Burgenland besonders wertvoll. Ich bekomme neue Ansichten, Einsichten und Aussichten und bin von der Rehabilitation abgelenkt. Mit dem Gehirn arbeitete und übte ich viel, aber es hat nichts so sehr geholfen, wie das Gehen in Spanien am Camino.

Vielleicht gelingt es mir, wieder mehr zu Schreiben, denn ich brauche etwas, an dem ich mich außer dem Gehen noch festhalten kann!


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5 comments on “Der Jakobsweg Burgenland als dringende Auszeit!”

  1. Schön, dass du wieder eine Etappe geschafft hast und deinen Plan umsetzen konntest!!!!
    Gratulation und alles Gute für deine weiteren Vorhaben. Es kommt der Tag, an dem du bewusst spürst, dass dein persönlicher Alptraum zu Ende ist und du zu dir selbst gefunden hast! Durchhalten und weiter dranbleiben! Du bist schon so weit gekommen
    Liebe Grüße aus Gratwein

    1. Gut formuliert, "persönlicher Alptraum"!
      Manchmal ist es wirklich einer. Aber ich konnte es schon ganz gut annehmen. Ich habe trotz der Handicaps und Herausforderungen, mehr Lebensqualität als die Jahre vor dem Hirnabszess. Mich selbst wieder finden, ist nach wie vor meine Hauptaufgabe. Gehirn und Körper sind noch nicht wirklich gleichgeschaltet.
      Aber der Tag wird kommen.
      Danke! 🙏👍

  2. Wow sehr toll! Ich bin gerade den Granitpilgerweg im Mühlviertel gegangen – knapp 100 km auch sehr empfehlenswert, sollte es dich einmal in den Norden verschlagen. 😉 Diesen Sommer überlege ich, den Burgenländischen Jakobsweg mit 2 Freundinnen zu gehen ... laut deinem Bericht zahlt es sich aus. 😉

    1. Jakobsweg Burgenland oder Jakobsweg Carnuntum sind wirklich empfehlenswert.
      Bin letzte Woche noch von Graz zum Neusiedlersee und ab Freitag durch Österreich unterwegs, mal schauen ob ich beim Granitpilgerweg vorbeikomme. Klingt gut und werd ich mir vormerken und mal anschauen. 👍 🙏

Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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