Vom Gehen lernen und Pilgern nach Santiago de Compostela

12. Juni 2020
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7 Minuten Lesezeit

Vor dem Pilgern musste ich Gehen lernen. Das Gehen hat eine enorme Bedeutung für mich, denn es beeinflusst auch mein Denken, meine Gefühle und Emotionen.

Mit dem Hirnabszess habe ich eine Aufgabe bekommen, die noch lange nicht zu Ende ist oder besser gesagt, erst mit meinem Tod aufhören wird. Seit dem Überleben des Hirnabszesses wurde die Frage nach meinem Hiersein oder dem Sinn des Lebens immer wichtiger. Ohne Sinn hätte ich die letzten Jahre nicht überlebt.

Den Sinn des Lebens finden
Den Sinn des Lebens finden

Sinn

Es ist mir nicht möglich zu Arbeiten oder kreativ tätig zu sein, um mir damit meinen Unterhalt zu verdienen. Was hat es also für einen Sinn zu existieren? Hätte ich nicht die Erwerbsunfähigkeitspension, könnte ich nicht existieren. Vor mehreren hundert Jahren hätte ich betteln gehen müssen oder wäre als Indianer alleine in die Wüste gegangen um zu sterben, damit ich für mein Volk keine Belastung darstelle.

Das sind Fragen die mich beschäftigen, die ich allerdings nicht oder nur sehr langsam weiterdenken kann. Da kommt für mich das Gehen ins Spiel. Ich brauche nur zu gehen und komme weg von den Gedanken, die ich doch nicht denken kann.

Ich lebe im Hier und Jetzt, konzentriere mich auf die Natur und spüre den für mich einzigen Sinn des Lebens, nämlich im Jetzt mit Freude zu sein. Das kann ich am besten in der Natur.

Der Lockdown hat vieles "zerstört", was ich mir mühsam in den letzten Jahren angeeignet habe. Besonders die Sensibilität hat zugenommen. Seit drei Monaten bin ich nicht mehr in der Stadt gewesen und es fühlt sich an, wie in der ersten Zeit nach dem Hirnabszess.

Verkehr, Menschen und Lärm strengen mich übermäßig an. Alleine Einkaufen ist ein Horror für mich. Am Hauptplatz von Graz würde ich mich kaum zurechtfinden, weil meine Sensoren alle geöffnet sind. Das merke ich an einer Steifigkeit in mir, die alles erfasst und das geschieht derzeit beim Einkaufen. An die Stadt mag ich gar nicht denken.

Wie gehe ich um damit?

Zunächst merke ich wieder eine erhöhte Vermeidungsstrategie. Ich setze mich Dingen, die mir nicht guttun, einfach nicht aus. Den Kontakt zur Natur habe ich intensiviert. Es geht mir nicht mehr ums Gewöhnen an Situationen, sondern mein Körpersystem dem Auszusetzen, was ihm guttut und es dadurch zu stärken. Alles andere vermeide ich.

Soziale Kontakte, lernen ins Kino zu gehen, Essen zu gehen und vieles mehr ist weggefallen. Es kommt zwar langsam wieder und immer mehr wird erlaubt, aber es ist neuerlich Therapie, mich daran zu gewöhnen, in die Stadt oder Essen zu gehen. Die Leichtigkeit des Lebens ging verloren. Eine Leichtigkeit, die ich mir besonders wieder im letzten Jahr anzueignen versucht habe.

Das erste Mal das Gefühl zu Leben hatte ich im vorigen Jahr am Camino Norte gemacht. Mit meinem Pilgerfreund Günter redete ich oft über, "...das Leben zelebrieren!" und ich versuchte es immer öfter. In der Gemeinschaft von vier, fünf Menschen erfuhr ich das Leben, ohne an Therapie zu denken. Es waren Momente, die mich mein behindert sein vergessen ließen.

Trotzdem wurde ich therapiert, ohne es zu merken. Ob Greifen, Hantieren, Essen, Sprechen oder meine Gedanken, ich begann all das einzusetzen, was ich mir mühsam über die letzten Jahre aufgebaut hatte. Das Gehen oder Pilgern wurde meine beste Medizin.

Noch im Februar dieses Jahres, am Camino Frances, hatte ich Pläne für das zukünftige Leben. Erstmals hatte ich es geschafft, in die Kathedrale von Santiago zu gehen, Museen zu besuchen oder durch Santiago zu schlendern. Das habe ich meinen Pilgerfreunden Effie und Pedro zu verdanken, die mich dabei begleiteten. Alleine hätte ich es noch immer nicht geschafft.

So konnte ich mich immer wieder den Reizen in vertretbaren Dosen aussetzen, die mich näher an das Leben herankommen ließen.

Leon, Leben lernen in der Stadt
Leon

Gehen lernen

Was viele übersehen, zu all dem Leben lernen, habe ich trotzdem noch immer gehen zu lernen. Das klingt komisch für einen, der drei Caminos in Spanien hinter sich hat.

Ich verbrachte bisher 3.500 Kilometer auf Pilgerwegen. Dazu kommen noch rund 4000 Kilometer, die ich zu Hause gegangen bin. Das ist nur eine Schätzung, denn ich schreibe es mir nicht auf. Wahrscheinlich bin ich noch mehr gegangen.

Das Gehen setzt wichtige Impulse in mir. Zunächst war es wichtig die Technik zu lernen und diese versuchen zu automatisieren. Am Automatisieren arbeite ich noch heute, denn ich bin Single-Tasking fähig, nicht Multi-Tasking. Automatisierung hilft mir da enorm.

Einer meiner größten Erfolge der letzten Jahren ist es, mich wieder auf ebenen Wegen und Strecken unterhalten zu können. Dafür waren unzählige Kilometer notwendig, bis ich so weit war. Bis dahin musste ich mich so aufs Gehen konzentrieren, das für anderes nichts übrigblieb.

Das Gehen hat auch großen Einfluss auf mein Denken. Kann ich nicht Gehen, stockt auch mein Denken. Mit Gehen meine ich immer Bewegen, denn wäre es mir nicht mehr möglich zu gehen, würde ich alles daransetzen, mich bewegen zu können. Viele Rollstuhlfahrer zeigen es ja vor, wie wichtig Bewegung für den Geist ist.

Noch immer beim Gehen lernen

Pilgern von zu Hause aus

Bisher bin ich mehrmals am Camino in Spanien gepilgert. Dabei entstand der Wunsch, von zu Hause weg zu Pilgern. Corona hat mir diese Entscheidung abgenommen. Zumindest in Österreich ist es wieder erlaubt und mein Ziel ist es, von Graz zum Bodensee zu gelangen.

Verhindert hat es bisher immer das Gewicht des Rucksacks. Ein Gehen mit Zelt und dem Zubehör zum Campieren im Freien war mir bisher zu schwer. Was also tun?

Am Camino gibt es ein engmaschiges Netz von Herbergen. Daher ist ein Zelt nicht notwendig. Auch in Österreich gibt es genug Gasthöfe und Hotels am Weg. Allerdings steigen die Mittel auf €50,- bis €100,- pro Tag. Das kann ich mir beim besten Willen nicht leisten. Als Alternative steht nur ein Zelt zur Verfügung, mit allen Vor- und Nachteilen.

Es kommt wieder mein 420g leichter Daunenschlafsack von Northland zum Einsatz, der bisher auf allen meinen Caminos dabei war. Als Isomatte nehme ich eine aufblasbare, 430g schwere Matte. Es gibt noch leichtere, aber diese eingesparten 160 Gramm werden mit €160,- erkauft. Zu teuer das Verhältnis von Gewicht zu Preis. In manchen Sachen bevorzuge ich die preislich günstigere Alternative. Der Schlaf- und Campingbereich macht somit einen großen Teil des Gewichts aus, dass ich zu tragen habe.

Bei der Ausrüstung zählt jeder Gramm
Bei der Ausrüstung zählt jeder Gramm

Kochen und Ernährung am Pilgerweg

Dazu kommt ein superleichter Kocher ins Gepäck, um zumindest Fertiggerichte zwischendurch zubereiten zu können. Vor allem Nudeln und Suppen kommen dabei zum Einsatz. Wenn möglich, werde ich auch Essen gehen. Aber da ich mit Zelt unabhängiger bin, werde ich öfter selbst kochen, vor allem wenn es in der Nähe nichts gibt.

Natürlich muss ich beim Kochen mehr aufpassen, denn auch zu Hause ist es eine Herausforderung. Vor allem mit Brandwunden bin ich gezeichnet, unterwegs darf da nicht zu viel passieren.

Ich werde mich sehr oft mit Kaltem begnügen, wie ich es auch am Camino in Spanien gemacht habe. Studentenfutter und Obst sind ideal für unterwegs, am Abend reicht Brot, Käse, Oliven oder Tomaten, eventuell mit einem Stückchen Wurst. Kaffee im Caféhaus zu trinken, gehört zum Lifestyle dazu, denn ich möchte mich ja nicht kasteien.

Ich bin kein Veganer oder Vegetarier, esse aber sehr wenig Fleisch. Alles zu Essen habe ich mir auf meinen Reisen in den letzten dreißig Jahren angewöhnt und bin dadurch sehr genügsam geworden. Vom Luxushotel, bis zur Nacht im Dschungel, war alles dabei, dementsprechend auch das Essen. Aber das war in der Vergangenheit und jetzt heißt es alles wieder neu lernen. Immer unter dem Gesichtspunkt, wie es mein Körper vertragt oder wie ich ihn an neues gewöhne.

Der Weg

Ich gehe einfach los. Die erste Zeit wird mich mein Sohn Elvin begleiten. Was liegt näher, als am Weststeirischen Jakobsweg zu beginnen. Er führt in meiner Nähe vorbei, bzw. ist die Wallfahrtskirche Judendorf Straßengel ein Zubringer. Über die Koralm führt der Weg in den Süden und mündet am Ende in den Jakobsweg Kärnten.

Je nachdem, wie man Gehen möchte, geht es im Süden weiter oder man geht nördlicher, auf die Hohen Tauern zu. Das ist mein erstes Ziel, Kärnten zu durchqueren. Danach werde ich weitersehen. Der weitere Hauptweg über Sillian, Brixen und dem Brenner nach Innsbruck fällt derzeit aus. Alternativen sind nur der Weg über die Hohen Tauern, um in den Norden auf den Jakobsweg Österreich zu stoßen.

Von zu Hause weg Pilgern, um Leben zu lernen.

Danach geht es über den Arlberg zum Bodensee. Ihn zu erreichen ist mein zweites Ziel. Danach bleibt alles offen. Weiter ginge der Jakobsweg durch die Schweiz und Frankreich, bis an die Grenze zu Spanien. Das ist aber alles Zukunftsmusik, da Corona alles unsicher macht, aber derzeit zumindest nichts unmöglich. Der Camino del Norte, mit dem Camino Primitivo nach Santiago, wäre eine schöne Sache, aber wie bereits gesagt, derzeit nicht sicher.

Eine ebenso schöne Überlegung würde mich zu Fuß vom Bodensee zurück nach Wien und weiter in die Steiermark bringen. Entscheidend wird sein, wie ich das Übernachten im Freien vertrage.

Pilgern nach Santiago von Zuhause aus. Leben lernen am Weg.

Mein Ziel im Ziel

Das Pilgern ist für mich die beste Rehabilitation. Meine Beweglichkeit, Wahrnehmung und Denken wird im Gehen verbessert, was könnte ich mir anderes wünschen.

Ich habe über zwei Jahre in Reha Zentren, bei privaten Physiotherapeut*innen, Ergotherapeut*innen und Logopäd*innen mit gezielter Therapie verbracht. Zwischendurch brauche ich es noch immer, aber die Arbeit an mir soll wieder mehr mit dem Leben zu tun haben.

Selbst zu Hause kann ich nicht so an mir arbeiten, wie auf einer Pilgerreise. Daher ist es meine beste Medizin. Gehen lernen am Weg!

Mit meinem Sohn Elvin

Es ist die letzte Zeit, ehe Elvin ins Berufsleben eintritt. Genauso wie Noah, möchte ich ihm den Camino davor noch ermöglichen. Es wird leider nicht der Camino in Spanien, aber ich denke, wir werden auch in Österreich viel Spass haben.

Camino heißt Weg, es muss also nicht der Weg in Spanien sein. Sicher hat es dort seine Vorteile, aber Pilgern ist eine Auseinandersetzung mit seinem Inneren. Das ist überall möglich. Zur Zeit von Corona macht es zu einer besonderen Erfahrung.

Elvin und Ich in Thal
Elvin und Ich in Thal

Dieses Erleben am Weg spiegelt das Leben im Allgemeinen. Diese Erfahrungen sind für sein späteres Leben gewinnbringend. Ich freue mich schon auf die Zeit mit ihm.

Buen Camino


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2 comments on “Vom Gehen lernen und Pilgern nach Santiago de Compostela”

    1. Danke dir! Das Gehen ist bestens dafür geeignet, bei mir anzukommen oder zumindest, mir noch näherzukommen. Ein wichtiger Grund ist mir aber auch mein Sohn, für den das Gehen genauso wichtig ist! Wird sicher eine tolle Zeit. LG Jörg

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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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