
Seit zwei Monaten unterziehe ich mich einer Ergo- und Physiotherapie mit Gang-ABC. Mein Ziel ist es, den Körper zu kräftigen und zu stabilisieren. Der Hirnabszess und seine Auswirkungen auf die Nerven lässt mich nur langsam in allem weiterkommen.
Wöchentlich mache ich zwei Einheiten, das hat den Vorteil, dass ich genug Zeit habe, mich zu verbessern. Damit kann ich meinen Bewegungsablauf besser kontrollieren lernen, als in einem mehrwöchigen stationären Aufenthalt, wo zu viel Druck dahinter ist. Ich stehe unter Beobachtung meiner Physio- sowie Ergotherapeutin, die auf Veränderungen über einen längeren Zeitraum besser reagieren können.
Das Gang-ABC ist sehr anstrengend. Das Gleichgewicht bereitet mir noch Schwierigkeiten und ich gehe immer wieder an die Grenze. Der Schwindel ist noch immer allgegenwärtig.
Die Koordination ist besonders wichtig und erfordert meine ganze Aufmerksamkeit. Manche Übungen sind so anspruchsvoll, dass ich mit dem Denken kaum nachkomme. Meine Physiotherapeutin führt mich aber genau richtig dosiert heran. Nicht nachdenken müssen über die Bewegung wäre besser, ist aber nur langsam möglich, wenn überhaupt.
Das Ziel soll ja sein, wieder einen vermehrten Automatismus in meinen Bewegungsablauf zu bringen. Noch funktioniert aber nichts ohne Denken, jede Bewegung muss angedacht werden.
Geduld, Geduld und nochmals Geduld, ist erforderlich. Dessen muss ich mir nach wie vor bewusst sein. Was nicht leicht ist, denn der betroffene Thalamus ist das Tor zum Bewusstsein. Dadurch habe ich das Denken ebenfalls zum Lernen.
Es heißt einen Weg für mich finden, der es mich verstehen lässt, damit umzugehen. Ich bin manchmal ganz verwirrt über das, was ich denken soll, muss und möchte.
Eigentlich ist das Ziel nicht zu denken und widerspricht dem, eben auch wieder Denken zu lernen. Dabei den Mittelweg zu finden, ist für mich noch schwer, daher der Wunsch, nach mehr Automatik. Mit dem Gang-ABC trainiere ich nicht nur den Körper, sondern auch den Geist.
Es sind jetzt drei Jahre seit dem Hirnabszess vergangen und noch immer soll ich mir Zeit lassen. Das ist schwer in den Kopf zu bekommen, auch jetzt noch. Als Sportler war ich gewohnt, mit einem bestimmten Aufwand, in einer bestimmten Zeit, etwas zu erreichen. Das gilt jetzt nicht mehr.
Das ist jetzt ist so fern von allem. Als ob keine Regeln mehr Gültigkeit haben. Oft muss ich darüber lachen, denn anders wäre es nicht zu verkraften. Und das kann ich zum Glück, besonders wenn ich wieder besonders tollpatschig reagiere.
Ich bin wie der Duracell-Batteriehase aus der Werbung. Nach so einer intensiven Einheit wie der Physiotherapie bleibe ich ähnlich dem Hasen einfach stehen. Dann geht gar nichts mehr. Meine Energie ist alle.

Es war ein herrlicher Tag, und nach der Therapie wollte ich noch ins Café gehen, um den Tag und die Wärme auszukosten. Davor legte ich mich zuhause nur kurz hin, so zumindest der Plan. Diese kleine Ruhepause dauerte allerdings bis zum nächsten Tag, denn ich war nicht mehr fähig aufzustehen. Das Üben hatte meine gesamte Energie verbraucht.
So ist mein Alltag noch immer stark von meinem körperlichen Zustand bestimmt. Deshalb passe ich genau auf, was ich mache und wie ich meine Kräfte einteile. Denn meine Zeit – und vor allem meine Energie – sind täglich noch immer begrenzt. Trotzdem darf und soll nicht jede verfügbare Minute der Therapie gehören. Ich muss auch wieder lernen zu leben. Genau das ist jedoch nicht einfach, wenn der Körper so klare Grenzen setzt.
Und doch macht es Freude, an mir zu arbeiten. Es macht Spaß, Fortschritte zu spüren und Wege zu finden. Dabei darf ich nur eines nicht vergessen: über all dem Üben das Leben selbst nicht aus den Augen zu verlieren.

Hallo Jörg,
Bin gestern als ich auf der suche nach einer kleinen Wanderung war, auf deine Webseite gestossen. Haben dann übrigens die Wanderung in Peggau gemacht...es war unglaublich schön.
Wollte dir meinen Respekt aussprechen...unglaublich was du leistest. Bin diesen Sommer aus meinem „normalen „ Leben gerissen worden...Eierstockkrebs...2Operationen ..jetzt mitten in der Chemotherapie...
Kraft tanke ich in der Natur ...das gehen...der Wald..die Farben...😍
Werd deinen Blog jetzt verfolgen.
Alles liebe Klaudia Kreinz
Hallo Klaudia,
freut mich das dir die Wanderung in Peggau gefallen hat. Es ist dort für mich seit vielen Jahren ein Kraftort, besonders der Wasserfall, der leider gesperrt werden musste.
Kraft aus der Natur holen, ist gerade in der Chemotherapie eine tolle Möglichkeit. Nutze diese so oft wie möglich, denn in der Natur finden wir die beste Unterstützung zum Heil werden. Ich bin seit 4 Jahren jeden Tag im Wald, Stichwort Waldbaden, was ja in den letzten Jahren modern geworden ist (z.B. werden auch "Killerzellen" gegen Krebs angeregt).
Gehen als Medizin, wurde auch für mich die wichtigste Therapie.
Für deine Zeit der Chemotherapie wünsche ich dir alles Gute, viel Kraft und viel Freude und Glücklichsein in der Natur (die beiden wichtigsten Bausteine fürs Gesund werden).
Lass mal wieder hören von dir, wie es dir so ergeht.
Liebe Grüße
Jörg