In Santiago angekommen

Der Camino France endet in Santiago de Compostela. Für mich also der große Tag. Jeder feiert sein Ankommen, immerhin hat man viele Tage der Pilgerreise hinter sich gebracht und viele Erkenntnisse über das Leben erfahren dürfen. Das Ankommen war für mich aber ein Weitergehen.

Ankommen im Nebel

nach Santiago unterwegs
Ankommen
Santiago de Compostela

Bei mir begann der Tag in der früh am Monto de Gozo, etwa 5 Kilometer vor der Stadt. Ich übernachtete im Kirchlichem Pilgerzentrum und legte von dort die letzten Kilometer vor Santiago zurück. Es war Nebel und die Aussicht auf die Stadt mit der Kathedrale bekam ich in dieser Nebelsuppe nicht zu sehen. Dabei hatte ich mich auf diesen Anblick schon so gefreut.

Es ging durch die Vororte von Santiago, weiter durch die Innenstadt und endlich gelangte man auf den Platz vor der Kathedrale. Viele Menschen tummelten sich davor.  Um mich herum tanzten die Menschen und freuten sich, aber in mir regte sich nichts. Ich hatte kein wirkliches Gefühl oder eine Emotion, war abgeschnitten davon.

Es sind Folgen des Hirnabszesses, welche mich vor Überforderung schützen. Es lässt dann nur das wichtigste zu. Emotionen sind nicht darunter. Natürlich freute ich mich irgendwie, aber eben nicht mehr.

Keine Emotion

Ankommen in Santiago

Durch die vielen Menschen hatte ich in einen Funktions Modus geschalten. Mein Gehirn ließ nur das Wesentliche durch und zu. Da blieb für Freude nicht viel über.

Das war auch der Grund, dass ich mich kaum Städten oder Trubel ausgesetzt habe. Für Santiago hatte ich gehofft schon weiter zu sein. Ich musste aber akzeptieren, dass ich noch nicht so weit bin. Es war ja schon außergewöhnlich das ich den Jakobsweg bis Santiago de Compostela geschafft hatte.

So machte ich ein paar Fotos, konnte es aber gedanklich nicht nachvollziehen was es bedeutet, den Camino France mit Handicap bewältigt zu haben. Ich war einfach DA und GING dann weiter.

Die Pilger Urkunde

Santiago

Ich blieb nicht lange am Platz vor der Kathedrale und ging zum Pilger-Office. Dort erhält man eine Urkunde für den bewältigten Weg. Anhand der Stempel im Pilgerpass wird der Weg zurückverfolgt. Wenn alles ok ist, wird die Urkunde ausgestellt.

Vorm Office angekommen, war ich überrascht, wie viele Menschen diese Urkunde wollten. Ich ging in den Innenhof und sah eine endlose Schlange. Das hieß, ein bis zwei Stunden anstellen. Dem konnte und wollte ich mich nicht aussetzen. So langes stehen in einer Schlange war mir unmöglich.

Deswegen vermied ich ja jede Stadt und Menschenansammlung. Damit hatte ich nicht gerechnet.
So verzichtete ich auf die Registrierung und Urkunde. Ich bin ja für mich gegangen und nicht um eine Urkunde zu erhalten. So war es nicht weiter schlimm für mich.

Neue Pläne

Ich suchte mir eine Herberge, wohin ich mich zurückziehen konnte. Was sollte ich jetzt tun?
Mein Plan war recht schnell gefunden. Am nächsten Tag sollte es weiter gehen nach Finisterre, ans Ende der Welt.

Zwei Schnarcher in der Herberge erleichterten mir den Abschied aus Santiago. Ich frühstückte noch in Sichtweite der Kathedrale und brach dann auf.

Auf ans Ende der Welt

Finisterre

Nach Finisterre gelangte ich nach einigen Tagen Fußmarsch. Wie in Santiago, hatte ich auch hier das Gefühl, mein Weg ist noch nicht zu Ende.

Vor mir war nur noch das Meer. Auch hier tanzten einige und man merkte eine eigene Stimmung unter den Pilgern. Man sah gleich, wer den langen Weg zu Fuß gekommen war oder ob es ein Tourist, der mit dem Auto gekommen ist.

Der Weg ist das Ziel

Mit Pilger

Der Weg ist mein Ziel oder wie es ein Freund treffend formulierte, ich selbst bin das Ziel. Ich wollte mich wieder finden und brauchte nach zwei Jahren eine Auszeit von der Rehabilitation.

So sah ich lange auf das Meer hinaus und spürte: Mein Weg ist noch lange nicht zu Ende. Der Jakobsweg hat hier zwar sein Ende gefunden, aber mein Weg geht weiter.

Es hat mir sehr gut getan unterwegs zu sein, trotz der Handicaps. Ich bin an vielen Tagen über meine Grenze gegangen, konnte aber dadurch viele Grenzen an- oder aufheben. Der Hirnabszess  hat ja als Lernaufgabe, sich an und manchmal über der Grenze zu bewegen. Nur so kann ich alte Verhaltensmuster wandeln oder ablegen.

Das was ich am Jakobsweg erreichen wollte, habe ich erledigt. Daher gab es auch kein wirkliches Ankommen. Es ist für mich noch recht schwierig alles richtig einzuordnen. Eigentlich war es eine Wahnsinnsleistung mit Handicap am Jakobsweg zu bestehen.

Aber wenn ich ehrlich bin, für mich waren die letzten zwei Jahre eine noch größere Leistung. Denn von Null weg an sein Leben neu beginnen und meistern zu müssen, das ist mit nichts vergleichbar.

5 Monate leben im Krankenhaus, Monate brauchen um die ersten Meter zurücklegen zu können. In jedem Punkt wie ein Kleinkind das Leben neu zu beginnen.

Ehrlich gesagt, der Jakobsweg war eine Erholung gegen die ersten Monate im Krankenhaus.

Gehen lernen im Krankenhaus

Im Krankenhaus

Ich erinnere mich noch an eine Episode im Krankenhaus. Ich wollte die Türe vom Bett aus erreichen. Normal durfte ich nur in Begleitung einer Krankenschwester aufstehen. Ich war alleine im Zimmer und wollte üben. Ich wollte diese Türe gegenüber dem Fenster erreichen. Vielleicht sechs Meter entfernt.

Ich schwankte vom Bett los. Zentimeter um Zentimeter schob ich meine Beine vorwärts. Alles drehte sich. Der Schwindel kam wie immer plötzlich über mich. Kurz vor der Tür konnte ich nicht mehr und ließ ich mich kontrolliert zu Boden gehen, um zu verschnaufen. Ich war an der Kippe zum Ohnmächtig werden.

Ich war schon zweimal während des Gehens ohnmächtig geworden. Hätte man mich in dem Zustand gefunden, es wären mehrere Tage Bettruhe und das Verbot es zu verlassen, die Folge gewesen.

So übte ich bereits am Anfang an und manchmal über der Grenze. Ich lotete immer aus, wie weit ich gehen konnte. Im Denken war ich ja auch eingeschränkt, daher verwirrte es mich, wie lange alles dauert.

Es dauert so lange wie es dauert

noch 100 km

Ja, für mich dauerte alles zu lange. Ich brauchte noch länger bis ich begriff, das ist keine Sache von Monaten, sondern von Jahren. Deshalb war es auch ein Grenzgang, nach zwei Jahren zum Jakobsweg zu fahren.

Dieser Jakobsweg hat mir viel gegeben, besonders wieder mehr Vertrauen in mich zu bekommen. Wegen der Beschädigungen im Hirn kann ich vieles nicht weiter denken. Viele Verbindungen sind gestört. Mein Physiotherapeut hat mir erstmals wieder mehr Vertrauen in mich selbst gegeben. Ich bin übervorsichtig geworden.

Allerdings kann ich nur langsam wieder die Verbindungen im Gehirn aufbauen. Daher tue ich mich schwer nachzuvollziehen, was ich geleistet habe. Es steht auf einer Stufe mit dem, was ich in den vergangenen zwei Jahren gemacht habe oder meinem Weg zur Tür im Krankenhaus.

Ich werde auf jedem Fall weitermachen und vielleicht eines Tages besser verstehen, was es bedeutet hat. Mein Ankommen war somit gleichzeitig ein Weitergehen.