
Wenn ich heute an meine ersten Caminos zurückdenke, dann sehe ich nicht nur die Wege, die Landschaften und die Begegnungen vor mir. Ich sehe auch die Ausrüstung, mit der ich damals unterwegs war, und ich merke, wie sehr auch sie ein Teil dieses ganzen Weges geworden ist.
Vieles davon war aus heutiger Sicht alles andere als optimal. Manche Dinge waren zu schwer, andere unpraktisch, und einiges hatte ich einfach dabei, weil ich es nicht besser wusste. Und trotzdem gehört genau diese Ausrüstung zu meinen Anfängen. Ohne sie hätte ich diese ersten Schritte so nicht gemacht.
Mit der Zeit hat sich vieles verändert. Nicht plötzlich, nicht von heute auf morgen, sondern langsam, beinahe unmerklich. Mit jedem Camino, mit jeder Nacht draußen und mit jeder neuen Erfahrung wurde mir ein Stück klarer, worauf es mir wirklich ankommt. Heute wähle ich meine Ausrüstung bewusster aus. Nicht, weil ich alles perfektionieren möchte, sondern weil ich gelernt habe zu verstehen, was ich wirklich brauche – und was nicht.
In diesem Beitrag möchte ich genau diesen Weg zeigen. Den Weg meiner Ausrüstung. Von den ersten, noch einfachen und oft auch schweren Setups bis hin zu dem Punkt, an dem ich heute stehe. Denn oft sind es nicht nur die Wege selbst, die einen verändern, sondern auch die Dinge, die man Tag für Tag auf dem Rücken trägt.

Zweieinhalb Jahre nach meinem Hirnabszess kam ein Punkt, an dem ich nicht mehr konnte. Ich brauchte eine Auszeit. Nach all den Therapien, der Reha und diesem ständigen Kampf zurück ins Leben war da dieser Wunsch, einfach fortzugehen.
Ich musste zu diesem Zeitpunkt noch immer gehen lernen. Vieles war unsicher, vieles funktionierte nicht so, wie ich es gewohnt war. Selbst einfache Dinge wie Stufen hinunterzugehen waren schwierig, weil mir Kraft, Gleichgewicht und Sicherheit fehlten.
Eigentlich hätte mein Zustand es kaum zugelassen, überhaupt einen Rucksack zu tragen. Und trotzdem war da dieser Wunsch, loszugehen.
Ich erinnerte mich an den Jakobsweg. Kurz vor dem Hirnabszess hatte ich einen Filmauftrag dazu bekommen. Dieser Gedanke kam wieder zurück, und aus ihm entstand etwas Neues. Es war kein großer Plan, eher ein innerer Impuls. Aber genau dieser Impuls wurde zum Startschuss.
Nicht nur fürs Pilgern und Weitwandern, sondern auch für das Gehen selbst. Und für die Auseinandersetzung mit der Ausrüstung.
Gerade diese Beschäftigung mit der Ausrüstung wurde für mich zu etwas sehr Wertvollem. Ich musste mich mit einzelnen Dingen auseinandersetzen, Entscheidungen treffen, überlegen, was ich wirklich brauche und was nicht. Schritt für Schritt. Auch das war Therapie.
In dieser Zeit fiel es mir oft schwer, neue Dinge zu organisieren oder mich intensiv mit Details zu beschäftigen. Deshalb griff ich auf vieles zurück, was ich bereits hatte.
Der Begriff „Ultralight“ spielte für mich damals noch keine wirkliche Rolle, auch wenn Gewicht schon früher ein Thema gewesen ist. Vor allem durch meine Arbeit bei Filmprojekten und die Begleitung der Radzwillinge wusste ich, dass jedes zusätzliche Kilo irgendwann spürbar wird.
Ich nutzte unter anderem einen neun Jahre alten Rucksack, den ich mir damals in den USA gekauft hatte, um die Radzwillinge auf den Gipfel des Mt. Whitney zu begleiten und zu Filmen. Es war einer der ersten leichten Ultra-Light Rucksäcke, die es gab. Ich hatte ihn bei zahlreichen Einsätzen dabei.




Trotzdem war meine Ausrüstung auf den ersten Caminos weit entfernt von dem, was ich heute mitnehmen würde. Ich nahm das mit, was da war, was funktionierte und was es mir überhaupt ermöglichte, loszugehen.
Es war keine perfekt abgestimmte Ausrüstung. Aber sie war ausreichend.
Und genau das war entscheidend.

Diese ersten Caminos waren für mich viel mehr als nur Wege. Sie waren meine ersten echten Schritte zurück ins Leben. Mit wenig Kraft, mit vielen Einschränkungen, aber mit einem großen Willen, wieder vorwärtszukommen.
Rückblickend hat vieles von dem, was ich damals dabeihatte, funktioniert. Sonst wäre ich nicht unterwegs gewesen. Und doch habe ich relativ schnell gemerkt, dass funktionierende Ausrüstung nicht automatisch gute Ausrüstung ist.
Gerade durch meinen körperlichen Zustand entstand eine besondere Situation. Einerseits wollte ich Gewicht sparen, andererseits brauchte ich in manchen Bereichen mehr als andere. Vor allem bei der Kleidung wollte ich auf der sicheren Seite sein, weil ich nie genau wusste, wie mein Körper reagieren würde. Mir war schneller kalt, vieles war unsicher, und ich wollte Reserven dabeihaben.
So war meine Ausrüstung am Anfang oft ein Kompromiss. Zwischen dem Wunsch, leicht unterwegs zu sein, und der Notwendigkeit, auf meinen Körper Rücksicht zu nehmen.
Mit der Zeit begann ich, mir andere Fragen zu stellen. Nicht nur: Wie viel wiegt etwas? Sondern auch:
Was bringt es mir wirklich?
Was gibt mir Sicherheit?
Und was trage ich vielleicht nur aus Gewohnheit mit?

Genau an diesem Punkt begann die eigentliche Entwicklung.
Mit jedem weiteren Camino und jeder längeren Tour wurde meine Ausrüstung ein Stück durchdachter. Am Anfang nahm ich vor allem das mit, was ich hatte oder was in meiner damaligen Situation möglich war. Denn bei Ultra-Light handelt es sich auch oft um den Preis. Später begann ich immer mehr zu hinterfragen und bewusste Entscheidungen zu treffen.
Gerade beim Weitwandern mit Zelt, Schlafsack und Kochausrüstung wurde mir schnell klar, wie viel Einfluss diese großen Bereiche auf das Gesamtgewicht haben. Gleichzeitig habe ich aber auch gelernt, dass es nicht nur darum geht, immer leichter zu werden. Es geht darum, dass die Ausrüstung zum eigenen Körper, zum Weg und zur jeweiligen Situation passen muss.
Am Anfang war es für mich wichtig, überhaupt ein Zelt dabeizuhaben. Es ging um Schutz, um Sicherheit, um die Möglichkeit, draußen übernachten zu können.
Mit der Zeit haben sich meine Ansprüche verändert. Gewicht, Packmaß und vor allem ein einfacher Aufbau wurden immer wichtiger. Denn wenn man jeden Tag unterwegs ist, merkt man schnell, ob etwas nur irgendwie funktioniert oder ob es einem den Alltag tatsächlich erleichtert.
Heute ist das Zelt für mich nicht mehr nur ein Schutzraum, sondern ein durchdachter Teil meines Systems.



Zu Beginn nutzte ich noch einen Schlafsack aus meiner Zeit vor dem Hirnabszess, einen leichten Northland mit rund 420 Gramm. Ein Schlafsack, der mich lange begleitet hat und mit dem ich viele Nächte draußen verbracht habe.
Doch nach meinem zweiten Camino begann ich, auch hier umzudenken.
Ich entschied mich schließlich für den Sea to Summit Spark I. Mit seinen 350 Gramm ist er noch einmal leichter und gleichzeitig genau auf das reduziert, was ich wirklich brauche.

Dieser Schlafsack begleitet mich seither auf vielen Wegen – am Walkabout, beim JOGLE, am Hexatrek und darüber hinaus.
Für kältere Bedingungen nutze ich zusätzlich den Spark II. Denn gerade im Winter zeigt sich schnell, wie wichtig es ist, die richtige Ausrüstung zur richtigen Zeit dabeizuhaben.

Auch bei der Kochausrüstung hat sich im Laufe der Zeit einiges verändert. Wenn man alles selbst trägt, wird jedes einzelne Teil irgendwann zur Frage.
Je nach Tour koche ich entweder mit Gas oder mit Spiritus. Gas ist für mich die einfachere und verlässlichere Lösung, während Spiritus mehr Aufmerksamkeit und ein ruhigeres Arbeiten erfordert. Manchmal kein leichtes Unterfangen bei meiner schlechten Feinmotorik.


Auf den Caminos in Spanien gehe ich noch einen Schritt weiter und verzichte beinahe ganz auf das Kochen. Bei den vielen Cafés und Restaurants unterwegs kein Problem.
Diese Entscheidung reduziert nicht nur das Gewicht, sondern verändert auch die Art des Unterwegsseins. Es wird für mich einfacher.

Denn alles, was ich nicht tragen muss, macht jeden Schritt ein wenig leichter.
Meine Ausrüstung lässt sich nicht nur beschreiben, sondern auch konkret nachvollziehen.
Hier findest du einige meiner Setups aus verschiedenen Phasen:
Für mich sind diese Listen mehr als reine Aufstellungen. Sie zeigen meinen Weg. Man erkennt darin, wie sich Prioritäten verschieben und wie aus einer eher pragmatischen Ausrüstung nach und nach ein stimmiges Gesamtsystem entsteht.
Besonders deutlich wird die Qualität der eigenen Ausrüstung im Winter.
Kälte, kürzere Tage und oft auch mehr Unsicherheit verlangen nach einem guten Gleichgewicht zwischen Reduktion und Verlässlichkeit. Gerade hier reicht es nicht, einfach nur leicht unterwegs sein zu wollen. Die Ausrüstung muss funktionieren.
Und doch war es für mich spannend zu sehen, dass ich auch unter diesen Bedingungen mit der Zeit immer bewusster und leichter unterwegs sein konnte.
Ein Wintercamino mit rund drei Kilogramm Basisgewicht wäre für mich früher kaum vorstellbar gewesen. Nicht, weil ich es nicht gewollt hätte, sondern weil mir die Erfahrung gefehlt hat.

Der Weg selbst hat mir gezeigt, was möglich ist.
Wenn ich heute auf meine Camino- und Weitwanderausrüstung zurückblicke, dann sehe ich nicht nur einzelne Gegenstände. Ich sehe meinen eigenen Weg darin.
Ich sehe, wie sich mit den Jahren nicht nur meine Ausrüstung verändert hat, sondern auch mein Blick auf das Wesentliche.
Am Anfang ging es darum, überhaupt loszugehen. Mit dem, was da war. Später begann ich zu verstehen, was ich wirklich brauche – und was nur Ballast ist. Nicht nur im Rucksack, sondern manchmal auch im Kopf.
Mit jedem weiteren Weg wurde meine Ausrüstung einfacher, stimmiger und bewusster. Nicht perfekt, aber passend.
Denn gute Ausrüstung muss nicht beeindrucken. Sie muss tragen, entlasten und zum eigenen Weg passen.

Gerade nach allem, was ich erlebt habe, hat dieses Thema eine tiefere Bedeutung bekommen. Es geht nicht nur um Gramm oder Materialien. Es geht auch um Freiheit, Selbstständigkeit und Vertrauen.
So ist meine Ausrüstung heute nicht einfach nur leichter geworden. Sie ist aus vielen Erfahrungen entstanden. Aus Versuchen, aus Fehlern und aus unzähligen Tagen draußen.
Und sie wird sich weiter verändern. So wie sich Wege verändern. So wie man sich selbst verändert.
Am Ende ist Ausrüstung für mich mehr als das, was ich auf dem Rücken trage.
Sie ist ein Teil meines Weges geworden.
Und vielleicht ist genau das das Schönste daran:
Dass man mit jedem Schritt nicht nur weitergeht, sondern auch klarer sieht, was man wirklich braucht - am Weg, wie im Leben!
