Zwischen Gehen und Nichtgehen – 900 Kilometer am Camino Primitivo

29. Mai 2026
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5 Minuten Lesezeit

Zehn Jahre nach dem Hirnabszess – ein etwas anderer Camino-Bericht

900 Kilometer zu Fuß. Camino Norte und vor allem Camino Primitivo. Zehn Jahre nach meinem Hirnabszess.

Vielleicht ist dies kein gewöhnlicher Camino-Bericht. Denn ich möchte nicht erzählen, welche Herberge besonders schön war, wo das Essen am besten schmeckte oder welcher Ausblick mich am meisten beeindruckte. Natürlich gab es all das. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Es geht um etwas anderes. Um das, was dieser Weg in mir bewegt hat. Um das Gehen selbst. Und um die Frage, wie es sich anfühlt, zehn Jahre nach einem Hirnabszess unterwegs zu sein.

Denn diese rund 900 Kilometer waren für mich mehr als Wandern. Mehr als Pilgern. Vielleicht waren sie vor allem eines:

Ein Dankeschön.

Ein Dankeschön dafür, dass ich überhaupt gehen darf.

Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo

Vor genau zehn Jahren kämpfte ich im Krankenhaus ums Überleben. Fünf Monate Krankenhaus. Fast zwei Jahre, um annähernd wieder gehen zu lernen.

Damals hätte ich vieles nicht geglaubt. Dass ich jemals wieder stundenlang gehen würde. Dass ich Berge gehen könnte. Dass ich eines Tages zu Fuß durch Nordspanien unterwegs sein würde.

900 Kilometer.

Schritt für Schritt.

Denn damals ging es nicht um Freiheit. Nicht um Abenteuer. Nicht um Weite.

Es ging ums Gehen.

Darum, wieder aufzustehen. Nicht umzufallen. Einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Gehen - Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo

Zwischen Gehen und Nichtgehen liegt manchmal erschreckend wenig

Vielleicht habe ich in diesen Jahren etwas gelernt, das schwer zu erklären ist:

Zwischen Gehen und Nichtgehen liegt manchmal erschreckend wenig.

Das klingt dramatisch. Für mich ist es manchmal dramatisch.

Denn ich kann heute viele Stunden gehen. Tage hintereinander. Ich bin seit meinem Hirnabszess mittlerweile rund 65.000 Kilometer zu Fuß gegangen.

Und trotzdem fühlt sich Gehen bis heute nicht selbstverständlich an.

Viele Menschen denken bei Rehabilitation an ein paar Monate Therapie. Dann wird man wieder gesund. Fertig.

So funktioniert es bei mir nicht.

Nach meinem Hirnabszess musste ich Gehen neu lernen. Gleichgewicht. Körpergefühl. Wahrnehmung. Aufmerksamkeit.

Vor allem Aufmerksamkeit.

Man denkt eigentlich nicht darüber nach, wie man geht. Man geht einfach.

Allerdings nicht bei mir.

Heute ist Gehen oft bewusstes Gehen.

Wie setze ich den Fuß auf? Trete ich zu hart auf? Bin ich locker? Oder angespannt? Wie fühlt sich mein Gleichgewicht an?

Seit meinem Hirnabszess funktioniert Gehen nicht mehr automatisch.

Meine Propriozeption, auch Tiefensensibilität genannt, ist zum großen Teil verloren gegangen. Ein kompliziertes Wort für etwas sehr Einfaches:

Das Gefühl dafür, wo sich der Körper im Raum befindet.

Ein gesunder Mensch denkt darüber kaum nach.

Ich schon.

Der Körper im Raum. Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo

Warum Rehabilitation für mich nie aufgehört hat, auch nicht am Camino Primitivo

Gehe ich weniger, lasse ich ein paar Tage aus oder bin krank, merke ich es oft rasch.

Denn verlieren geht schneller als aufbauen.

Viel schneller.

Eine Woche weniger Bewegung bedeutet für mich oft nicht einfach Pause.

Sie bedeutet Wiederaufbau.

Denn Gehen ist für mich nicht nur Gehen.

Es ist Gleichgewicht. Koordination. Aufmerksamkeit. Wahrnehmung. Wiederholung.

Immer wieder Wiederholung.

Seit meinem Hirnabszess bin ich rund 65.000 Kilometer gegangen. Nicht aus Ehrgeiz. Nicht wegen Rekorden.

Sondern damit ich im Gehen bleibe.

Denn mein Nervensystem braucht Bewegung.

Rhythmus.

Wiederholung.

Im Gehen bleiben. Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo

Reha unter freiem Himmel – warum der Camino für mich mehr als Wandern ist

Vielleicht brauchte ich gerade deshalb diesen Camino.

Nicht wegen Santiago.

Nicht wegen Finisterre.

Nicht wegen der Kilometer.

Sondern weil mein Nervensystem Bewegung braucht.

Der Camino wurde für mich etwas wie Reha unter freiem Himmel.

Der Camino Primitivo wurde ein riesiger Übungsraum.

Tag für Tag.

Stunde für Stunde.

Schritt für Schritt.

Reha unter freiem Himmel. Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo

Besonders hier wurde mir das bewusst.

Stundenlang allein unterwegs.

Weite.

Ruhe.

Wenige Menschen.

Ein Rhythmus, der langsam in den Körper zieht.

Warum ich am Camino allein gehe

Deshalb gehe ich am Camino meist allein.

Nicht unfreundlich gemeint.

Sondern weil mein Gehirn Raum und Ruhe braucht.

Raum zum Funktionieren.

Raum zum Lernen.

Besonders merke ich meine Einschränkungen dort, wo viele Reize zusammenkommen.

In Städten. Zwischen Menschen. Verkehr. Geräusche. Wenn ich ausweichen muss. Wenn vieles gleichzeitig passiert.

Dann kippt oft als Erstes mein Gleichgewichtsgefühl.

Es ist schwer zu erklären.

Kein klassischer Schwindel.

Mehr ein Unsicherwerden.

Ein leichtes Schwanken.

Fast so, als würde der Körper plötzlich weniger stabil funktionieren.

Langsam gehen hilft dann.

Ruhe hilft.

Aufmerksamkeit hilft.

Aber all das kostet Kraft. Denn alles muss ich bewusst machen. Es gibt keine Automatik mehr.

Wenn der Körper sich an Rhythmus erinnert

Gerade deshalb fühlte sich der Camino Primitivo für mich fast wie Therapie an.

Weniger Reize.

Mehr Rhythmus.

Und irgendwann geschieht etwas, das schwer zu beschreiben ist.

Der Körper erinnert sich.

Nicht plötzlich.

Nicht spektakulär.

Eher leise.

Das Auftreten wird weicher.

Die Schultern lockerer.

Das Gleichgewicht stabiler.

Ich trete weniger hart auf.

Der Körper arbeitet ruhiger.

Nicht perfekt.

Ein Stein oder eine Bodenwelle können mich noch immer rasch aus dem Rhythmus bringen.

Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo

Dann brauche ich wieder Aufmerksamkeit. Kontrolle. Konzentration.

Aber dazwischen gibt es diese Momente.

Momente, in denen Gehen fast wieder selbstverständlich wird, auch wenn es oft nur kurz ist.

Fast wie früher.

Fast wie Freiheit.

Für kurze Zeit verschiebt sich mein Gehen von bewusst kontrolliert hin zu getragen, rhythmisch, teilweise automatisch.

Und genau diese Momente sind für mich unglaublich wertvoll.

Denn dann funktioniere ich nicht nur.

Dann lebe ich.

Fast so, als würde mein Gehirn kurz sagen:

„Ja. So funktioniert es.“

Gehen ist neurologisch viel komplexer, als wir glauben

Vielleicht unterschätzen viele Menschen, wie komplex Gehen eigentlich ist.

Das Gehirn verarbeitet gleichzeitig Gleichgewicht, Muskelspannung, Gelenksstellung, Druck in den Füßen, räumliche Orientierung, Blickrichtung und unzählige kleine Korrekturen.

Jeder Schritt ist Information.

Jeder Schritt ist Training.

Das Gehirn lernt durch Wiederholung.

Man nennt das Neuroplastizität.

Vielleicht habe ich deshalb früh begonnen, aktiv in meine Rehabilitation einzugreifen.

Mit Bewegung.

Aufmerksamkeit.

Ausdauer.

Wiederholung.

Denn Gehen ist für mich nicht nur Mobilität.

Gehen ist Input für das Gehirn.

Gehen ist komplex. Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo.
Gehen ist komplex

Kein Luxus, sondern neurologische Wartung

Vielleicht brauche ich deshalb diese langen Wege.

Nicht als Luxus oder als verrückte Idee.

Sondern als neurologische Wartung.

Denn mein Nervensystem scheint auf Rhythmus, Ruhe und Wiederholung zu reagieren.

Der Camino trainiert für mich nicht primär Leistung.

Wichtiger ist Vertrauen.

Vertrauen in Bewegung.

Vertrauen in den Körper.

Vertrauen, dass manches noch lernbar ist.

Die Fähigkeit ist nicht weg.

Aber sie ist fragil geworden, sehr fragil.

Störanfällig.

Kontextabhängig.

Vielleicht liegt genau darin etwas Demütiges.

Zu wissen, wie nahe die andere Seite bleibt.

Wie nahe Nichtgehen manchmal am Gehen liegt.

Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo

900 Kilometer als Dankeschön

Vielleicht hat mich genau deshalb dieser Camino emotional so berührt.

Nicht weil alles leicht war.

Nicht weil er spektakulär war.

Sondern weil er überhaupt möglich war.

Vor zehn Jahren Krankenhaus.

Heute 900 Kilometer zu Fuß.

Manchmal fühlt sich das fast unwirklich an.

Und gleichzeitig spüre ich jeden Tag:

Nichts daran ist selbstverständlich.

Vielleicht war dieser Camino am Ende genau das:

Ein Dankeschön.

Für zehn Jahre Leben nach dem Hirnabszess.

Für unzählige Wiederholungen.

Für rund 65.000 Kilometer zu Fuß.

Für all die Schritte, die niemand sieht.

Für Aufmerksamkeit.

Für Disziplin.

Für das tägliche Wiederanfangen.

Und dafür, dass ich trotz allem noch gehen darf.

Denn vielleicht habe ich in diesen zehn Jahren vor allem eines gelernt:

Zwischen Gehen und Nichtgehen liegt manchmal erschreckend wenig.

Finesterre, am Ende der (alten) Welt. Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo

Und genau deshalb fühlt sich jeder Schritt manchmal nicht selbstverständlich an.

Sondern kostbar.


(Ein Bericht über den Camino Norte und Camino Primitivo folgt noch)


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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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