Rehabilitation, Geld und die Natur!

30. Dezember 2020
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6 Minuten Lesezeit

Rehabilitation, Geld und die Natur!

Manchmal stellt sich mir die Frage, wie meine Rehabilitation mit mehr Geld wohl verlaufen wäre? Was könnte ich anders oder besser machen, hätte ich mehr Erfolg oder mehr Verbesserung in der Gesundung geschafft?

Nach bald fünf Jahren nach dem Hirnabszess, kann ich mittlerweile abschätzen, was ich anders hätte machen können oder was mit mehr Geld möglich gewesen wäre.

Hilft Geld bei der Rehabilitation?
Hilft Geld bei der Rehabilitation?

Nur wer Überlebt hat, kann definieren, wie Gesundung für ihn ausschauen soll!

So wie es gewesen und passiert ist, war es perfekt und ich habe das Maximum aus mir bisher herausgeholt. Sicher, mehr Geld hätte manches erleichtert. Dass ich nicht soviel habe, hat aber wahrscheinlich bewirkt, dass ich mich stärker und intensiver mit der Natur befasst habe und erfolgreiche Alternativen gefunden habe. Wobei ich der Natur schon immer zugetan war.

Diese Alternativen für viele Therapien, habe ich hauptsächlich in der Natur gefunden. Als Überlebender, wovon auch immer, kann ich definieren, wie Heilung ausschaut und niemand anderer. Wir wissen am besten, was gut für uns ist. Dessen kann sich jeder bewusst sein.

Geld ist also nicht wirklich notwendig, um etwas zu erreichen, kann es aber erleichtern. Meine Rehabilitation findet größtenteils in der Natur statt, wofür ich wieder kaum Geld brauche.

Denn niemand kennt die Straße besser, als ich selbst, auf der ich gehe. Das Finden des 2.0 Lebens kann eine mühsame Aufgabe sein und wenn wir zu unserem 2.0 kommen wollen, haben wir keine andere Wahl, als es selbst zu tun. Niemand kann es für uns machen. Eigenverantwortung übernehmen, ist der Schlüssel zu Heilung.

Natürlich hilft es, Erfahrungen anderer anzunehmen, gerade was Ergo- und Physiotherapeuten betrifft. Aber schlussendlich bin ich selbst verantwortlich, für des Glückes Schmied. Etwas selbständig erreichen zu können, mit einem aktiven und zielgerichteten Verhalten, führt mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu einer positiven Reaktion.

Der Hunger nach Gesundung

Ich war vom ersten Tag an Hungrig nach Gesundung und das mir bestmögliche zu versuchen. Von der Intensivstation und dem Krankenhaus wieder nach Hause gekommen, ist mir dieses Hungrig nach Gesundung sein Erhalten geblieben. Es ließ mich dranbleiben, aber trotzdem Gelassen dabei bleiben.

Ich habe mich Anfangs nie ins Fitnessstudio bringen lassen, um mit Gewichten hantieren zu können. Im Gegenteil, ich suchte die Natur. Es dauerte zwar Monate, ehe ich wieder den nahen Wald erreichen konnte, aber sobald ich es konnte, nutzte ich dort Äste und Baumstämme, um mit ihnen zu trainieren. Rehabilitation im Wald.

Es kann manchmal beschwerlich und anstrengend sein. Möglicherweise kann man die Früchte der Arbeit selbst nicht sofort sehen. Man lernt täglich dazu und versucht, auf den vorangegangenen Tag aufzubauen. Dabei gibt es diesen Tag gar nicht mehr, aufgrund meines fehlenden Kurzzeitgedächtnis. Man denkt ausschließlich im Hier und Jetzt. Was war, das gibt es nicht mehr und zählt nicht.

Man lebt mit dem was IST und versucht sich weiter zu verbessern. Wie ein Sportler, der trainiert und trainiert, um besser zu werden. Dieses "Besser werden" liegt in uns Menschen, darf aber nicht zu Zwangsartigkeit ausarten. Gesunder Wachstum ist gut, zu viel Wachstum kann zerstörerisch wirken, wie uns immer wieder die Wirtschaft vorzeigt. Mit Wachstum bin aber ich als Mensch gemeint. Auch mit Behinderung ist Wachstum möglich, der allerdings oft falsch verstanden wird.

Rehabilitation im Wald

Ich sehe normal aus!

Ich bekomme immer wieder die Aussage zu hören, dass ich normal aussehe und man mir nichts ansieht. Für manch einen ist das ein Grund zu denken, dass ich wieder gesund bin. Ist dem aber so?

Ich erlitt eine Vielzahl an Auswirkungen des Hirnabszesses. Beeinträchtigung von kognitiven und sensomotorischen Funktionen, einer rechtsseitigen Hemiparese (Halbseitenlähmung), Verlust des Sprechvermögens und Wortfindungsstörungen, sowie emotionaler Regulationsstörungen, d.h. ich kann Emotionen nur schwer regulieren. Dazu der Verlust meines Kurzzeitgedächtnisses und manches mehr.

Ich habe die Kunst der Kompensationsstrategien auf Rehabilitation erlernt. Anderen fällt das kaum auf, besonders in einem Gespräch. Mir fehlt aber auch die Fähigkeit zur Problemlösung, bzw. ich brauche lange, um auf etwas angemessen zu reagieren.

Vor dem Hirnabszess war ich sehr mit mir zufrieden, dass ich mehrere Funktionen gleichzeitig ausführen konnte, Multitasking genannt. In meinem Beruf als Videojournalist war es normal, alleine zu Filmen und ein Interview gleichzeitig zu machen.

Heute kann ich meinen Focus nur auf eines davon legen und danach auf das andere. Zwei volle Teller zu tragen, ist fast unmöglich. Ich kann mich nur auf eines konzentrieren und darauf, nichts zu verschütten. Am Camino hatte ich immer Schwierigkeiten damit, mit dem Kaffee und dem Teller mit Tapas, durch die Fliegenvorhänge an der Tür zu kommen.

Stufen muss ich noch immer mit voller Konzentration gehen, egal ob rauf oder runter. Meine Beine brauchen die Aufmerksamkeit. Durch die fehlende Automatik ist meine Welt langsamer geworden. Das genaue Gegenteil von früher. Meine Rehabilitation beinhaltet viel vom Erlernen der Automatik, ein wichtiger Bestandteil von Lebensqualität.

Stufen steigen in der Rehabilitation

Die Monate vor dem Hirnabszess waren so schnell, dass mir schwindlig wurde. So schwindlig, dass mich der Hirnabszess hinstreckte und ich noch heute diesen Schwindel verspüre.

Indem ich dem wirklichen Leben wieder auf die Spur komme und mir Zeit lasse, ja lassen darf, komme ich vorwärts. Dazu sind verschiedene Lernstufen notwendig und es funktioniert nur Step by Step.

Die unsichtbaren Behinderungen

Ich sehe normal aus, ja, es ist aber noch lange nicht normal. Ich bin zwar den Camino gelaufen, 1.000 Kilometer durch Spanien, bis ans Meer, dass sich kaum wer vorstellen kann. Wie soll sich das dann aber jemand vorstellen können, unter welchen Bedingungen ich das schaffen konnte!

Ja, es mag unvorstellbar sein und eigentlich war es das erste Mal auch unmöglich, jedenfalls im allgemeinen Verständnis. Ich hatte aber eine Alternative gefunden, die für mich mehr als nur Therapie war. Denn noch wichtiger war es, wieder das Leben spüren zu lernen und das hat mir der Camino definitiv gezeigt.

Noch habe ich Schwierigkeiten mit dem Schreiben, aber ich arbeite trotzdem an einem Buch und einem Vortrag, um andere an meinem Schicksal teilhaben zu lassen. Was es bedeutet, plötzlich mit einer Behinderung konfrontiert zu sein. Ich habe mein Schicksal vor dreieinhalb Jahren öffentlich gemacht, nicht wissend, dass ich noch viele Jahre der Gesundung brauchen werde. Dranbleiben und nicht aufgeben wurde zu meiner Maxime.

Schreiben

Viel meiner Arbeit ist an den unsichtbaren Behinderungen. Meine Fotos, die ich poste, zeigen diese aber nicht. Wie kann man zum Beispiel Muskelschwäche sichtbar machen?

Denn Fotos kann ich nur machen, wenn es mir besser geht. Aus der Zeit im Krankenhaus gibt es so gut wie keine Fotos, weil ich gar nicht daran denken konnte, zu fotografieren. Dieses monatelange, tägliche trainieren, um ein paar Zentimeter weiterzukommen, war mein Alltag.

Es gibt so gut wie keine Aufzeichnungen davon. Eigentlich gar keine, denn mein Focus lag am Üben. Mein Gehirn konnte nicht ans Dokumentieren denken, ich hatte keine Energie dafür. Erst über ein Jahr später konnte ich schrittweise beginnen zu fotografieren, filmen nur ausnahmsweise.

Mein erstes Selfie im Wald
Mein erstes Selfie im Wald

Die Handicaps betreffen alle

Die Handicaps habe nicht nur ich erlitten, alle in meiner Familie haben sie zu spüren bekommen, es waren alle betroffen. Das zu erkennen, war oft nicht leicht. Für mich, wie auch für meine Familie.

Am schwersten ist es, wieder richtig kommunizieren zu lernen. Ich hatte alles zu lernen, nämlich zu sprechen, lesen, schreiben und zu gestikulieren. Fähigkeiten über die ich vorher nicht einmal nachgedacht habe. Im Krankenhaus bekam ich immer zu hören: "Lassen sie sich Zeit!", und ich brauchte Zeit.

Es ist schwer zu erklären, was es heißt, nicht denken zu können. Ich reagierte nur auf das, was war und war glücklich, wenn ein bekanntes Gesicht bei der Tür hereinschaute. Weiter ging mein Denken nicht, es reichte aber, um glücklich zu sein. Auch heute noch bin ich für kleinste Dinge dankbar und glücklich.

Meine Krankheit hat meine Familie nicht überstanden, sie ist daran zerbrochen. Das Gehirn schützt mich nach wie vor, mir darüber zu viele Gedanken machen zu können. Ich befinde mich jetzt im fünften Jahr der Rehabilitation und noch immer steht die Gesundung an vorderster Stelle. Das Überleben des Hirnabszesses bekam einen immer höheren Stellenwert.

Fünf Jahre Rehabilitation

Eigentlich unvorstellbar. Wer hat in seinem Leben ein Projekt verfolgt, dass so lange dauert? Nämlich dafür jede Minute seiner Zeit intensiv gewidmet und das rund um die Uhr?

Anfangs stand ja die Frage, was mehr Geld an meiner Rehabilitation geändert hätte? Vielleicht hätte ich mir die ein oder andere Therapie mehr leisten können. Vielleicht wäre ich für längere Zeit nach China gereist und hätte mich in die Obhut der TCM vor Ort begeben? Und vielleicht hätten Therapien wie Osteopathie oder Craniosacral-Therapie einiges bewirkt?

Natur und Geld
Natur und Geld

Das sind aber alles "Hätti-wari-datti" Gespinste. Es war so, wie es war und das war gut. Mit dem Pilgern konnte ich mir etwas geben, was meine Seele dringend gebraucht hat. Meine drei großen Pilger-Fahrten brachten mir so viel, ich kann es gar nicht beschreiben. Ich bin meinen alten Radkollegen mehr als dankbar, dass sie für mich sammelten und einen Teil dazu finanzierten.

Außerdem ist es müßig darüber zu sinnieren, was mit mehr Geld eventuell möglich gewesen wäre. Gerade kein Geld zu haben, war vielleicht entscheidend dafür, dort hinzukommen, wo ich jetzt bin. Ja, es fehlt noch viel, aber ich habe bisher mehr erreicht, als was ich erwarten durfte.

Dass ich überhaupt lebe, ist nicht selbstverständlich. Das muss mir immer wieder bewusst sein, ebenso wie ein Leben mit Handicap, mich jeden Tag intensiver erleben lässt, frei nach dem Motto:

"Lebe jeden Tag so, als sei es dein letzter!"

Abwandlung von Marc Aurel, römischer Kaiser, ("All dein tun und denken sei so beschaffen, als ob du möglicherweise in diesem Augenblick aus dem Leben scheiden solltest.")
Marc Aurel, römischer Kaiser

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6 comments on “Rehabilitation, Geld und die Natur!”

  1. Lieber Jörg, danke dass ich an deinen Gedanken teilhaben kann. Ich bewundere dich wie du mit deiner Krankheit umgehst und mir oft zeigst was wirklich wichtig ist im Leben. Danke und ich wünsch dir weiterhin viel Kraft und ein gutes neues Jahr.
    Liebe Grüße Margit

  2. Hallo Jörg ,
    So viele Worte ... du hast ganz viel Interessantes geschrieben . In diesen Beitrag hast du sicherlich sehr viel Zeit und Konzentration gesteckt. Du bist wirklich bemerkenswert.

    Ja, wir können dich nicht mit „deinen Augen“ sehen, wir können nicht wirklich erahnen, wie es ist, wenn bestimmte körperliche Abläufe nicht mehr automatisch funktionieren oder das Kurzzeitgrdächtnis eingeschränkt ist.
    Mit deinen Worten gelingt es dir aber, dass der Leser ein besseres Verständnis dafür entwickelt.

    Du bist unermüdlich und sehr diszipliniert.
    Da könnte ich mir „eine Scheibe davon abschneiden“.

    Hast du schon einmal was von „Jin Shin Jyutsu“ gehört ? Man nennt es auch japanisches Heilströmen. Es ist eine uralte Heilkunst . Das kannst du auch selbst alleine anwenden. Vielleicht ist das was für dich ?

    Die einfachste Anwendungsmöglichkeit des Jin Shin Jyutsu ist das lockere Umschliessen eines Fingers mit den Fingern der anderen Hand.

    Jeder unserer zehn Finger ist mit 14.400 Funktionen im Körper verbunden, so heisst es. Das Energetisieren eines jeden einzelnen Fingers reinigt und stärkt daher den gesamten Körper und entspannt sowie harmonisiert unser Denken.

    Vor dem Fernseher, beim Bus fahren oder auf der Couch kannst du alle zehn Finger nacheinander jeweils ein 2-3 Minuten halten.

    Für die Muskulatur kannst du den Mittelfinger strömen . Am besten ein paar mal am Tag über einen längeren Zeitraum täglich.

    Schau mal... hier ist auch ein Link, wo es allgemein erklärt wird :

    https://youtu.be/FhO6m8UVRUY

    LG
    Christiane

    1. Ich kenne es am Rande, aber noch nicht probiert. Bisher nur mit Mudras gearbeitet.
      Im Video gut erklärt und ich mache alles, um meine Energie Ströme wieder zum fließen zu bringen.
      Danke ☺️👍

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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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