Mit diesem Camino Frances, seit dem Hirnabszess einmal zu Fuß rund um die Welt (40.000 km)!

23. Oktober 2022
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6 Minuten Lesezeit

Mit diesem Camino Frances, seit dem Hirnabszess, einmal zu Fuß rund um die Welt (40.000 km)!

Seit dem Hirnabszess bin ich mit diesem Camino einmal rund um die Welt gegangen, also  rund 40.000 km. Die Aussage eines Arztes vor sechs Jahren blieb mir bis heute im Gedächtnis:

"Neurologisch kann man gar nicht zu viel machen, es gibt kein zuviel!"

Vielleicht habe ich es zu wörtlich genommen, aber dieser Satz treibt mich bis heute an und gibt mir bisher auch recht. Es machte das Gehen zum Wichtigsten in meinen Leben. Zum Glück, denn ohne die Millionenfachen Wiederholungen wäre ich ein Pflegefall geblieben, denn meine Propriozeption oder auch Tiefensensibilität genannt, ist zum größten Teil durch den Hirnabszess verloren gegangen.

Einmal rund um die Welt

Dieses "einmal rund um die Welt", sind ca. 40.000 Kilometer, die ich mit dem Camino im Oktober bisher zurückgelegt habe. Wenn mir das jemand vor sechs Jahren gesagt hätte, ich hätte es ihm nicht geglaubt. Allerdings hat mich diese obige Aussage damals angetrieben, immer noch diese Extrameile zu machen, von der Bruce Lee sprach und ich machte manchmal sogar mehr.

Globus

Diese Propriozeption kann ein Hund sein. Gehe ich weniger, übe und trainiere ich weniger, lasse ich ein, zwei Tage aus, bildet sie sich zurück. Denn sie ist nicht nur das Gehen, sondern auch die Wahrnehmung, aucha die Wahrnehmung des eigenen Körpers im Raum. Zu wissen, wo der Körper endet, ist wichtig. Fehlt sie, ist es wie im Finstern eine unbekannte Kellerstiege hinunter zu steigen.

Die Millionenfachen Wiederholungen im Gehen, machten es einfacher, mich daran zu gewöhnen und zu versuchen, wieder mehr Automatik zu bekommen. Trotzdem ist immer ein Restgedanke beim Ablauf des Gehen, deswegen tue ich mich noch oft schwer, im Gelände zu sprechen. Single Tasking lässt grüßen, Multitasking wäre gut.

Der Abszess lag an einer ungünstigen Stelle, nämlich am Thalamus, der Steuerzentrale des Körpers. Deshalb auch meine vielfältigen Handicaps, denn es ist praktisch alles von Körper und Geist betroffen. Am Jakobsweg vergesse ich oft während dem Gehen zu Grüßen, da ich oft zu sehr mit dem Bewegungsablauf beschäftigt bin.

Diese Steuerzentrale, der Thalamus, steuert im Körper die Bewegung, aber auch das Denken und die Wahrnehmung. Also alles, was für das "normale" Funktionieren notwendig ist. Bisher war "einmal rund um die Welt" notwendig, um dahin zu kommen, wo ich heute bin. Allein der Aufwand zum Erhalten ist enorm. Das dranbleiben ist notwendig, um es wenigstens gleich belassen zu können oder vielleicht Verbesserung zu erreichen.

Pilger- und Fernwanderwege

Aus diesem einmal rund um die Welt, wird ab sofort ein zweites Mal. Rund 8.000 Kilometer habe ich davon auf Pilger- und Fernwanderwegen zurückgelegt, der Rest passierte in der Heimat.

Besonders in der Corona-Pandemie erkundete ich praktisch jeden Tag den Grazer Norden. Der Camino in Spanien bekam einen besonderen Stellenwert in den letzten sechs Jahren, denn er ist meine größte Reha-Anstalt der Welt geworden. Wie kaum sonst wo, kann ich hier Therapie und Leben verbinden.

Das Gehen bringt mir Freude und Glücklichsein

Jeden einzelnen Meter habe ich unter Freude zurückgelegt, selbst schwierige Bedingungen konnte sie mir nicht nehmen. Egal ob im Sturm am Jakobsweg, im Regen am Walkabout durch Österreich oder im Schnee zu Hause hinter dem Haus, die Freude ist mir dabei immer geblieben. Gelang etwas nicht, war es nur ein Ansporn, es immer und immer wieder zu versuchen.

Diese Freude am Tun ist eine Grundvoraussetzung für meine Genesung und das ich überhaupt wieder gehen gelernt habe.

Mein vierter Camino Frances

Die ersten 10 Tage war ich mit meinem jüngeren Sohn Elvin unterwegs. Wir starteten in Saint Jean Pied del Port, dem Beginn des Camino France. Kühle Temperature begleiteten uns dabei. In Logrono verließ er mich, um nach Hause zu fahren, seine Archillessehne schmerzte zu sehr. Ich setzte meinen Weg alleine fort.

Ich bin glücklich nun beiden Kindern einen Teil des Camino in Spanien gezeigt zu haben, nämlich das, was mir nach dem Hirnabszess so sehr geholfen hat.

Alleine durch die Nacht

Für diesen Camino hatte ich mir ja einiges vorgenommen. Wenn die Bedingungen passen, wollte ich eine Nacht durchgehen, bzw unter freiem Himmel verbringen. Zwei Tage vor Vollmond war es soweit.

Ich startete in Santa Domingo und kam bei Tageslicht bis etwas nach Villafranka. Damit hatte ich die ganze Nacht Zeit, bis nach Burgos zu kommen, wo mir zwei Bergüberquerungen bevor standen. Da bald Vollmond war, begleitete mich der Schein des noch nicht vollen Mondes. Die Stirnlampe brauchte ich jedoch fast nie, so hell schien der Mond. Dafür war die Milchstraße nicht so gut zu sehen, was aber verschmerzbar war, angesichts der herrschenden Stimmung.

Dreimal legte ich mich für eine Stunde aufs Ohr, zum Glück spielten die Temperaturen mit. Der dünne Daunenanorak reichte aus und ich begnügte mich damit, mich auf eine Parkbank zu legen oder um drei Uhr früh, auf zusammengeschobenen Sesseln eines Cafés kurz die Augen zuzumachen. Es war einfach nur herrlich, zum ersten Mal diese Momente zu erleben, wo ich doch normalerweise schon um 6 - 8 Uhr zu Bett ging. Nichtsdestotrotz, hatte ich den Schlaf nachzuholen, was zum Glück leicht ging, erreichte ich doch die nächste Stadt schon am Vormittag und legte mich dann ab Mittag in der Herberge zum Schlafen.

Das besondere war aber, wie ich mit der Tiefensensibilität umging? Denn im Finsteren konnte ich meine Füße kaum sehen und ich mußte meist, ohne sie zu sehen, auftreten. Aber nur fast, denn der Mond unterstütze es, die Konturen des Weges zu sehen, damit war es doch einfacher, als in stockdunkler Nacht. Der Aufstieg zum Cruz de Matagrande en Atapuerca war wegen der vielen Steine nicht leicht, aber bewältigbar. Oben am Kreuz war ich gegen Mitternacht, bei einzigartiger Stimmung. Im fernen sah ich die Lichter von Burgos, dass ich dann in der Früh erreichte.

Die Meseta

Nichts denken, nur gehen und Kopf ausschalten. Das war das Motto für die Meseta. Die Tage vergingen wie im Fluge und ehe ich mich versah, war ich in Leon. Hier legte ich einen Ruhetag ein, denn ich wollte danach wieder Kilometer machen. In einem Rutsch ging es nach Astorga und ich war überrascht von der Menge der Menschen am Weg, besonders aus Südkorea. Um allzu volle Herbergen vermeiden zu können, besorgte ich mir in Leon vorausschauend eine Unterlegsmatte, die ich auf 80 x 40 cm verkleinerte. Im Fall des Falles wollte ich die Freiheit haben, eine Nacht auch im Freien zu verbringen.

Ursprünglich nicht geplant, überquerte ich den Bergzug mit dem Crux de Ferro an einem Tag, bis nach Ponferrada. Die möglichen Herbergen beim Abstieg vermied ich, weil sie recht voll waren. Ich war auf Natur gepolt und kam mit zu vielen Menschen auf einem Fleck nicht klar.

In der Herberge in Ponferrada war ein sehr unruhiger Spanier im Zimmer, der mehrmals in der Nacht aufstand, um Rauchen zu gehen. Das weckte in mir erneut das Verlangen, die nächste Nacht wieder im Freien zu verbringen.

Von Ponferrada nach Sarria

Im Laufe des folgenden Tages verfestigte sich der Gedanke, die Nacht im Freien zu bleiben. Allerdings stand die Überquerung des C'Obreiro bevor. Ich ließ mir ein bisschen zu viel Zeit davor und musste den schwierigen Aufstieg zu einem großen Teil in Finsternis zurücklegen. Ein traumhafter Anblick der Milchstraße entschädigte mich jedoch.

Um 23 Uhr jausnete ich vor der ältesten Kirche am Camino Frances, in C'Obreiro. Immer noch begleitet vom traumhaften Sternenhimmel, mit der Milchstraße in ihrer vollen Pracht. Von der Schönheit beschwingt, ging ich weiter, um allerdings kurze Zeit später in einen Nasskalten Nebel einzutauchen. Das hatte ich nicht erwartet. Die warme Nacht wechselte zu kühlen Temperaturen, mit Nässe und dichtem Nebel. Die Stirnlampe leuchtete mir nur schwer den Weg.

Es beschränkte sich nicht nur auf die Gipfelregion, sondern zog sich bis ins Tal. Am Alto del Plano war der Nebel so dicht und die Nacht so schwarz, dass ich nicht einmal den oberen Teil des dortigen Denkmals erkennen konnte. Auch zum Hinlegen fand ich keinen trockenen Platz, so blieb mir nur das Weitergehen. Erst um vier Uhr früh fand ich eine trockene Bank, die so kurz war, dass ich mich mit angezogenen Beinen darauf hinlegen konnte.

Um halb sechs ging es wieder weiter, wo ich dann beim ersten öffnen eines Cafés gegen 6h30 in Triacastela eintraf. Bald nach mir fanden sich immer mehr Pilger ein, die gerade beim Aufbruch waren und ihren ersten Kaffee einnahmen.

Das Wetter wird schlechter

Die folgenden Tage verschlechterte sich das Wetter immer mehr und ich erreichte im Regen Santiago. Die wenigen Regenpausen nutzte ich für Fotos. Diesmal schaffte ich es sogar alleine in die Kathedrale und sah zum ersten Mal den Botafumeiro, das Weihrauchfass, dass bei den Gottesdiensten geschwungen wird.

2020, bei meinem ersten Besuch der Kathedrale, war er wegen der Renovierung der Kathedrale für das heilige Jahr nicht zu sehen. Dafür durfte ich damals den heiligen Jakob umarmen, was diesmal wegen der Covid-Regeln nicht mehr erlaubt war.

Nach einem Tag in Santiago brach ich nach Finesterre auf. Schwere Regenfälle mit Sturm sollten mich die nächsten drei Tage nach Finesterre begleiten, ans "Ende der Welt"!

Ich konnte wieder viel über mich erfahren, meine Rehabilitation voranbringen und neue Ideen sammeln. Zunächst muss ich alles noch sacken lassen, bis ich die Zeit aufarbeiten kann. Noch steht mir ja der Weg nach Muxia bevor.

Buen Camino und Ultreia


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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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