Walkabout durch Austria - Teil 1 / Judendorf - Neusiedl 230 km

15. Mai 2021
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6 Minuten Lesezeit

Gehen hat für mich mit Freiheit zu tun. Der Walkabout durch Austria ist somit auch dem Teil geschuldet, diese Freiheit wiederzuerlangen. Eine Freiheit, die dann wieder besonders wichtig wird, wenn man sie verloren hat. Der Weg Judendorf - Neusiedl kann mir viel bringen.

Mit dem Gehen habe ich mir etwas zurückgeholt, was weit wichtiger als nur das Gehen selbst ist, nämlich Freiheit. Zu fragen, wenn ich aufs WC wollte oder überhaupt das Bett zu verlassen, war lange mein Alltag. Da bekommt der Begriff "Freiheit" eine neue Bedeutung. Das ist kaum jemanden bewusst, was man noch unter Freiheit verstehen kann.

Judendorf - Neusiedl

Kurz ein paar nackte Zahlen:

  • ca. 230 km, mit Umwegen
  • 6 Tage
  • 5100 Höhenmeter bergauf
  • Sonnenschein und Hitze am Anfang
  • Kühl und Regen an zwei Tagen
  • Kalte Nächte im Zelt
  • Windig bis stürmisch
  • Lockdown-Zeit
  • permanent im Freien

Es war der Start zu meinem Walkabout durch Austria, von Judendorf - Neusiedl am See. 29 km vor dem östlichsten Punkt von Österreich habe ich vorläufig abgebrochen und warte das Ende des Lockdowns am 19.5. ab.

Judendorf - Neusiedl
der Weg
Judendorf - Neusiedl
die Höhenmeter
Judendorf - Neusiedl
die Kilometer

Das sagt der Planer, es wurde aber wegen der Umwege mehr.

Wo sind meine Grenzen?

Beim Gehen habe ich scheinbar kaum Grenzen. Trotzdem muss ich immer aufpassen, denn meine Grenzen sind sehr unterschiedlich. Denn warum kann ich nicht arbeiten, wenn ich doch so weit gehen kann? Eine berechtigte Frage!

Da sind auf der einen Seite die körperlichen Grenzen und auf der anderen die geistigen. Das ist mir die letzten Tage wieder sehr bewusst geworden.

Meine Grenzen bilden mehr als die Leistung, die messbar ist. Die Muskelschwäche behindert mich sehr, deswegen setze ich auf die Ausdauer. So kann ich länger am Limit agieren und das bekommt man von Außen nicht mit, dass ich am Limit bin. Ob 5 km oder 35 km, ich kann es nur vollbringen, indem ich mich dauernd an der Grenze bewege. Bewegung bedeutet Grenze für mich. Daher mein Verlangen danach, meine Grenzen auszuweiten.

Ich finde meine Grenze nicht durch das Denken, sondern nur durch das Fühlen. Das Herz entscheidet, wo die Grenze liegt. Ich gehe nie über meine Grenze, aber immer knapp an sie heran. Ich mache mich frei von allem, vergesse mein Ego und meinen Willen und spüre in mein Herz und handle danach. Deshalb kann ich auch alles beenden, wie diese Tour nach 6 Tagen im Lockdown. Ich gehe eben später weiter.

Um noch einmal darauf zurückzukommen, warum ich nicht arbeiten kann? Mir fehlt die Feinmotorik und der Automatismus, um produktiv Geld verdienen zu können. Ich habe kein Kurzzeitgedächtnis mehr, was in der Arbeitswelt notwendig ist. Es ist so viel in Unordnung in mir, dass ich froh bin, wenigstens eines wieder zu können. Nämlich zu gehen!

Denn bleibe ich nicht in Bewegung, funktioniert auch der Rest nicht so gut!

Der Weg

Das besondere ist, von zu Hause wegzugehen. Die ersten Meter waren ein eigenartiges Gefühl. Man kennt alles und trotzdem ist es anders. Kaum ging es in den ersten Waldweg hinein, war ich im Gehen drin.

Es ging über den Schöckel, weiter nach Plenzengreith und Passail. Hier übernachtete ich in einem Holzpavillon und war schon neugierig auf den nächsten Tag. Er sollte mich über die Sommeralm bringen.

Hier traf ich beim Wetterkreuz auf Andreas, der in der Gegend wohnte und ich bedanke mich für das Interesse und das Gespräch. Es sollte das Einzige intensivere am gesamten Weg sein, dass ich abhalten konnte.

Begegnungen

Mein Ziel, die Schanz, erreichte ich über Umwege. Einmal nicht aufgepasst und ich machte mehrere Kilometer Umweg. Das war besonders bitter, denn ich wollte die hohen Berge nach dem dritten Tag hinter mir lassen, wo ich die gesamte Verpflegung mitnehmen musste.

Die hohen Berge

Weiter ging es über die Teufelsteinhütte, den Pretul und das Stuhleck, welche ich bei traumhaften, aber windigen Wetter überquerte. Einzig der Wasservorrat machte mir Sorgen. Es war anstrengend und am Limit, aber ich dosierte mein Tempo. Ich war so konzentriert aufs Steigen, dass andere Gedanken keinen Platz hatten.

Judendorf - Neusiedl

Ab dem dritten Tage begann ich mein Essen zu rationieren. In Gloggnitz sollte ich die erste Einkaufsmöglichkeit haben, immerhin noch 50 Kilometer bis dorthin. Ich ergatterte unterwegs noch zwei Wurstsemmeln und so musste ich damit, einem kleinen Stück Brot, einem Gel und einem Müsliriegel bis morgen auskommen.

Wurstsemmel als Verpflegung am Weg Judendorf - Neusiedl.
Wurstsemmel x 2

Der Abstieg vom Stuhleck, mit 1750 Meter der höchste Punkt bis zum Neusiedlersee, barg noch einige Schwierigkeiten und wurde mit 27 km doch sehr lang. In der Früh hatte ich nur mehr 400 mml Wasser, ein Stück Brot und das Gel, dass musste reichen.

Ein schmaler Steig führte entlang eines Berges und durch zauberhafte Landschaft. Zu überquerende Murenabgänge ließen meinen Puls kurz hochsteigen. Danach ging es fast nur noch bergab bis nach Gloggnitz.

Windräder am Pretul.

Warmes Essen

In einer Fleischerei holte ich mir Essen zum Mitnehmen und verdrückte es neben der Straße. Aufgrund des Lockdowns war es ja nicht möglich ein Gasthaus zu besuchen. Es war mein erstes warmes Essen seit über drei Tagen.

Danach ging es noch in ein Kaufhaus, um meine Essensvorräte neu aufzustocken.

Das einzige warme Essen in sechs Tagen, auf dem Weg Judendorf - Neusiedl.
Das einzige warme Essen in sechs Tagen

Stromknappheit

Am vierten Tag merkte ich zusehends, dass ich meine Stromvorräte nicht mehr richtig händeln konnte. Ich hatte zwar eine kleine Solaranlage und Powerbank für Wanderer mit, aber es reichte nicht, um alles geladen zu halten. Ich hatte es verabsäumt, immer alles sofort bei Sonnenschein zu laden. Die Rechnung bekam ich jetzt.

Ich musste immer wieder mit der Powerbank nachladen, die bald leer war. Das wichtigste war mir entgangen, da zeigte sich wieder mein fehlendes Kurzzeitgedächtnis. Dazu kam was, an das ich nie dachte.

Ich sah immer wieder meinen gesuchten Weg auf der Komoot-App. Was ich aber nicht bedachte, es war kein markierter Weg, wie der Jakobsweg. Oft brauchte ich die Handypeilung, die mir den Weg zeigte. Oft ging ich vor und zurück, weil der Weg durch einen Eingang einer Mauer führte, den ich nicht erkannte. Ich ging zwar traumhafte Wege, die ich aber nur aufgrund der GPS Daten am Handy finden konnte.

Hatte ich keinen Strom, war ich orientierungslos. Es beunruhigte mich immer mehr, dass der Strompegel des Handy sank und alles leer wurde. Ich musste mir eingestehen, ohne Strom und funktionierendes Handy hatte ich keine Orientierung. Als alles endgültig leer war, stand ich da und wusste nicht wohin. Eine kleine Landkarte für den Notfall hatte ich verloren, sie hätte mir im Wald auch nichts gebracht.

Durch den Regen war es dunkel im Wald und die Sonne unsichtbar. Es gab zahllose Schilder bei jeder Wegkreuzung, die mir nichts sagten. Ich hätte überall hingehen können. So wurden aus wenigen Kilometern viele mehr und ich kam doch nicht weiter.

Es begann zu dämmern und ich legte mich neben den Trail im Zelt zum Schlafen. Zum Glück hörte es auf zu regnen. Während des Aufbaues preschten etwa 10 Wildschweine nur 20 Meter von mir entfernt mit einem Höllenlärm vorbei.

Das Ende von Teil 1

Unfähig auch nur etwas zu denken, legte ich mich hin. Über 40 Kilometer legte ich an diesem Tag zurück und wusste nicht, wohin weiter. Sobald ich logisch denken wollte, baute sich die mir schon sehr bekannte weiße Wand auf. Ich denke, das waren die Minuten, in denen ich den Abbruch erwog. Ich wollte nur mehr irgendwie nach Neusiedl kommen und dann bis zum Ende des Lockdowns zu Hause abwarten. Regen und Lockdown, diese Kombination war für mich zu viel.

Ich fühlte mich zwar recht gut, abgesehen vom Zustand des Denkens. Das machte mir Angst, denn damit hatte ich mich nicht unter Kontrolle. Alle drei Tage brauche ich doch noch ein Quartier, um mich zu erholen und den Stress mit dem Strom nicht zu bekommen.

In der Früh ging ich schon um fünf Uhr los. Einfach den Weg und der Markierung folgend, nicht ahnend, wohin er mich bringen wird. Nach einer dreiviertel Stunden bergab gehend, erreichte ich St.Georgen. So stand mir ein Straßenweg von über 30 Kilometer bis nach Neusiedl im wieder einsetzenden Regen bevor.

Dort angekommen, war es eine leichte Entscheidung nach Hause zu fahren und erst nach dem Ende des Lockdowns wieder weiterzugehen.

Fazit von Judendorf - Neusiedl

Es war eine gute Erfahrung, bei Lockdown zu Fuß unterwegs zu sein. Es zeigte mir sehr gut meine Defizite auf. Diesmal spürte ich allerdings mehr die geistigen, wie die körperlichen.

Es ist für mich von immenser Bedeutung, in allen Welten zurechtzukommen. Daher brauche ich Erfahrungen, die mein Denken in bestimmten Momenten bis ans Limit herausfordern. Gerade das Gefühl der Orientierungslosigkeit war auf diese Art neu für mich. Auch im Umgang mit Regeln konnte ich viel dazu lernen. Einerseits mit Corona, andererseits mit den Naturgesetzen.

Am meisten war es aber interessant, wie gut mein Körper in der Natur reagiert. Auch in der Erholung im Zelt konnte ich mich verbessern. Allerdings brauche ich doch noch alle paar Tage einen geschützten Raum, sprich einen Gasthof, eine Pension oder ein Hotel.

Schon diese sechs Tage reichten, dass ich mich zu Hause schwer wieder reinfand. Der Tagesablauf mit Gehen und dem System mit Zelten behagte mir weit mehr, als die letzten Jahre mit Rehabilitationstraining.

Nach dem Lockdown geht es sofort weiter!


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5 comments on “Walkabout durch Austria - Teil 1 / Judendorf - Neusiedl 230 km”

    1. Danke! 😊 Leider brauche ich wegen dem Lockdown doch zwei Anläufe, aber ich bin glücklich, erstmals über die "Hohen" Berge gekommen zu sein.
      Bald geht's weiter!
      LG Jörg

  1. Lieber Jörg!Du hast große Herausforderungen gemeistert! BRAVO:)
    Die kurze Begegnung mit den Wildschweinen....Wau, ab da wäre mir wohl das Herz in die Hose gefallen.
    Danke für die erste Berichterstattung deines Walkabout.Es ist immer sehr spannend & bereichernd von deinen Erlebnissen zu lesen.
    Ich wünsche dir eine gute Intuition auf deinem Weg, weiters Freude, Kraft, schöne Begegnungen mit Mensch & Tier.A guates Wetter, gute Möglichkeiten zum gemütlichen Essens , hin & wieder a warmes, gemütliches, geschütztes Plazerl zum Schlafen, um deine Batterien wieder aufladen zu können.

    Sei beschützt auf deinem Weg.

    Alles Liebe
    Andrea

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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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