
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Vor ein paar Tagen brachte ich meine Mutter zu einem Termin nach Graz. Während sie beim Augenarzt war, ging ich in den kleinen Park gleich daneben. Wieder einmal wurde mir bewusst, wie gut der Wald und die Natur meinem Nervensystem tun – obwohl es nur ein paar Bäume mitten in der Stadt waren.
Es dauerte nur wenige Minuten.
Ich spürte, wie mein Körper ruhiger wurde. Mein Gang wurde lockerer. Mein Kopf entspannte sich. Es war, als könnte mein Nervensystem endlich durchatmen.
Als ich den Park wieder verließ und die wenigen Schritte zurück auf die Straßen der Stadt ging, veränderte sich das sofort.
Ich merkte, wie ich wieder steifer wurde. Mein Gehirn versuchte plötzlich, alles gleichzeitig wahrzunehmen. Mein Körper schaltete wieder in einen Alarmmodus.
Oft habe ich das Gefühl, dass mein Gehirn die vielen Eindrücke nicht gleichzeitig verarbeiten kann. Jeder zusätzliche Reiz fordert Aufmerksamkeit – und das kostet Energie.

Warum der Wald unserem Nervensystem so guttut, konnte ich mir viele Jahre nicht erklären. Ich wusste nur eines: Immer wenn ich zwischen Bäumen unterwegs war, veränderte sich etwas.
Mein Körper wurde ruhiger. Mein Gang entspannte sich. Erst viel später verstand ich, warum mich die Natur so magisch anzog. Jahre später kam immer öfter das Waldbaden auf und ich verstand immer mehr, was da dahinter steckt.

Mir wurde irgendwann auch klar: Es geht nicht darum, alles zurückzubekommen. Aber ich möchte auch nicht zulassen, dass mein Leben immer kleiner wird.
Die Frage nach dem Warum beschäftigte mich lange. Sie half mir zunächst, vieles von dem zu verstehen, was mit mir passiert war:
Das Leben wird rückwärts verstanden, aber nach vorne gelebt!
Zunächst war es mein Ziel, Verbesserung zu erzielen. Nach einigen Jahren aber merkte ich, dass ich mich nur besser an die Handycaps gewöhnte. Eine andere Frage bekam dabei immer mehr Gewicht.
Nicht, um alles zurückzubekommen, sondern wieder mehr Möglichkeiten zu haben.
Vielleicht wieder einmal in Ruhe eine Stadt zu besichtigen. In einem Café zu sitzen. Durch einen kleinen Markt zu schlendern. Oder einfach einen Arzttermin wahrzunehmen, ohne dass mich das den restlichen Tag erschöpft.
Rückblickend begann das wahrscheinlich schon viel früher.
In den letzten Wochen auf der Intensivstation konnte ich meinen Kopf nach links drehen. Dort war ein Fenster. Weil ich im Erdgeschoss lag, schaute ich direkt auf einige Bäume. Gleich dahinter begann der Wald. Ich kannte damals weder den Begriff Waldbaden noch wissenschaftliche Studien darüber. Ich wusste nur eines: Es zog mich immer wieder zu diesem Fenster. Ich schaute hinaus auf das Grün, auf die Bäume und den Wald dahinter. Irgendetwas daran tat mir gut. Warum, konnte ich damals nicht sagen.
Später auf der Reha-Station war es ähnlich. Von meinem Zimmer aus blickte ich auf die Obstwiesen am Ruckerlberg. Immer wieder wanderte mein Blick hinaus – zu den Wiesen, zu den Bäumen, zu diesem Grün. Damals begann ich zu ahnen, dass die Natur etwas mit mir machte. Nicht von einem Tag auf den anderen. Aber sie gab meinem Körper und meinem Kopf etwas, das ich in den Gebäuden des Krankenhauses nicht fand.

Viele Jahre später stieß ich auf Berichte über Waldbaden und wissenschaftliche Untersuchungen dazu. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass das, was ich seit Jahren erlebte, nicht nur Einbildung war. Die Forschung beschreibt heute ziemlich genau, was ich damals einfach gespürt habe: Aufenthalte im Wald können unser Stresssystem beruhigen und sich positiv auf unser Wohlbefinden auswirken.
Genau deshalb berühren mich diese Studien bis heute. Sie haben mir nicht gezeigt, warum ich den Wald suche. Sie haben mir geholfen zu verstehen, warum er mich schon damals gefunden hat.
Heute frage ich mich manchmal, wie gut etwas mehr Natur vielen Krankenzimmern tun würde. Vielleicht nicht als Ersatz für Medizin – aber als Ergänzung für alles, was Heilung ebenfalls braucht.
Viele glauben, dass meine langen Wanderungen eine Flucht aus dem Alltag sind. Für mich ist eher das Gegenteil der Fall.
Zuhause kostet mich der Alltag bereits viel Kraft. Organisieren, Termine, Einkaufen oder Telefonate verlangen meinem Gehirn oft mehr Energie ab, als man von außen vermuten würde.
Wenn ich unterwegs bin, fällt vieles davon weg. Dadurch entsteht etwas, das mir im Alltag oft fehlt: Raum. Raum, um Neues auszuprobieren, Bewegungen bewusst wahrzunehmen und Erfahrungen zu sammeln.
Ich glaube, genau deshalb haben mir meine vielen Kilometer so viel gegeben. Nicht, weil ich möglichst weit gehen wollte, sondern weil ich unterwegs an mir arbeiten kann, ohne gleichzeitig den ganzen Alltag bewältigen zu müssen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum es mich immer wieder hinauszieht.

So sehr mir die Natur guttut – sie ist nicht das ganze Leben.
Das Leben findet auch in Städten statt. Beim Einkaufen, beim Arzt, in einem Café. Oder auf einem Camino, wenn der Weg durch eine lebendige Altstadt führt.
In den letzten Jahren habe ich größere Städte deshalb immer mehr vermieden. Das war zunächst eine einfache und für mich auch sinnvolle Lösung: Wenn mir etwas so viel Energie nimmt, warum sollte ich mich ihm unnötig aussetzen?
Irgendwann merkte ich aber, dass diese Vermeidung auch eine andere Seite hat. Je weniger ich mich solchen Situationen aussetzte, desto schwieriger wurden sie für mich. Dabei kann ich Städte nicht vollständig aus meinem Leben streichen. Zuhause muss ich zu Terminen, einkaufen oder irgendwo durch die Stadt. Und auch unterwegs führen meine Wege immer wieder durch größere Orte und Städte.
Deshalb versuche ich heute, mich diesen Reizen wieder vorsichtig und dosiert auszusetzen. Nicht um mich zu überfordern und auch nicht, weil ich Städte plötzlich mögen müsste. Sondern weil ich lernen möchte, wieder besser mit ihnen umzugehen.
Früher wollte ich möglichst schnell wieder hinaus. Heute bleibe ich manchmal noch ein paar Minuten länger. Nicht weil es angenehm ist. Sondern weil ich weiß, dass auch diese Minuten zu meinem Weg gehören.
Ich könnte versuchen, all das möglichst zu vermeiden. Das wäre vermutlich der einfachere Weg. Aber ich möchte mein Leben deshalb nicht immer kleiner werden lassen.
Deshalb gehört für mich inzwischen beides zusammen.
Vielleicht zieht es mich deshalb immer wieder in den Wald. Nicht um der Welt zu entkommen. Sondern um Kraft zu sammeln, damit ich ihr wieder begegnen kann. Schritt für Schritt.

Vielleicht besteht mein Weg genau darin.
Auf meinen Körper zu hören. Zu erkennen, was mir guttut. Und gleichzeitig den Mut zu haben, mich immer wieder dorthin zu wagen, wo es etwas schwieriger wird.
Ich werde wahrscheinlich nie der Mensch sein, der stundenlang durch eine Großstadt bummelt. Das muss ich auch gar nicht. Aber wenn ich eines Tages wieder eine Stadt besuchen kann, ohne dass sie mir den ganzen Tag die Energie nimmt, dann ist das für mich ein großes Stück Lebensqualität.
Denn darum geht es mir.
Nicht darum, alles zurückzubekommen.
Sondern wieder mehr am Leben teilnehmen zu können.

