Es ist noch nicht vorbei – auch zehn Jahre nach dem Hirnabszess

8. Oktober 2026
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5 Minuten Lesezeit

„Es ist vorbei.“ Wie gerne würde ich das sagen. Und doch kann ich es auch zehn Jahre nach dem Hirnabszess noch nicht. So gerne ich manchmal einen Schlussstrich ziehen würde, die Folgen begleiten mich weiterhin durch meinen Alltag.

Vielleicht klingt das nach all dem, was ich in den vergangenen Jahren gemacht habe, eigenartig. Ich bin Tausende Kilometer zu Fuß gegangen, habe mehrere Caminos hinter mir und erst vor wenigen Wochen den HexaTrek beendet. Insgesamt mehr als 3.000 Kilometer durch Frankreich, die letzten Wochen davon durch die Pyrenäen. Von außen könnte man meinen: Der hat es geschafft.

Aber geschafft was?

Genau diese Frage beschäftigt mich heute mehr als die Frage, wie viele Kilometer ich gehen kann.

Zehn Jahre nach dem Hirnabszess

Die Länge des Weges nicht thematisieren

Diesen Satz kannte ich schon aus meiner Rehabilitation: „Die Länge des Weges nicht thematisieren.“

Er hat mir lange geholfen. Nicht darüber nachdenken, wie viele Monate oder Jahre es dauern könnte. Nicht ständig vergleichen, wo ich einmal war und wo ich jetzt bin. Stattdessen das machen, was gerade möglich ist.

Eigentlich ist es genau das, was ich später auf meinen langen Wanderungen gemacht habe. In den Pyrenäen dachte ich an manchen Tagen nicht darüber nach, wie viele Höhenmeter noch vor mir lagen. Ich teilte sie mir in hundert Höhenmeter ein. Hundert gehen. Kurz stehen bleiben und dann die nächsten hundert.

Vielleicht habe ich damit unterwegs etwas angewendet, das ich Jahre zuvor in meiner Rehabilitation lernen musste.

Nur ist es nach zehn Jahren schwieriger geworden, die Länge des Weges überhaupt nicht zu sehen. Diese zehn Jahre kann ich nicht einfach ausblenden, die Folgen des Hirnabszess begleiten mich täglich. Ich möchte aber keine Bilanz daraus machen. Viel wichtiger ist mir die Frage, was Rehabilitation für mich heute überhaupt noch bedeutet.

Zehn Jahre nach dem Hirnabszess, die Länge des Weges nicht thematisieren.
Die Länge des Weges nicht thematisieren

Es verändert sich immer wieder

In den ersten Jahren nach dem Hirnabszess waren Fortschritte leichter erkennbar. Etwas funktionierte wieder, das vorher nicht funktioniert hatte. Ich konnte weiter gehen, der Schwindel verringerte sich, mein Gleichgewicht verbesserte sich und ich wurde selbstständiger.

Dann kam die Pandemie und hat alles unterbrochen. Therapien fielen weg, Möglichkeiten verschwanden und mein Alltag veränderte sich. Damals hatte ich zunehmend das Gefühl, auf der Stelle zu treten.

Aber auch danach ging es weiter. Nur anders.

Es kamen neue Wege, neue Erfahrungen und neue Möglichkeiten. Gleichzeitig wurden manche Einschränkungen deutlicher. Nicht unbedingt, weil sie schlimmer geworden waren, sondern weil ich immer besser verstand, wo meine eigentlichen Schwierigkeiten liegen.

Was bis heute geblieben ist

Die nervlichen Störungen und die eingeschränkte Feinmotorik betreffen beide Hände und Füße, rechts zusätzlich stärker durch die Halbseitenlähmung. Beim Gehen fehlt mir weiterhin die Automatik. Wahrnehmung, Orientierung und die Verarbeitung vieler Reize benötigen Aufmerksamkeit.

Das alles verschwindet nicht dadurch, dass ich sehr weit gehen kann.

3.000 Kilometer und trotzdem nicht gesund

Gerade der HexaTrek hat mir diesen scheinbaren Widerspruch noch einmal deutlich gemacht.

Ich kann zehn oder zwölf Stunden am Tag gehen. Ich kann meinen Rucksack tragen, im Zelt schlafen und über Pässe in den Pyrenäen gehen. Jeder Schritt verlangt dabei Aufmerksamkeit, aber mittlerweile kann ich es, auch wenn es nicht leicht ist.

Und dann komme ich nach Hause.

Plötzlich können Straßenbahnfahren, Einkaufen, Termine, Haushalt oder zu viele Eindrücke an einem Tag schwerer werden als ein langer Tag in den Bergen.

Das ist manchmal selbst für mich schwer zu verstehen.

Aber vielleicht liegt genau darin eine meiner wichtigsten Erkenntnisse der vergangenen Jahre: Leistungsfähigkeit lässt sich nicht einfach übertragen. Nur weil etwas unter bestimmten Bedingungen funktioniert, bedeutet das nicht, dass alles andere ebenfalls funktionieren muss.

Warum es in den Bergen anders ist

In den Bergen ist vieles reduziert. Ich gehe. Ich esse. Ich suche Wasser. Ich finde einen Schlafplatz. Am nächsten Morgen gehe ich weiter.

Zu Hause gibt es wesentlich mehr gleichzeitig zu verarbeiten. Haushalt, Termine, Verkehr, Menschen, Entscheidungen und viele kleine Dinge kommen zusammen. Jedes für sich mag unbedeutend erscheinen, in der Summe können sie mich aber wesentlich stärker fordern als ein langer Tag zu Fuß.

Deshalb sagt die Länge meiner Wanderungen wenig darüber aus, wie gesund ich bin.

Rehabilitation bedeutet heute etwas anderes

Früher wollte ich vor allem zurück.

Zurück zu dem Menschen, der ich einmal gewesen war. Fähigkeiten zurückbekommen. Wieder funktionieren. Wieder selbstständig sein.

Heute geht es weniger um ein Zurück.

Natürlich möchte ich mich weiterhin verbessern. Ich möchte Möglichkeiten dazugewinnen und nicht verlieren, was ich mir über Jahre erarbeitet habe. Bewegung spielt dabei weiterhin eine entscheidende Rolle.

Aber Rehabilitation bedeutet für mich heute auch, besser zu verstehen, was ich brauche.

Wann ist etwas zu viel? Wann brauche ich Ruhe? Warum funktioniert mein Körper draußen oft besser als zu Hause? Welche Umgebung tut meinem Nervensystem gut? Und wie kann ich etwas davon in meinen Alltag mitnehmen?

Heute geht es für mich deshalb nicht mehr nur darum, was sich noch verbessern lässt, sondern auch darum, mit meinen Möglichkeiten, aber auch mit meinen Defiziten möglichst gut zu leben.

Zehn Jahre nach dem Hirnabszess, viele Möglichkeiten
Drei Straßen als Möglichkeiten

Es ist noch nicht vorbei

Als ich vor einigen Jahren schon einmal einen Text mit diesem Titel schrieb, bedeutete „Es ist noch nicht vorbei“ etwas anderes. Damals wollte ich wahrscheinlich noch viel stärker, dass es irgendwann vorbei sein würde. Dass ich irgendwann sagen könnte: Rehabilitation abgeschlossen. Jetzt geht mein Leben wieder weiter.

Heute weiß ich, dass es diesen klaren Schnitt wahrscheinlich nicht geben wird. Mein Leben geht längst weiter. Die Rehabilitation ist ein Teil davon geworden, genauso wie meine Einschränkungen ein Teil davon sind. Aber eben nur ein Teil.

Diese Erkenntnis kam allerdings nicht von heute auf morgen. Ein Satz, den mir vor einigen Jahren jemand unterwegs sagte, hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich mein Blick darauf verändert hat.

Nicht zurück ins Leben, sondern rein ins Leben

2022 war ich auf dem Camino Francés unterwegs. Dort traf ich eine Therapeutin und erzählte ihr von meinem Hirnabszess, meinen Einschränkungen und meiner Rehabilitation. Damals sprach ich noch sehr oft davon, wieder zurück ins Leben zu wollen.

Sie hörte mir zu und sagte irgendwann einen Satz, der zunächst ganz einfach klang:

„Du musst nicht zurück ins Leben. Du musst rein ins Leben.“

Dieser Satz blieb bei mir.

Bis dahin hatte „zurück ins Leben“ für mich etwas Positives bedeutet. Ich wollte wieder dazugehören, selbstständig sein und möglichst viel von dem zurückbekommen, was ich durch den Hirnabszess verloren hatte. Erst durch diesen Satz begann ich darüber nachzudenken, wohin dieses „zurück“ eigentlich führen sollte.

Rein ins Leben, zehn Jahre nach dem Hirnabszess
Rein ins Leben…!

Zurück bedeutete für mich im Grunde immer zurück in mein altes Leben.

Aber dieses Leben gab es so nicht mehr.

Ich konnte noch so viel trainieren, rehabilitieren und versuchen zurückzugewinnen – ich würde nicht einfach an den Punkt vor meinem Hirnabszess zurückkehren und dort weitermachen können. Lange hatte ich genau das aber zumindest unbewusst versucht.

„Rein ins Leben“ bedeutete etwas völlig anderes.

Es hatte keine Richtung zurück. Es verlangte nicht, wieder der Mensch zu werden, der ich einmal gewesen war. Es bedeutete, mit dem, was heute da ist, am Leben teilzunehmen und herauszufinden, was damit möglich ist.

Dieser Unterschied hat mir seitdem sehr geholfen.

Was ist weiterhin möglich?

Ich bin nicht gesund geworden. Gleichzeitig ist unglaublich viel möglich geworden, das ich mir in den ersten Monaten nach meinem Hirnabszess niemals hätte vorstellen können.

Vielleicht muss mein Ziel deshalb gar nicht mehr sein, irgendwann sagen zu können: „Es ist vorbei.“ Und vielleicht muss ich auch nicht mehr ständig danach suchen, wie ich zurückkomme.

Denn ich bin längst im Leben.

Nicht in meinem alten Leben und auch nicht in dem Leben, das ich mir früher vielleicht für meine Zukunft vorgestellt hatte. Sondern in meinem heutigen.

Zehn Jahre nach dem Hirnabszess, mein neues Leben
(M)ein neues Leben.

Das bedeutet nicht, dass ich mich mit allem abfinde. Ich möchte weiterhin lernen, trainieren und Möglichkeiten dazugewinnen. Aber die Richtung hat sich verändert.

Nicht zurück.

Weiter.

Und damit ist heute eine andere Frage wichtiger geworden:

Was ist weiterhin möglich?

Nicht um alles zurückzubekommen.

Sondern um wieder mehr Möglichkeiten zu haben.


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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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