
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
„Folge dem, was dich lebendig macht. Und was dir Freude bereitet.“
Es ist eine Lebensqualität, die ich mir Tag für Tag erarbeiten muss, damit sie bleibt und damit sie nicht wieder verloren geht. Denn nach dem Hirnabszess war nichts mehr selbstverständlich, und vieles, was früher einfach war, wurde plötzlich zu einer Herausforderung. Mein Körper funktionierte nicht mehr wie zuvor, und auch mein Gehirn arbeitete anders, sodass ich lernen musste, mit diesem neuen Zustand zu leben.
Vieles war reduziert auf das Jetzt, weil ich gar nicht weiter vorausdenken konnte. Auf den nächsten Schritt, den ich setzen musste, und auf den nächsten Atemzug, der mich im Moment hielt. Denn mehr war oft nicht möglich.
Und genau dort, in dieser Beschränkung und gerade weil alles auf das Wesentliche reduziert war, verstand ich, was mich wirklich lebendig macht. Nicht das Große und Weite, sondern das Kleine und Nahe. Nicht das Morgen, sondern das Jetzt, weil nur hier Leben spürbar ist.

Ein Schritt nach dem anderen. Millionenfach wiederholt. Immer wieder hinaus. In die Natur. In die Wälder, auf die Wege, über Asphalt und Schotter. Die Natur wurde meine Therapie Nummer eins. Sie fordert mich, aber sie überfordert mich nicht. Sie spiegelt mir meinen Zustand – jeden Tag aufs Neue.
Lebendig fühle ich mich nicht, wenn alles leicht ist. Sondern wenn ich spüre, dass ich wirke. Dass ich etwas bewege. Dass ich trotz Einschränkungen weitergehe. Dieses Weitergehen ist kein Leistungsbeweis. Es ist ein inneres Ja zum Leben.
Erst später wurde mir bewusst, warum mich früher Leistungs- und Extremsport so angezogen haben. In der Bewegung spürte ich mich besser. Dort, wo es weh tut, liegt oft auch eine Wahrheit über sich selbst.

Und dann ist da die Freude. Heute ist sie wichtiger denn je. Sie wirkt oft leise. Ein Moment auf einem Waldstück, wenn das Licht durch die Bäume fällt. Das Wissen, wieder ein Stück sicherer gegangen zu sein. Oder einfach Dankbarkeit, dass ich überhaupt gehen kann.

Über die Jahre habe ich gelernt: Gehe ich weniger, übe ich weniger, lasse ich ein, zwei Tage aus, zieht sich etwas in mir zurück. Nicht nur die Muskulatur. Nicht die Propriozeption, diese Tiefensensibilität, die kein fixer Besitz mehr ist, sondern etwas, das ich mir durch millionenfaches Wiederholen zurückerobert habe und zu erhalten versuche.
Lasse ich nach, wird auch das Gehen unsicherer. Auch die innere Lebendigkeit wird dann weniger. Sie braucht Bewegung. Sie braucht Wiederholung. Sie braucht Hingabe.

In meinem ersten Leben war ich vieles, doch der Leistungssport war vor allem eines: ein Versuch, mich selbst kennenzulernen. Dieses Leben an der Grenze ließ mich wachsen – geistig wie körperlich. Wahrnehmung, Kraft, Übersicht und besonders die Reaktion wurden geschärft und zu einem Teil von mir.
Später, als Videojournalist, zehrte ich davon. Schnell erfassen. Richtig reagieren. Den Überblick behalten. Der Sport war dafür die beste Schule.
Der Sport lehrte mich, Leistung zu bringen. Aber noch wichtiger war mir immer die Haltung dahinter. Leistung ohne Ethik war für mich nie erstrebenswert. Dieser Wert begleitet mich bis heute. Er ist geblieben – wie das Gehen. Wie das Streben nach Entwicklung. Schritt für Schritt.

Dem zu folgen, was mich lebendig macht, bedeutet nicht, nur das Angenehme zu wählen. Es bedeutet, dem nachzugehen, was Sinn stiftet. Was mich aufrichtet. Was mich in Verbindung bringt – mit mir selbst und mit der Welt um mich herum.
Für mich sind es nicht nur die täglichen Wege. Es ist auch das Weitwandern. Das Pilgern. Stundenlanges Gehen. Tag für Tag. Schritt, Atem, Schritt. Nicht um besondere Leistungen zu vollbringen. Nicht um Rekorde zu sammeln, sondern um meinen Körper zu regulieren und Stabilität zu schaffen.
Diese langen Wege bringen mein Nervensystem in einen Rhythmus. Sie geben meinem Körper jene Wiederholungen, die er braucht. Für Außenstehende mag das extrem wirken. Für mich ist es kein Extremsport mehr. Es ist Erhalt und es ist notwendig, um selbstständig zu bleiben. Um nicht erneut zum Pflegefall zu werden.

Mir ist bewusst, dass nicht jeder diesen Weg gehen kann – und ihn auch nicht gehen muss. Jeder Mensch hat seine eigene Form, lebendig zu bleiben. Schreiben. Musizieren. Gärtnern. Gespräche führen. Wichtig ist nicht, was es ist. Wichtig ist, dass es einen stärkt.
Nach zehn Jahren weiß ich: Lebensqualität entsteht nicht durch Perfektion. Sie entsteht durch Ausrichtung. Durch die bewusste Entscheidung, dem Raum zu geben, was nährt. Und das loszulassen, was dauerhaft schwächt.
Für mich ist es das Gehen. Die langen Wege. Das Unterwegssein.
Vielleicht ist das die eigentliche Essenz: Folge dem, was dich lebendig macht. Und was dir Freude bereitet. Nicht irgendwann. Sondern heute. Schritt für Schritt.

