Nachtwanderung am Camino - Ein lang gehegter Traum wird wahr!

6. Oktober 2022
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5 Minuten Lesezeit

Nachtwanderung am Camino - Ein lang gehegter Traum wird wahr!

Ein Traum wurde wahr, eine Nachtwanderung am Camino Frances. Seit meinem ersten Weg 2018 spuckte es mir im Kopf herum, den Camino auch einmal bei Nacht zu erleben. Früher aufstehen und etwa eineinhalb, zwei Stunden im Dunkeln zu gehen, daß war mir schon vergönnt. Eine Nacht durchzugehen verhinderten bisher die Folgen des Hirnabszesses.

Damals, auf dem Weg nach Finesterre, ging ich dem untergehenden Vollmond nach. Seit damals bin ich fasziniert vom Gehen in der Nacht. Meine Verbesserte Wahrnehmung sollte es mir diesmal ermöglichen.

Auf dem Weg nach Finesterre, 2018

Eine erste komplette Nachtwanderung

Damals entstand der Traum einer kompletten Nacht im Freien. Bisher war es nicht möglich, denn das fehlende Gefühl für die Stellung der Gelenke kann ich zwar kurzfristig ausgleichen, aber noch nie eine ganze Nacht hindurch. Allerdings hat sich meine Wahrnehmung in den letzten Wochen verbessert, deshalb wollte ich es endlich einmal probieren. Es wurde einer dieser Tage (Nächte), für das sich die unzähligen Stunden, Wochen und Monate des Trainings auszahlten.

6 Jahre Training sollten sich in dieser Nacht bemerkbar machen. Was habe ich für diesen Zustand nicht alles getan? In diesen Tagen hatte ich oft davon gesprochen oder auch daran gedacht, wie mir eine Ärztin 2017 sagte, ich solle einen Gang zurück schalten und es akzeptieren wie es ist, weil sich nicht mehr viel verbessern wird. Damals konnte ich 300 (dreihundert) Meter am Stück gehen und ein, vielleicht zwei Kilometer, mit vielen Pausen, als gesamte Tagesleistung.

Es war ihr Glaube, zum Glück nicht meiner. Das ich diese Nacht schaffen konnte, ist wohl auch den endlosen Kilometern schuldig, die ich bisher zurücklegte. Mit diesem Camino bin ich seit 2016 einmal um die Welt gegangen, also rund 40.000 Kilometer. Doch dazu mehr in einem anderen Blog.

Der Start

Am Camino müssen Herbergen spätestens um 8 Uhr verlassen werden. Das zögerte ich bis zuletzt hinaus, denn ich wollte jede mir mögliche Kraft über den Tag sparen. Eigentlich war ich mir noch gar nicht sicher, ob ich es machen wollte oder nicht, aber zumindest im Hinterkopf hatte ich es. Ich verließ Santa Domingo de la Calzeda und nahm mir das 22 Kilometer entfernte Belorado zunächst als Ziel. Dort wollte ich weitersehen.

Aufbruch in Santa Domingo am Morgen

Ein schöner und warmer Tag

Es war geradezu heiß, sodass ich mich erstmals entschied, meinen Sonnenhoody zu tragen. Langarm und mit Kapuze, ist es selbst hier noch ein Novum. Bei den Amerikanischen Thru-Hikern ist es gang und gäbe, bei starker Sonne Langarm und mit Kapuze zu laufen.

Wie so oft am Camino, brachte er auch diesmal eine, wenn auch nur für kurze Zeit, eine Bekanntschaft, die ich sogar unbekannterweise kannte. Zunächst unterhielten wir uns noch auf Englisch, schwenkten aber schnell auf Deutsch um, als wir uns als Landsleute erkannten. Sie war die Tochter eines mir bekannten Ehepaares aus meinem früheren Wohnort Peggau, die ich von früher allerdings nur vom Sehen kannte. So weit entfernt, trifft man unverhofft Bekannte.

Villafranka, den Berg hoch

In Belorado entschied ich mich fürs Weitergehen, die endgültige Entscheidung sollte aber in Villafranka, vor dem Berg, fallen. Dort angekommen, hatte ich ein tolles und interessantes Gespräch mit Alfonso, der die Bar bediente. Ich konnte dadurch sehr gut selbst reflektieren und dringende Fragen bekamen Antworten, bzw. brachten Denkanstöße.

Nach dem Gespräch und einem Kaffee mit Orangensaft, legte ich mich ins Gras, pflegte meine Füße und entschied mich für die Nachtwanderung. Keine Störung von Außen sollten meine Gedanken beeinträchtigen. Das soeben erlebte, wollte verarbeitet werden. Den Berg überwand ich sogar noch bei Tageslicht und erreichte San Juan de Ortega bei Sonnenuntergang. Es war einfach nur toll, in die untergehende Sonne hineinzuwandern. Eigentlich hört man da meistens auf und kümmert sich um eine Herberge und etwas zu Essen.

Der Mond geht auf

Es war zwar noch nicht Vollmond, aber er scheinte doch sehr hell. Der Sternenhimmel kam nicht ganz zur Geltung, aber die Stimmung war einmalig. Der fast Dreiviertelmond brachte jedoch gleich so viel Licht, dass ich die Stirnlampe kaum brauchte. Für den Vollmondtag ist ja leider Bewölkung vorhergesagt, weshalb ich mich unter anderem schon jetzt für diese klare Nacht entschied.

Auf meiner linken Seite wanderte der Mond mit mir mit. Am Cruz de Matagrande en Atapuerca, einer Bergüberquerung vor Burgos, stand ich um Mitternacht am Kreuz. Der Mond leuchtete hell und ich war umringt von einer einzigartigen Lichtstimmung.

An diesem Kreuz habe ich 2018 Freudentränen vergossen, denn der Aufstieg war damals mit der Halbseitenlähmung ein schwieriges Unterfangen, besonders die vielen Steine setzten mir sehr zu. Ich setzte mich wie damals unters Kreuz, diesmal aber bei Nacht und rekapitulierte im Schnelllauf die vergangene Zeit. Um halb eins in der Früh begann ich den Abstieg, begleitet von einem warmen Wind, als ob mir das Universum sagen wollte, gut gemacht!

Pause und der Weg nach Burgos

Eine kurze Schlafpause legte ich im nächsten Dorf in einem Gastgarten ein, wo ich mir zwei Stühle herrichtete. Die Rast tat gut, denn sonst wäre ich zu früh in Burgos angekommen.

Entgegen meiner bisherigen Wege ging ich diesmal nicht den Alternativweg, sondern wollte den Hauptweg hinein nach Burgos kennenlernen. Leider kein guter Gedanke, denn der Weg entlang der Straße war wirklich nicht schön und ich wäre besser bei der Alternative geblieben.

In Burgos legte ich mich nochmal für eine halbe Stunde auf einer Parkbank hin, bevor es in die Innenstadt ging. Es war ein paar Minuten nach sechs Uhr und ich hoffte auf ein offenes Café. Es sollte aber noch bis sieben Uhr dauern, bis eines öffnete. Ich war der erste Gast, aber nach und nach trudelden die ersten Pilger ein, allerdings um vor ihrem Weiterweg zu frühstücken. Ich war sicher der einzige, der gerade angekommen ist und sich jetzt gerne zum Schlafen hingelegt hätte.

Da die Herberge erst um 12 öffnete, spazierte ich in der Innenstadt umher und besuchte mehrere Cafés.

Resümee

Vorwiegend positiv ist mein Resümee über diese Nachtwanderung. Eigentlich nur positiv, was die Nacht betrifft. Einzig eine verminderte Reaktion, Koordination und Müdigkeit über den Tag blieben zurück. Vor allem das Gehen im Dunklen war zwar anstrengend, aber gut machbar. Ich stiefelte zwar manchmal wie am Anfang in Skischuhen dahin, aber nur in Momenten wo es steinig und schwierig war oder wo ich stürzen konnte.

Eine gute Unterstützung waren mir meine Hoka Schuhe, die auch größere Steine und Unebenheiten schlucken und mir ein leichteres Gehen ermöglichten. Diese Nachtwanderung zeigte mir aber auch auf, wo ich noch Verbesserungsbedarf habe, woran ich noch trainieren kann und wo meine Limit liegen. Ich möchte noch mehr Automatisation bekommen, denn dann wird alles gleich nochmal viel leichter.

Zum Abschluss kann ich nur sagen, gerne wieder! Ich werde es sicher noch einmal probieren, dann aber besser planen, denn Burgos kam viel zu früh und das nichts offen hatte, erschwerte die Sache. Insgesamt hatte ich rund 80 km zurück gelegt, vom Morgen ab Santa Domingo, bis Burgos, um 5 Uhr früh.


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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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