
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Dazu gehören unter anderem eine gestörte Körperwahrnehmung und Bewegungssteuerung, fehlende Automatismen, eingeschränkte körperliche Belastbarkeit sowie Beeinträchtigungen beim Denken, Verarbeiten und Orientieren. Vieles, was für andere selbstverständlich und automatisch geschieht, erfordert bei mir bewusste Aufmerksamkeit und zusätzliche Energie.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Den HexaTrek bin ich in zwei Abschnitten gegangen. 2024 führte mich mein Weg über Stage 1 bis 4 bis nach Carcassonne, wo ich damals meinen HexaTrek beendete. 2026 setzte ich ihn genau dort fort und ging mit Stage 5 und 6 weiter durch die Pyrenäen bis nach Hendaye. Damit war mein Ziel, den gesamten HexaTrek zu gehen, endlich erreicht.
Eigentlich wollte ich den HexaTrek von Anfang an in einem Stück gehen. Doch in Carcassonne musste ich ihn 2024 unterbrechen. Für den Aufbruch in die Pyrenäen war ich inzwischen zu spät im Jahr dran. Nach und nach würden die Hütten schließen, die Versorgung schwieriger werden und ich hätte immer mehr Lebensmittel selbst tragen müssen. Genau das war für mich durch die Folgen des Hirnabszesses nur sehr eingeschränkt möglich.
Damals fiel mir die Entscheidung aufzuhören nicht leicht. Stage 5 und 6 blieben im Kopf. Ich nahm mir vor, zurückzukommen und den Weg bis zum Atlantik fortzusetzen. Schon 2025 wollte ich dieses Vorhaben umsetzen, doch gesundheitliche Probleme machten mir einen Strich durch die Rechnung. Mein Nervensystem spielte nicht mit. Also musste ich noch einmal warten.
Erst 2026 war ich so weit.

Im Nachhinein weiß ich, dass die Entscheidung von 2024 richtig war. Selbst dieses Jahr kam ich mit der Versorgung und vor allem mit dem Gewicht meines Rucksacks immer wieder an meine Grenzen. Später im Jahr, mit bereits geschlossenen Hütten und noch mehr Verpflegung am Rücken, wäre dieser Abschnitt für mich kaum machbar gewesen.
Bei solchen Entscheidungen muss ich meine neurologischen Einschränkungen immer mitdenken. Mein Körper und mein Nervensystem funktionieren heute anders als früher – und in manchen Situationen auch anders als bei den meisten Menschen. Viele dieser Einschränkungen sind unsichtbar. Von außen ist kaum zu erkennen, wie viel Aufmerksamkeit selbst einfache Bewegungen von mir verlangen.
Dadurch wirke ich auf andere manchmal abwesend oder vielleicht sogar ignorant. Dabei ist oft genau das Gegenteil der Fall: Ich bin so sehr damit beschäftigt, meine Bewegung zu kontrollieren, meinen nächsten Schritt zu setzen und mich zu orientieren, dass für meine Umgebung kaum noch Aufmerksamkeit übrig bleibt. Ich nehme Menschen dann nicht bewusst wahr – nicht weil sie mir egal sind, sondern weil meine Aufmerksamkeit in diesem Moment bereits vollständig gebraucht wird.

Am Abend gegen 20 Uhr kam ich in Carcassonne an und nahm mir für die Nacht ein Hotelzimmer. Eigentlich hatte ich geplant, am nächsten Tag noch in der Stadt zu bleiben, mir die Burganlage und ein wenig von Carcassonne anzusehen und mich in Ruhe auf die kommenden Wochen vorzubereiten.
Doch am nächsten Morgen änderte ich meinen Plan. Ich ließ mir trotzdem Zeit, frühstückte, besorgte noch ein paar Dinge für unterwegs und war bis etwa zehn Uhr in der Stadt. Dann wollte ich los.
Also machte ich mich auf den Weg. Der HexaTrek führte direkt durch die beeindruckende Burganlage von Carcassonne, und so bekam ich ganz nebenbei doch noch einiges von der Stadt zu sehen – ohne mich lange dort aufhalten zu müssen.
Schon auf den ersten Kilometern zeigte mir der HexaTrek, was mich in den kommenden Wochen erwarten würde. Es war unheimlich heiß. Das Thermometer bewegte sich irgendwo zwischen 35 und 40 Grad. Ich hatte reichlich Wasser dabei – zumindest glaubte ich das beim Start. Schon auf der ersten Etappe wurde klar, dass es nicht reichen würde.





Also blieb mir nichts anderes übrig, als den Weg zu verlassen und vom Berg in ein Dorf abzusteigen, nur um meine Flaschen wieder aufzufüllen. Dort landete ich mitten in einem Volksfest. Einer der Verantwortlichen kam mit mir ins Gespräch, schenkte mir zwei Orangina und eine Cola. Mit ihm und ein paar anderen Leuten unterhielt ich mich eine ganze Weile, unter anderem auch über meine Geschichte.
Aus einem notwendigen Umweg war plötzlich eine jener kleinen Begegnungen geworden, die mir vom Weitwandern besonders in Erinnerung bleiben.

Mit frisch gefüllten Wasserflaschen machte ich mich wieder auf den Weg nach oben. Im Rückblick war dieser erste Tag bereits ein Vorgeschmack auf die kommenden Wochen. Vieles würde anders kommen als gedacht, manches schwieriger werden als erwartet. Immer wieder musste ich mich auf neue Bedingungen einstellen, Entscheidungen treffen und meinen Weg daran anpassen.
Die ersten drei oder vier Tage führten noch durch das Vorgebirge der Pyrenäen. Die Hitze blieb dabei mein ständiger Begleiter. Kurze Hose und T-Shirt reichten nicht nur untertags, selbst in der Nacht brauchte ich anfangs keine zusätzliche Kleidung. Sogar der Schlafsack war zu warm.
Am fünften Tag ging es erstmals auf über 2.000 Meter hinauf. Damit veränderte sich auch die Landschaft. Aus dem Vorgebirge wurde Hochgebirge – und dort fühlte ich mich sofort wohler. Die heißen Tage weiter unten waren für mich wesentlich unangenehmer gewesen.
Mit dem Wetter hatte ich überhaupt erstaunliches Glück. Über lange Zeit herrschte Sonnenschein, es war warm und selbst hoch oben konnte ich meist in kurzer Kleidung unterwegs sein. Ich hatte eine richtige Schönwetterperiode erwischt. Das machte einen gewaltigen Unterschied. Die steilen und steinigen Wege waren für mich schon unter diesen guten Bedingungen schwierig genug. Bei Regen, Kälte oder länger anhaltendem Schlechtwetter wäre vieles um ein Vielfaches schwieriger geworden.
In diesen ersten Tagen traf ich auch einen HexaTrekker aus Südafrika, etwas älter als ich. Schon sein Rucksack fiel mir auf: Er verwendete beinahe das gleiche Modell wie ich. Nur meiner war noch wesentlich weißer – er war schließlich neu.
Überhaupt erkennen sich Weitwanderer oft auf ihre eigene Art. Die Ausrüstung verrät einiges. Welcher Rucksack, welches Material, wie wenig oder wie viel jemand mit sich trägt. Ein Wanderer sprach mich einmal nur wegen meines Rucksacks aus Dyneema an: „Ah, du bist sicher ein HexaTrekker.“

Mit dem Südafrikaner war ich nur kurze Zeit gemeinsam unterwegs. Dann trennten sich unsere Wege, und ich sah ihn nicht wieder. Später erfuhr ich, dass er den HexaTrek sechs Tage vor mir beendet hatte.
Für ihn spielte dabei auch die Zeit eine Rolle. Als Reisender aus Südafrika war sein Aufenthalt in Europa begrenzt, und er musste darauf achten, den Trail innerhalb dieser Frist zu schaffen.
HexaTrek Stage 5 ist mit fast 600 Kilometern eine lange Etappe und beinhaltet für mich auch den schwierigsten Teil des HexaTrek. Dabei waren es weniger die Kilometer, die den Unterschied machten, sondern die Höhenmeter und vor allem die Beschaffenheit der Wege.
Ein Anstieg mit 1.500 Höhenmetern gehörte beinahe zum normalen Tagesprogramm. Wollte ich wenigstens ein paar Kilometer weiterkommen, blieb es meistens nicht bei diesem einen Anstieg. Nach dem Abstieg wartete oft bereits der nächste Berg. 2.000 bis 2.500 Höhenmeter nur im Aufstieg waren deshalb an vielen Tagen nichts Außergewöhnliches. Sonst standen am Abend vielleicht gerade einmal zehn oder fünfzehn Kilometer auf der Uhr.

Schon bald hörte ich deshalb auf, meine Tagesleistung nur in Kilometern zu betrachten. Die Höhenmeter wurden mindestens genauso wichtig.
Normalerweise habe ich dafür eine einfache Rechnung: Zehn Kilometer bedeuten für mich ungefähr zwei Stunden Gehzeit. Kommen 1.000 Höhenmeter im Aufstieg dazu, rechne ich eine weitere Stunde. Wegen der schwierigen Wege in den Pyrenäen gab ich mir zusätzlich noch etwa eine halbe Stunde Reserve. Mit dieser Rechnung versuchte ich abzuschätzen, was an einem Tag möglich sein könnte.
Dabei verließ ich mich anfangs auf etwas, das sonst meistens gut funktioniert: bergab wieder Zeit gutzumachen. Im Abstieg bin ich normalerweise relativ schnell unterwegs. Was ich bergauf an Zeit verliere, kann ich auf der anderen Seite zumindest teilweise wieder hereinholen.
Nur funktionierte das in den Pyrenäen häufig nicht.
Viele Abstiege waren genauso steil und technisch wie die Aufstiege. Statt einfach bergab gehen zu können, musste ich mich von Stein zu Stein bewegen, den nächsten Tritt suchen und jeden Schritt bewusst setzen. Teilweise war ich bergab kaum schneller als bergauf. Damit gab es keinen Zeitgewinn mehr.
Einmal brauchte ich für gerade einmal 14 Kilometer achteinhalb Stunden. Solche Tage zeigten mir endgültig, dass Kilometer hier kaum etwas darüber aussagten, wie lang oder schwierig ein Tag tatsächlich werden würde.
Auf der Landkarten-App sah alles so schön aus. Vor Ort bewegte ich mich auf steilen Trails über große Steine und Felsblöcke.


Gerade auf den schwierigen Abstiegen durch die Pyrenäen musste ich immer wieder an ein Bild denken, das mich seit meiner Krankheit begleitet.
Noch auf der Intensivstation tauchte immer wieder eine Szene in mir auf, die ich einige Jahre zuvor tatsächlich erlebt hatte: der Eiger Ultra Trail, schwierige Abstiege, von Stein zu Stein, jeder Schritt musste passen, jeder Tritt sitzen.
Damals konnte ich kaum denken und schon gar keine großen Pläne machen. Aber dieses Bild war da. Es war so prägnant in mir geblieben, dass daraus nach und nach etwas wie ein Ziel entstand: Mich eines Tages wieder über solche Wege bewegen zu können.
Zu diesem Zeitpunkt war das eigentlich völlig absurd. Ich konnte nicht einmal selbstständig gehen. Sitzen, aufstehen, Gleichgewicht halten – all das musste ich erst wieder lernen. Gleichzeitig verband ich mit diesem Bild lange noch eine andere Hoffnung: Wenn ich irgendwann wieder so über schwierige Trails gehen könnte, dann müsste eigentlich auch der Rest wieder funktionieren.
Jahre später erreichte ich dieses Ziel tatsächlich auf dem Cheval Blanc in den Nordalpen. Ich war damals überglücklich. Dieses Bild von der Intensivstation war Wirklichkeit geworden.

Doch damit war nicht plötzlich alles wieder wie früher.
Spätestens nach dem HexaTrek 2024 wurde mir immer deutlicher, dass ich zwar vieles zurückerobert hatte, aber trotzdem mit bleibenden Einschränkungen lebte. Mein Körper, mein Denken, meine Wahrnehmung und meine Belastbarkeit funktionierten nicht einfach wieder so wie vor der Erkrankung. Vielleicht begann genau dort etwas Neues: nicht mehr darauf zu warten, wieder der Alte zu werden, sondern zu lernen, mit meinen Handicaps wirklich zu leben.
In den Pyrenäen kam das alte Bild noch einmal zurück.
Fast zehn Jahre nach meiner Krankheit bewegte ich mich wieder durch genau jene Art von Gelände, die ich damals vor Augen gehabt hatte. Nicht automatisch und nicht unbeschwert, sondern mit voller Aufmerksamkeit.
Wegen meiner gestörten Propriozeption muss ich jeden Schritt bewusst vorbereiten. Ich muss sehen, wohin ich trete, den Untergrund einschätzen und meine Bewegung gezielt steuern. Gerade deshalb erstaunte mich etwas: Auf all diesen schwierigen Kilometern vertrat ich mich kein einziges Mal.

Zweimal knickte ich um. Beide Male kamen mir gerade Menschen entgegen. Für einen kurzen Moment wanderte ein Teil meiner Aufmerksamkeit zu ihnen – und genau das reichte. Eigentlich hätte ich stehen bleiben müssen.
Vielleicht lag darin die eigentliche Verbindung zu dem alten Bild. Damals auf der Intensivstation konnte ich nur dieses eine Bild sehen: mich irgendwann wieder über schwierige Trails bewegen zu können. Der Weg dorthin bestand jedoch nicht aus einem großen Sprung. Er bestand aus unzähligen kleinen Schritten: sitzen lernen, aufstehen, das Gleichgewicht halten, gehen lernen – und irgendwann wieder sicher über einen Stein steigen.
Auch in den Pyrenäen half es mir nicht, ständig auf den nächsten Pass oder auf das große Ziel zu schauen. Wenn ich an die gesamte Strecke dachte, wurde sie schnell überwältigend. Entscheidend war nur der nächste Schritt. Der nächste sichere Tritt. Dann der nächste.
Das Bild von damals hatte ich längst einmal erreicht. In den Pyrenäen wurde mir aber noch einmal bewusst, wie ich überhaupt dorthin gekommen war: nicht mit einem großen Schritt, sondern mit unzähligen kleinen.
Das Bild kann am Horizont liegen, aber gegangen wird der Weg dort, wo der nächste Fuß aufsetzt.

Nicht meine Ausdauer war das Problem. Die ist durch die vielen Jahre des Gehens in einem hervorragenden Zustand. Was mich ausbremste, waren die fehlende Kraft und die Art der Bewegung, die diese Wege verlangten.
Gerade in den Oberschenkeln fehlt mir seit meinem Hirnabszess viel Kraft. Vor einem großen Stein konnte ich nicht einfach meinen Gehrhythmus beibehalten. Ich musste das Bein anheben, den Fuß aufsetzen und mich nach oben drücken. Und das nicht zehn- oder hundertmal, sondern über Stunden. Von einem Stein zum nächsten, immer wieder das Gleichgewicht finden, den nächsten Tritt suchen und das Körpergewicht nach oben bringen.
Anfangs empfand ich diese vielen Höhenmeter noch als gutes Training. Jeder Schritt nach oben trainierte genau jene Muskulatur, die mir zu Hause hilft, eine Stiege hinaufzukommen oder morgens vom Bett aufzustehen. Diesen Gedanken hatte ich auch später noch im Kopf.
Doch mit Fortdauer der Tage wurde es immer schwieriger. Die Pausen wurden häufiger und irgendwann musste ich mir die langen Anstiege noch kleiner einteilen.
100 Höhenmeter.
Dann stellte ich den Rucksack ab, trank etwas, aß eine Kleinigkeit und machte kurz Pause. Danach die nächsten 100 Höhenmeter. Wieder Rucksack abstellen. Und dann die nächsten 100.
So hangelte ich mich Stück für Stück nach oben. Bei einem Anstieg mit 1.500 Höhenmetern durfte ich nicht daran denken, dass noch 1.200 oder 1.000 vor mir lagen. Die nächste Marke waren 100. Mehr interessierte mich in diesem Moment nicht.
Es ist schwer zu beschreiben, wie anstrengend dieses ständige Steigen und Balancieren über die Steine für mich wurde. Von einem Stein zum nächsten, einen Absatz hinauf, wieder das Bein hochheben, wieder nach oben drücken. Dazu der Rucksack am Rücken – und am nächsten Tag begann alles wieder von vorne.
Irgendwann war das mehr als Training. Ich kam dabei sehr oft an meine Grenzen.




Mein längster und wohl härtester Tag brachte es schließlich auf rund 3.600 Höhenmeter bergauf und 3.900 Höhenmeter bergab.
Und trotzdem blieb der ursprüngliche Gedanke: Vielleicht hilft mir genau dieser Schritt irgendwann zu Hause dabei, eine Stiege etwas leichter hinaufzukommen oder morgens leichter vom Bett aufzustehen.
Tausende Höhenmeter in den Pyrenäen – für etwas so Alltägliches wie eine Stiege oder das Aufstehen vom Bett. Eigentlich absurd.
Eine genaue Etappeneinteilung hatte ich nicht. Jeden Morgen festzulegen, wie weit ich gehen, welche Hütte ich erreichen oder wo ich am Abend schlafen würde, hätte mich überfordert.
Meine Strategie war einfacher: Ich ging jeden Tag so weit, wie ich konnte.
Trotzdem musste ich vorausplanen. Vor allem beim Wasser konnte ich nicht einfach losgehen und darauf vertrauen, dass sich unterwegs schon etwas finden würde. Ich musste wissen, wie lange es ungefähr dauern würde, bis ich wieder an Wasser kam.
Und genau das war nicht immer einfach. Viele eingezeichnete Rast- oder Wasserstellen hatten kein Wasser, andere lagen weiter auseinander als gedacht. Manchmal war die nächste sichere Möglichkeit so weit entfernt, dass ich sehr genau rechnen musste.
Es ging nicht nur darum, wie viel ich bis zur nächsten Quelle trinken würde. Ich musste überlegen: Wie viel Wasser brauche ich noch für den restlichen Tag? Will ich am Abend damit kochen? Wie viel brauche ich während der Nacht und am nächsten Morgen? Und wie weit ist es dann am nächsten Tag bis zur nächsten sicheren Wasserstelle?
Aus einer scheinbar einfachen Frage – wie viel Wasser nehme ich mit? – wurden plötzlich fünf oder sechs Entscheidungen, die voneinander abhingen.
Genau solche Situationen forderten mein Gehirn gewaltig. Körperlich konnte ich stundenlang gehen. Aber mehrere Dinge gleichzeitig vorauszudenken, Mengen abzuschätzen und daraus die richtige Entscheidung für die nächsten Stunden oder sogar den nächsten Morgen zu treffen, kostete mich enorm viel Energie.
Deshalb versuchte ich, den Weg trotz aller notwendigen Planung möglichst klein zu halten. Ich musste wissen, wo ich ungefähr hinwollte und wo ich wieder Wasser oder Essen bekommen konnte. Beim Gehen selbst gab es aber immer nur den nächsten Abschnitt.
Und manchmal nur die nächsten 100 Höhenmeter.
So schwierig das Gehen war, so einfach war mein Tagesablauf: gehen, essen, schlafen.
Beim Weitwandern reduziert sich das Leben auf die elementarsten Dinge. Habe ich genug Wasser? Habe ich etwas zu essen? Wo kann ich schlafen? Viel mehr musste ich nicht wissen.
Gerade diese Einfachheit tut mir gut. Körperlich waren die Tage in den Pyrenäen enorm fordernd, für meinen Kopf war dieses reduzierte Leben dagegen oft eine Erleichterung. Ich musste nicht zehn verschiedene Dinge gleichzeitig organisieren oder ständig zwischen Aufgaben wechseln.
Ich stand am Morgen auf, packte meine Sachen zusammen und ging. Irgendwann musste ich essen. Und irgendwann brauchte ich einen Platz zum Schlafen.
Dann begann am nächsten Morgen alles wieder von vorne.

Ganz ohne Planung ging es auch bei der Verpflegung nicht. Ich musste zumindest einige Tage vorausdenken: Wo bekomme ich wieder Essen? Und wie viel muss ich bis dahin mitnehmen?
Manchmal bedeutete das, Verpflegung für drei, vier oder sogar fünf Tage in den Rucksack zu packen. Wahrscheinlich trug ich öfter mehr mit mir, als unbedingt notwendig gewesen wäre. Aber zu viel Essen war mir lieber als zu wenig. Es gab schließlich Abschnitte, auf denen ich zwei oder drei Tage fast vollständig auf meine eigene Verpflegung angewiesen war.
Mein Gehrhythmus hatte allerdings einen großen Nachteil: Er passte nur selten zu den Küchenöffnungszeiten in Frankreich. Sehr oft kam ich an einer Hütte oder einem Gasthaus vorbei, freute mich auf ein richtiges Essen – und die Küche hatte geschlossen. Es war dasselbe wie auf dem Hexatrek durch die Alpen.
Ich konnte schließlich nicht schneller gehen, nur weil irgendwo die Küche schloss.
Wenn ich Pech hatte, gab es nur noch ein Sandwich mit Käse oder Schinken und etwas zu trinken. Ein richtiges warmes Essen unterwegs blieb deshalb eher die Ausnahme.
Ursprünglich hatte ich vorgehabt, meine Mahlzeiten selbst zusammenzustellen und zu kochen. Schon nach kurzer Zeit merkte ich jedoch, dass mich auch das zusätzlich überforderte. Nach einem langen Tag noch verschiedene Zutaten und Arbeitsschritte koordinieren zu müssen, war für meinen Kopf einfach zu viel.
Also vereinfachte ich auch hier: Trekkingmahlzeit auf, heißes Wasser hinein, warten, essen. Pasta, Rindfleisch mit Püree oder was gerade verfügbar war. Nicht besonders abwechslungsreich, aber einfach.



Besonders Obst wurde unterwegs fast zum Luxus. Hin und wieder bekam ich Zwetschgen oder andere Früchte. Nach mehreren Tagen mit Brot, Sandwiches und Trekkingnahrung schmeckte so etwas unglaublich gut.
Immer öfter gönnte ich mir unterwegs auch eine Cola, wenn ich irgendwo eine bekommen konnte. Für mich funktionierte das gut. Andere Wanderer erzählten immer wieder von Magenproblemen, teilweise im Zusammenhang mit Wasser, das sie unterwegs getrunken hatten. Ich war deshalb lieber vorsichtig und filterte Wasser aus Quellen oder Leitungen entlang des Weges meistens trotzdem.
Damit bin ich sehr gut gefahren. Während der gesamten Zeit hatte ich kein einziges Mal Probleme mit dem Magen.
Auch beim Schlafen wollte ich möglichst wenig planen müssen. Genau dafür hatte ich mein Zelt dabei.
Gab es zufällig einen freien Platz in einer Hütte, nahm ich ihn. Fand ich eines der einfachen Shelter, freute ich mich darüber. Und wenn beides nicht passte, stellte ich mein Zelt auf. Ich musste am Morgen nicht wissen, wo ich am Abend schlafen würde.
Grundsätzlich schlafe ich ohnehin gerne allein im Zelt, oft sogar lieber als in einer vollen Hütte. Doch es gab Nächte mit so starker Kondensation, dass ich am Morgen ein völlig nasses Zelt einpacken musste. Auch mein Schlafsack bekam immer wieder Feuchtigkeit ab.
Sobald untertags die Sonne herauskam, musste ich deshalb stehen bleiben, alles wieder auspacken und Zelt und Schlafsack zum Trocknen ausbreiten. Eine halbe Stunde warten, wieder einpacken und weiter. Denn ich wusste nie, wo ich am Abend landen würde und ob ich meine trockene Ausrüstung wieder brauchen würde.

An einem Morgen ging ich in dichtem Nebel los. Es ging über den Col du Bentaillou. Ich kann mich an praktisch keinen der vielen Namen von Gipfeln, Cols, Hütten und Übergängen erinnern. Zum Glück speichert Google die Positionsdaten zu jedem Foto. Es waren einfach zu viele. Mein Gehirn konnte sie nicht abspeichern.
Aber die Bilder sind geblieben.
An diesem Nebeltag ging es vorbei an alten Minen, hinauf bis auf etwa 2.500 Meter. In alpinem Gelände kam ich immer wieder an alten Gerätschaften vorbei. Für mich kaum vorstellbar, dass Menschen hier oben vor rund 100 Jahren Bergbau betrieben hatten.
Der Nebel verschwand den ganzen Tag nicht. Er war so dicht und feucht, dass es sich irgendwann fast wie Regen anfühlte. Komplett durchnässt erreichte ich schließlich das Refuge Jacques Husson und hatte Glück: Ich bekam gerade noch einen der wenigen Schlafplätze.
Viele Hütten waren lange im Voraus ausgebucht. Immer wieder wurde ich abgewiesen und schlief dann eben im Zelt, manchmal sogar direkt neben der Hütte.
Fast noch lieber waren mir deshalb manchmal die einfachen Shelter. Ein paar Mal hatte ich richtig Glück und fand am Abend einen solchen Unterschlupf ganz für mich allein. Nach einem langen Tag plötzlich ein Dach über dem Kopf zu haben, ohne Reservierung und ohne vorher überhaupt zu wissen, dass dort eine Schlafmöglichkeit auf mich wartete, fühlte sich beinahe wie Luxus an.
Nur ein einfacher Raum, mein Schlafsack und draußen die Pyrenäen.
Mehr brauchte ich nicht.
Besonders im östlichen Teil der Pyrenäen traf ich erstaunlich wenige Menschen. An manchen Tagen war ich stundenlang völlig allein. Der HexaTrek führte oft durch Täler in die Anstiege, die von wenigen Menschen besucht wurden.
Nur an bestimmten Punkten, die leichter erreichbar waren oder von Touristen besucht wurden, änderte sich das kurz. Teilweise verläuft der HexaTrek gemeinsam mit dem GR10. Dort kamen mir häufiger Wanderer entgegen, aber meistens blieb es bei einem kurzen „Bonjour“.
Hin und wieder traf ich andere HexaTrekker. Einige überholte ich, wir wechselten ein paar Worte und dann ging ich wieder weiter.
Dieses viele Alleinsein empfand ich nicht als unangenehm. Im Gegenteil. Ich konnte meinen eigenen Rhythmus gehen, musste mich niemandem anpassen und konnte den Tag so gestalten, wie es mein Körper gerade zuließ.
Interessant war allerdings, wie Menschen reagierten, wenn der HexaTrek zur Sprache kam. Nicht jeder kannte ihn. Wer aber wusste, was dieser Weg bedeutete, reagierte häufig mit erstaunlichem Respekt. Menschen wurden neugierig, fragten nach oder waren besonders zuvorkommend.
Ich merkte: Der HexaTrek hat inzwischen einen Namen.
Für mich selbst bestand er in diesen Momenten allerdings aus etwas ganz anderem.
Meistens sah ich nur den nächsten Anstieg.


So hart diese Tage waren, die Landschaft um mich herum bildete einen unglaublichen Gegenpol. Die Pyrenäen waren wunderschön. Blumen, Pflanzen, unzählige Schmetterlinge und immer wieder Tiere begleiteten mich. Eigentlich fehlten mir nur Bär und Wolf.
In einer Nacht hörte ich in der Ferne sogar ein Heulen. Vielleicht war es ein Wolf, vielleicht auch einer der Hirtenhunde. Ich weiß es nicht.
Es waren diese kleinen Momente, die einen langen und schwierigen Tag wieder in ein anderes Licht rückten. Nach Stunden auf einem steilen Pfad plötzlich stehen zu bleiben und einfach in die Landschaft zu schauen. Einen Schmetterling zu beobachten. Am Abend allein beim Zelt zu sitzen. Die Geräusche der Nacht zu hören.
Die Anstrengung verschwand dadurch nicht. Aber sie bekam einen Gegenpol.

Und trotz dieser enormen körperlichen Anstrengung war dieses Leben für mich in mancher Hinsicht einfacher als zu Hause.
Das klingt zunächst widersprüchlich. In den Pyrenäen ging ich an manchen Tagen Tausende Höhenmeter, balancierte stundenlang über Steine und kam körperlich immer wieder an meine Grenzen. Trotzdem bestand mein Tag im Wesentlichen aus wenigen Dingen: gehen, essen, trinken, schlafen. Die Aufgaben waren schwierig, aber sie waren klar.
Zu Hause kann etwas scheinbar Banales wesentlich schwieriger sein. Nach Graz in die Stadt zu fahren, eine Straßenbahn zu nehmen, zwischen Menschen unterwegs zu sein, Verkehr, Geräusche und Bewegungen gleichzeitig wahrzunehmen und ständig auf neue Situationen reagieren zu müssen – all das kann mein Gehirn stärker fordern als ein langer Tag in den Bergen.
In den Pyrenäen war der nächste Schritt meistens eindeutig. Vor mir lag ein Stein, ein Weg oder ein Anstieg. Ich musste nicht gleichzeitig zehn verschiedene Reize verarbeiten.
Die Pyrenäen waren schwer.
Aber sie waren für mich nicht kompliziert.
Vielleicht ist das einer dieser vielen Gegensätze, aus denen mein Leben seit zehn Jahren besteht. Ich kann stundenlang gehen und Tausende Höhenmeter überwinden – und gleichzeitig kann mich eine Fahrt mit der Straßenbahn durch Graz völlig überfordern. Ich kann tagelang allein durch die Berge ziehen, muss aber bei einer scheinbar einfachen Entscheidung aufpassen, dass sie meinem Kopf nicht zu viel wird.
Vieles davon habe ich selbst lange nicht verstanden. Erst nach und nach, durch Beobachten, Ausprobieren und unzählige Erfahrungen, beginne ich zu erkennen, was funktioniert, was mich überfordert und warum manche scheinbar schwierigen Dinge leichter sind als ganz alltägliche.
Und wenn ich selbst zehn Jahre brauche, um diese Gegensätze langsam zu verstehen – wie soll sie dann jemand anderer auf Anhieb verstehen?
Nach ein oder zwei Wochen begann ich noch etwas anderes zu bemerken. Diese langen Anstiege kamen mir auf eine merkwürdige Weise bekannt vor.
Immer öfter dachte ich an meine Rehabilitation und an die vergangenen zehn Jahre.
Auch meine Rehabilitation war ein langer Weg, bestehend aus unzähligen kleinen Zwischenschritten. Oft wusste ich nicht, wohin sie mich bringen würden. Ich konnte nicht sehen, was irgendwann wieder möglich sein würde.
Das nicht ständig zu hinterfragen, sondern einfach das zu machen, was gerade vor mir lag, war über all die Jahre ein wichtiger Teil meiner Strategie gewesen.
Und genau das half mir jetzt wieder.
Wenn vor mir ein Anstieg mit 1.500 Höhenmetern lag, durfte ich nicht ständig nach oben schauen und daran denken, wie weit es noch war. Tausende kleine Schritte brachten mich Meter um Meter nach oben. Auf der anderen Seite wieder Meter um Meter hinunter.
Mehr musste in diesem Moment nicht passieren.

Eigentlich war es in meiner Rehabilitation genauso gewesen. Als ich nach meinem Hirnabszess wieder ganz am Anfang stand, hätte es keinen Sinn gehabt, daran zu denken, irgendwann kilometerweit zu gehen oder vielleicht sogar wieder Rad zu fahren. Das war meilenweit entfernt und ich wusste nicht einmal, ob ich diese Dinge jemals wieder können würde.
Also blieb nur das, was gerade möglich war.
Der nächste Schritt.
Und danach wieder der nächste.
Vielleicht war genau das eine meiner größten Lernaufgaben der vergangenen zehn Jahre: nicht den ganzen Weg sehen zu müssen. Denn wenn ich ständig auf alles geschaut hätte, was noch vor mir lag, hätte mich die Dimension wahrscheinlich überfordert.
In den Pyrenäen wurde ich daran wieder erinnert. Vor mir lagen Berge, deren Gipfel noch Stunden entfernt waren. Hinter dem Gipfel wartete der Abstieg und danach oft bereits der nächste Anstieg.
Den ganzen Weg auf einmal konnte ich nicht gehen.
Aber den nächsten Schritt schon.
Und irgendwann waren aus diesen kleinen Schritten 1.500 Höhenmeter geworden.
So wie aus vielen kleinen Schritten irgendwann zehn Jahre Rehabilitation wurden.
Unterwegs entschied ich mich in Bagnères-de-Luchon für einen Ruhetag. Nach all den Höhenmetern und den anstrengenden Tagen dachte ich, dass mir ein Tag Pause guttun müsste.
Im Nachhinein betrachtet war es für mich wahrscheinlich die falsche Entscheidung.
Der Ruhetag brachte mich aus meinem Rhythmus. Dieses tägliche Aufstehen, Rucksack packen und Losgehen war inzwischen zu meinem Ablauf geworden. Nach einem Tag Pause wieder einzusteigen, fiel mir schwerer, als einfach weiterzugehen.
Auch das war wieder einer dieser Gegensätze, die ich unterwegs erst verstehen musste: Eine Pause muss nicht automatisch Erholung bedeuten. Für mich war in diesem Moment der Rhythmus wichtiger.





Gegen Ende von HexaTrek Stage 5 kam noch ein ganz anderes Problem dazu. Meine Hoka hatten mich bis dahin hervorragend durch die Pyrenäen getragen. Sie fühlten sich an meinen Füßen beinahe wie Hausschuhe an. Ich stand sicher darin, sie hafteten gut und ich wusste genau, wie sie sich auf schwierigem Untergrund verhalten.
Auf den letzten 20 oder 30 Kilometern merkte ich allerdings, dass der Gehkomfort immer schlechter wurde. Die Dämpfung war praktisch zusammengebrochen und plötzlich spürte ich jeden einzelnen Stein unter meinen Füßen.
Für diese Beanspruchung hatten die Schuhe trotzdem erstaunlich gut gehalten. Auf dem Camino Francés hatte ich ein Paar schon etwa 1.400 Kilometer getragen. Aber die Pyrenäen waren etwas anderes: unzählige Steine, steile Auf- und Abstiege und dazu das Gewicht meines Rucksacks. Mit rund 600 Kilometern war ich deshalb mehr als zufrieden.
Nur brauchte ich jetzt dringend Ersatz.
In Loudenvielle fand ich ein gut sortiertes Sportgeschäft und probierte bestimmt zehn verschiedene Paar Schuhe. Sogar mein Hoka-Modell gab es in meiner Größe – allerdings nicht in der Wide-Version. Die normale Version ist für meinen Fuß zu eng. Also ließ ich sie stehen.
Nach inzwischen rund 75.000 Kilometern zu Fuß kenne ich meine Füße ziemlich gut. Ich weiß, was funktioniert und was auf Dauer Probleme bereitet. Gerade auf einem Weg wie diesem wollte ich deshalb keinen Kompromiss eingehen, bei dem ich schon im Geschäft wusste, dass der Schuh eigentlich nicht passt.
Also blieb mir nichts anderes übrig, als mit meinen alten Hoka noch über den nächsten Berg bis nach Saint-Lary-Soulan weiterzugehen.
Dort begann die Suche von vorne. In drei Sportgeschäften probierte ich weiter, bis ich schließlich einen Adidas fand. Er war breit genug und von allen verfügbaren Schuhen die beste Alternative.
Perfekt war auch er nicht. Einige Druckstellen bekam ich bis zum Ende des HexaTrek nicht wirklich in den Griff. Blasen hatte ich zum Glück keine.
Aber ich konnte damit weitergehen.
Und das war entscheidend.
In Saint-Lary-Soulan endete für mich Stage 5 des HexaTrek. Rund 600 Kilometer durch die Pyrenäen lagen hinter mir – mit Hitze, unzähligen Höhenmetern, langen Anstiegen und vielen Stunden auf steinigen Wegen.
Stage 5 hatte mich körperlich und mental deutlich mehr gefordert, als ich erwartet hatte. Gleichzeitig hatte sie mich an etwas erinnert, das mich schon durch die vergangenen zehn Jahre begleitet: Ich musste nie den ganzen Weg auf einmal schaffen. An manchen Tagen reichten die nächsten 100 Höhenmeter, manchmal nur der nächste sichere Schritt.
In den letzten Tagen hatte ich deshalb immer öfter an Stage 6 und die Westpyrenäen gedacht. Die Berge dort waren niedriger, und in meinem Kopf entstand das Bild von weit geschwungenen Wiesenhängen und Wegen, auf denen das Gehen endlich wieder etwas einfacher werden würde.
Nach all dem Balancieren über Steine freute ich mich darauf.
In Saint-Lary-Soulan begann Stage 6, des Hexatrek, rund 400 km, bis zum Ende in Hendaye. Neue Schuhe an den Füßen, niedrigere Berge vor mir – und die Hoffnung, dass nun der leichtere Teil kommen würde.
Ich sollte mich täuschen.
