HexaTrek Stage 6/6 - das Ende, 437 km

29. September 2026
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24 Minuten Lesezeit

HexaTrek Stage 6/6 – Das Ende

Mit Saint-Lary-Soulan lag Stage 5 hinter mir. Rund 600 Kilometer durch die Ostpyrenäen, unzählige Höhenmeter und einige der schwierigsten Tage meines bisherigen HexaTrek waren geschafft. Doch am Ziel war ich noch lange nicht. Vor mir lag Stage 6, der letzte Abschnitt durch die Westpyrenäen bis nach Hendaye am Atlantik.

Die Berge wurden langsam niedriger. Einfacher wurde der Weg deshalb noch lange nicht.

Hexatrek Stage 6, Ost-Pyrenäen

Die Berge werden niedriger – der Weg nicht leichter

In den ersten Tagen von Stage 6 war ich noch einmal richtig hoch unterwegs. Mehrfach führte der Weg über 2.000 Meter, einmal sogar bis auf rund 2.600 Meter. Erst nach und nach veränderte sich das Höhenprofil. Die ganz hohen Übergänge wurden seltener. Nur noch einige Male führte der Weg auf über 2.400 Meter, später blieb ich zunehmend unter 2.000 Metern.

Gleichzeitig veränderte sich die Landschaft. Immer öfter öffneten sich längere Wiesen- und Almflächen, auf denen es manchmal ein oder zwei Kilometer vergleichsweise angenehm dahinging. Doch diese Leichtigkeit täuschte. Am Ende solcher Abschnitte folgten oft extrem steile Abstiege, und auch die nächsten Anstiege hatten es weiterhin in sich. So wechselten sich angenehmere Hochflächen mit sehr fordernden Auf- und Abstiegen ab.

Gerade diese Übergänge machten den Weg für mich so schwer. Oben konnte ich für eine Weile über offene Almflächen gehen, dann fiel der Weg abrupt ins Tal hinunter – und auf der anderen Seite wartete oft schon der nächste steile Anstieg, bis ich wieder oben auf einer Wiesenfläche herauskam.

Die Berge wurden niedriger, an der eigentlichen Anstrengung änderte sich zunächst aber kaum etwas. Noch immer waren 1.000 bis 1.500 Höhenmeter am Stück zu bewältigen, manchmal sogar zweimal am selben Tag. Wollte ich mit den Kilometern vorankommen, blieb mir oft gar nichts anderes übrig. Sonst wären nach einem langen Tag vielleicht gerade einmal 15 Kilometer zusammengekommen.

Im Gesamten wurde Stage 6 vermutlich etwas leichter als Stage 5. Angefühlt hat es sich für mich aber lange kaum so. Die Berge wurden niedriger – die Auf- und Abstiege blieben schwer.

Meinen eigenen Rhythmus finden

Gerade auf Stage 6 gelang es mir dafür immer besser, in meinen eigenen Rhythmus zu finden. Begonnen hatte das eigentlich schon auf Stage 5: 100 Höhenmeter gehen, kurz sammeln, wieder 100 Höhenmeter. Nicht den ganzen Anstieg vor mir sehen, sondern nur den nächsten kleinen Abschnitt. Mit der Zeit wurde daraus fast ein eigener Modus, und irgendwann merkte ich etwas, das mich selbst überraschte: Ich konnte sogar die Anstrengung genießen.

Früher, etwa in den Alpen, war ich bergauf oft deutlich schneller unterwegs. Auch ein höherer Puls war für längere Zeit kein Problem. Hier funktionierte das nicht. Die steilen Anstiege verlangten von mir eine andere Form der Bewegung.

Seit meinem Hirnabszess muss ich jeden einzelnen Schritt bewusst setzen. Gerade auf solchen Wegen bedeutete das, jeden Tritt genau vorzubereiten und den Fuß immer wieder punktuell dort hinzusetzen, wo er hingehörte. Das kostete viel Kraft und Konzentration. Ich konnte es mir nicht leisten, zusätzlich ständig mit sehr hohem Puls unterwegs zu sein. Ich musste anders mit meinen Kräften umgehen: nicht möglichst schnell hinauf, sondern so, dass ich auch nach Stunden noch weitergehen konnte.

Anstrengung durfte sein, aber ich wollte die Grenze zur Überanstrengung nicht überschreiten.

Wenn es stiller wird

Auch die Landschaft veränderte sich weiter. Die ganz hohen Berge lagen langsam hinter mir, und obwohl ich noch mitten in den Pyrenäen war, hatte ich zunehmend das Gefühl, mich dem Meer zu nähern. Gleichzeitig wurde es teilweise noch ruhiger. Der HexaTrek folgt nicht ständig dem GR10, sondern verlässt ihn immer wieder. Gerade auf diesen Abschnitten begegnete ich oft kaum jemandem.

Dann waren da nur der Weg, die Landschaft und ich. Und genau dort funktionierte ich oft am besten.

HexaTrek, West-Pyrenäen

Am Hexatrek, vom Tourmalet zur Tour de France

Am Tourmalet entschied ich mich, nicht dem Wanderweg zu folgen, sondern auf der Straße hinunter Richtung Barèges zu gehen. Normalerweise würde ich eine Straße eher meiden, doch hier hatte sie etwas Besonderes. Überall waren noch die Spuren der Tour de France zu sehen. Namen und Botschaften waren auf den Asphalt gemalt, auf Steinmauern tauchten gemalte Trikots und Radfahrer auf.

Für mich, mit meiner eigenen Vergangenheit im Radsport, war es spannend, diesen Ort einmal nicht auf dem Rad oder vor dem Fernseher, sondern zu Fuß zu erleben.

Luz-Saint-Sauveur, am Hexatrek

Auch in Luz-Saint-Sauveur begegnete mir die Geschichte des Radsports wieder. Im Gehsteig waren Handabdrücke und Namen großer Fahrer eingelassen – unter anderem Bernard Hinault und Miguel Indurain. Ich blieb immer wieder stehen und schaute sie mir an. Außerdem konnte ich dort meine Vorräte auffüllen. Vor allem Obst war mir wichtig, denn danach ging es wieder für mehrere Tage hinaus in die Berge.

Zurück in die Berge

Die folgenden Tage wurden noch einmal richtig anstrengend. Die Aufstiege waren lang und schwer. Trotzdem hatte sich mittlerweile ein Rhythmus eingestellt, der für mich funktionierte. Ich wusste besser, wann ich langsamer werden musste, wann eine kurze Pause notwendig war und wie weit ich gehen konnte.

Einmal kam ich zu einer Hütte, bekam dort aber keinen Schlafplatz mehr und verbrachte die Nacht draußen davor. Es störte mich kaum. Im Gegenteil: Der Sternenhimmel war unglaublich. Die Milchstraße zog sich deutlich über den Himmel, rundherum war es still und ich war weit entfernt von größeren Orten und vielen Menschen. Solche Nächte gehörten zu den Momenten, in denen ich mich besonders wohlfühlte.

Das Wetter blieb weiterhin gut. Überhaupt hatte ich während meiner Wochen in den Pyrenäen unglaubliches Glück. Bis auf einen Nebeltag hatte es nie richtig geregnet. Dafür war auch hier die Versorgung immer wieder Thema.

Eine kleine Ausnahme am Weg

Eines Tages kam ich im Tal an der Hôtellerie du Pont d’Espagne vorbei, doch es war geschlossen. Also setzte ich mich hin, packte meinen Gaskocher aus und bereitete mir selbst etwas zu essen. Vielleicht einen Kilometer später lag plötzlich das Refuge du Clot direkt am Weg. In meiner Planung war es mir nicht aufgefallen, war nirgends eingezeichnet – und ausgerechnet dort hatte geöffnet.

Eigentlich gab es dort kaum etwas zu essen, nur ein paar Kleinigkeiten. Da ich gerade erst selbst gekocht hatte, dachte ich zunächst, ich würde einfach weitergehen. Wenn schon, hätte ich gerne noch einmal etwas Richtiges gegessen. Die Besitzerin bekam irgendwie mit, dass ich den HexaTrek ging, und machte für mich eine Ausnahme. Sie meinte, für HexaTrek-Wanderer mache sie das gerne, schließlich hätten wir unterwegs oft kaum Möglichkeiten, etwas zu essen zu bekommen.

So bekam ich doch noch einen Teller mit einer Bratwurst, Teigwaren, Gemüse und Salat. Nichts Besonderes im klassischen Sinn, aber in diesem Moment war es genau das Richtige. Solche kleinen Gesten blieben mir oft stärker in Erinnerung als vieles andere auf dem Weg.

Hotellerie du pont d´Espagne hatte geschlossen

Der Somport-Pass – zurück beim Pilgern

Ein großes Ziel auf Stage 6 war für mich der Somport-Pass. Schon auf dem Weg dorthin merkte ich, wie viel dieser Ort in mir auslöste. Ein Stück ging ich direkt auf dem Pilgerweg – allerdings entgegen seiner eigentlichen Richtung. Plötzlich war all das wieder da, was mich in den vergangenen Jahren so sehr begleitet hat.

Das Pilgern hatte nach meiner Krankheit einen ganz besonderen Platz in meinem Leben bekommen. Auf diesen Wegen hatte ich nicht nur das Gehen wiederentdeckt, sondern auch vieles über mich selbst gelernt: über Geduld, über Grenzen, über das Weitergehen und darüber, dass man nicht immer den ganzen Weg vor sich sehen muss. In vielem fühlte sich auch der HexaTrek wie ein Abbild meiner Rehabilitation der vergangenen zehn Jahre an. Lange Anstiege, schwierige Abschnitte, Rückschritte, kurze Momente der Leichtigkeit – und immer wieder nur der nächste Schritt.

Vielleicht war der Somport-Pass deshalb so emotional für mich. Ich hatte schon oft mit dem Gedanken gespielt, hier einmal einen neuen Camino zu beginnen: den Camino Aragonés, der später in den Camino Francés mündet. Diesmal führte mich mein Weg nur ein Stück daran entlang. So ging ich mit einer gewissen Wehmut am Somport-Pass vorbei und tauchte kurz darauf wieder ein in das, was ich für mich inzwischen beinahe als Wildnis empfand: weniger Menschen, weniger Infrastruktur, wieder mehr Stille, Landschaft und Weg. Der Camino blieb zurück, der HexaTrek ging weiter.

Weiter mit dem, was noch da war

Auf dem Weg zum Somport-Pass war ich an einer Bar vorbeigekommen. Ich hatte dort gegessen und nur wenig eingekauft. Im Nachhinein war das ein Fehler, denn das Restaurant direkt auf der Passhöhe, von dem ich fest angenommen hatte, dass es geöffnet sein würde, war geschlossen.

Also musste ich wieder einmal meine Vorräte durchgehen. Reichte das, was ich noch hatte, für die nächsten zwei oder drei Tage? Oder musste ich vom Pass hinunter ins Tal zum nächsten Dorf absteigen, wo es einen kleinen Laden gegeben hätte? Ganz ideal war meine Versorgung nicht mehr. Obst hatte ich keines mehr, ein Stück Brot war drei Tage alt. Aber ich hatte noch ein wenig Käse, zwei Portionen Trekkingnahrung und einige Proteinriegel dabei. Ich beschloss weiterzugehen, obwohl die nächste Einkaufsmöglichkeit drei Tagesetappen entfernt war.

Solche Entscheidungen waren inzwischen ganz normal geworden: Was habe ich noch? Wie lange reicht es? Wo bekomme ich Wasser? Wann kommt die nächste Möglichkeit einzukaufen? Mein Leben war auf wenige Dinge reduziert. Und vielleicht funktionierte ich gerade deshalb so gut.

Begegnungen am Hexatrek, die bleiben

Was mich weiterhin jeden Tag faszinierte, waren die Morgenstunden, die Sonnenaufgänge, das erste Licht über den Bergen und die Veränderung der Farben. Fast jeden Morgen begann ich bei guten Bedingungen, oft mit einem Licht, das die Landschaft noch einmal völlig anders aussehen ließ.

Eine Begegnung ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Auf einem hohen Pass stieg ich auf der anderen Seite wieder ab. Hinter großen Felsblöcken saßen zwei ältere Damen. Wir grüßten uns zunächst nur kurz mit einem „Bonjour“, doch wenig später kamen wir ins Gespräch.

Eine der beiden sprach recht gut Englisch. Es waren zwei Schwestern, beide ungefähr 70 Jahre alt. Ich war beeindruckt, dass sie dort oben unterwegs waren, denn die Wege waren wahrlich nicht einfach.

Wir erzählten einander ein wenig von unseren Wegen. Irgendwann kam auch meine Geschichte zur Sprache und natürlich der HexaTrek. Die beiden waren völlig fasziniert. Eine gab mir Ingwer-Zuckerl, was nach den vielen ähnlichen Geschmäckern unterwegs allein schon etwas Besonderes war. Die andere schenkte mir sogar ihren Käse. Meiner war längst aufgebraucht und Einkaufen war kaum möglich.

Über diesen Käse freute ich mich wahrscheinlich mehr, als sie ahnen konnte.

Irgendwann verabschiedeten wir uns. Drei Tage später kam ich zu einer Hütte – und plötzlich saßen die beiden wieder vor mir. Sie freuten sich mindestens genauso sehr wie ich über das Wiedersehen. Diesmal hatten wir mehr Zeit und unterhielten uns lange.

Ein Abend, der sich wie Luxus anfühlte

Es war eine der wenigen Begegnungen während dieser Wochen, die nicht nur aus einem kurzen Gruß oder ein paar Worten bestand. Am Abend schlief ich wieder draußen im Zelt. Danach sah ich die beiden nicht mehr.

Einige Zeit später stieg ich in ein Dorf ab und fand dort ein Hostel. Zum Glück entschied ich mich zu bleiben. Es war ausgezeichnet, und am Abend wurde gekocht. Nach so vielen Tagen, an denen ich mich fast ausschließlich selbst versorgt hatte, war dieses Essen ein kleines Fest.

Einfach einmal am Tisch sitzen, nicht rechnen, was noch im Rucksack war, und mich richtig satt essen.

Zwischen Felsen, Wiesen und tiefen Tälern

Am nächsten Morgen ging es wieder hinauf. Etwa 1.400 Höhenmeter lagen vor mir. Zwischen den Bergen hing zunächst Nebel, wodurch die Landschaft eine ganz eigene Stimmung bekam. Später löste er sich auf, die Sonne kam heraus und ich folgte einem langen Tal Richtung Pass.

Zwischen den Steinen nach oben kletternd, verlor ich immer wieder den Weg. Oben lag schließlich eine breite, steinige Hochfläche vor mir. Auf den ersten Blick wirkte sie gar nicht besonders schwierig, doch das täuschte. Überall lagen Felsblöcke und scharfkantiges Gestein, dazu ging es ständig ein paar Höhenmeter hinauf und wieder hinunter. Für die Durchquerung brauchte ich fast eine Stunde.

Gerade solche Passagen waren für mich extrem anstrengend. Mit meiner gestörten Propriozeption musste ich jeden Schritt bewusst setzen. Ein unachtsamer Kontakt mit einem Stein genügte und ich hatte sofort eine Schürfwunde. Wenn ich mit dem Knie an einer scharfen Kante vorbeischrammte, begann es schnell zu bluten. Meine Beine waren inzwischen übersät mit verkrusteten Wunden.

Die Landschaft am Hexatrek war wunderschön, aber Schönheit und Schwierigkeit lagen dort oft nur einen Schritt voneinander entfernt.

Nachdem ich die Hochfläche hinter mir gelassen hatte, öffnete sich die Landschaft. Für eine Weile ging ich über große Wiesen und offene Flächen. Von weitem sah das beinahe einfach aus, aber auch hier hatten die Wege ihre Tücken. Die schmalen Kuhpfade machten mir zu schaffen. Auf solchen Wegen fehlt mir die Sicherheit, und ich muss jeden Fuß sehr bewusst setzen.

Trotzdem genoss ich diese Landschaft.

Hinunter in den Canyon

Auf meiner App war ein Restaurant eingezeichnet. Nicht mehr weit. Ich dachte mir: Wenn es jetzt noch eine Weile so weitergeht, muss eigentlich irgendwann nur noch der Abstieg kommen.

Und der kam – richtig.

Der Weg fiel steil durch einen Wald hinunter und führte anschließend durch eine Art Canyon. Überall Farne, dichtes Grün und Pflanzen. Plötzlich sah alles völlig anders aus. Ich fühlte mich beinahe wie auf einem anderen Planeten. Wunderschön – aber wieder enorm schwer zu gehen.

Mit dem schweren Rucksack konnte ich dort nicht leichtfüßig hinunterlaufen. Jeder Schritt musste sitzen.

Unten angekommen wartete das nächste kleine Déjà-vu: Das Restaurant war geschlossen. Daneben befand sich zwar ein Biwakplatz, doch ich entschied mich, noch weiterzugehen.

Nun wurde Wasser zum nächsten Thema. Mehrere Wasserstellen waren trocken. Schließlich kam ich an einem Haus vorbei und klopfte an. Zum Glück öffnete jemand und ich bekam zwei Liter Wasser.

Danach begann bereits der nächste Anstieg. Ein großer Teil führte über groben Asphalt, doch immer wieder schnitt der Wanderweg die Straßenkehren ab. Diese Abkürzungen waren teilweise extrem steil. Zwischen Steinen, Wurzeln und Bäumen arbeitete ich mich nach oben, bis ich schließlich ein kleines Shelter erreichte.

Ich war ganz allein.

Nach diesem langen Tag musste ich nichts mehr suchen, nichts mehr entscheiden. Nur noch dort sein.

Der Herbst kommt – und Saint-Jean-Pied-de-Port kommt näher

Am nächsten Morgen wartete wieder ein grandioser Himmel auf mich. Als ich losging, standen die Schafe auf den eingezäunten Flächen bereits in der aufgehenden Sonne.

Irgendwann bemerkte ich allerdings, dass ich nicht mehr auf dem HexaTrek unterwegs war. Ich war einer Forststraße gefolgt und hatte die Abzweigung übersehen. Auf der App sah ich, dass die Straße später wieder auf den HexaTrek treffen würde, also ging ich weiter.

Was ich nicht ahnte: Die Forststraße führte zunächst bergab und danach wieder erstaunlich lange bergauf. Dabei hatte ich eigentlich geglaubt, fast nur noch ins Tal absteigen zu müssen.

Wieder einmal zeigte mir der Weg, wie wenig solche Erwartungen bedeuteten.

Bald kam ich in ein Gebiet mit einem tief eingeschnittenen Canyon. Von oben konnte ich mir zunächst kaum vorstellen, wo dort überhaupt ein Weg hinunterführen sollte. Gerade am Anfang waren die Pfade extrem schmal.

Später wurden sie besser und führten lange bergab. Schließlich erreichte ich eine Fußgängerbrücke hoch über dem Canyon. Beim Hinunterschauen konnte ich den Fluss beinahe nicht erkennen. Das Wasser lag tief unten und war zusätzlich von Blättern und Vegetation verdeckt.

Überall lagen Kastanien am Boden. Es tat mir fast leid, dass ich keine Möglichkeit hatte, welche mitzunehmen, zu kochen und zu essen.

Der Herbst ist angekommen

Inzwischen war der Herbst angekommen. Die Farben hatten sich verändert. Immer mehr Gelb- und Brauntöne mischten sich ins Grün, und auch die Nächte wurden empfindlich kälter. Der Sommer war vorbei.

An diesem Tag ging ich zwischen 35 und 40 Kilometer. Noch immer gab es schwierige Auf- und Abstiege, doch dazwischen lagen längere Hochflächen, Wiesen und offene Wege. Überall Schafe, zwischendurch Kühe.

Einmal kam ich an alten Steingebilden vorbei, die laut Beschreibung aus längst vergangenen Zeiten stammten und möglicherweise als Ritual- oder Opferstätten gedient hatten. Ich wusste nicht immer genau, was ich dort eigentlich vor mir hatte, aber diese Spuren früherer Menschen mitten in dieser abgelegenen Landschaft faszinierten mich.

Auf der App sah der weitere Weg wieder einmal ziemlich einfach aus. In Wirklichkeit war er es nicht. Die Wege bremsten mich immer wieder aus, sodass ich meinen anvisierten Biwakplatz erst kurz vor Sonnenuntergang erreichte.

Ideal lag er nicht. Ganz in der Nähe floss ein Bach und der Platz selbst befand sich etwas in einer Senke. Am nächsten Morgen merkte ich die Folgen. Im Zelt hatte sich enorm viel Kondenswasser gebildet und alles war feucht. Also wischte ich es ab und packte es nass zusammen.

Ich wusste inzwischen, wie ich damit umgehen musste. Irgendwann im Laufe des Tages würde ich eine Pause machen und es in der Sonne trocknen.

Zurück in Saint-Jean-Pied-de-Port

Denn dieser Tag hatte ein besonderes Ziel: Saint-Jean-Pied-de-Port.

Wieder begann der Morgen mit einem wunderschönen Sonnenaufgang. Von meinem Schlafplatz ging es gleich in den nächsten Anstieg, den ich zunächst noch im Schatten gehen musste. Dadurch war es kühl und feucht, während die umliegenden Gipfel und einzelne Berghänge bereits im Sonnenlicht lagen. Dieser Kontrast begleitete mich noch eine ganze Weile und gab dem Morgen eine ganz eigene Stimmung.

Später führte mein Weg erstaunlich oft über kleine Asphaltstraßen. Langsam näherte ich mich Saint-Jean-Pied-de-Port. Dieser Ort war für mich weit mehr als nur eine weitere Ortschaft auf dem HexaTrek. Hier verband sich mein jetziger Weg wieder mit meiner Geschichte als Pilger.

Ich ging durch das Tor und machte mein Foto. Ein Kreis schloss sich. Nach allem, was seit meinem Hirnabszess passiert war, nach den Caminos, den vielen tausend Kilometern und nun den Pyrenäen stand ich wieder an einem dieser Orte, die mit meinem neuen Leben verbunden waren. Vor acht Jahren begann ich hier meinen ersten Camino Francés.

Nicht bleiben, sondern weitergehen

Danach ging ich essen und suchte nach einer Unterkunft. Doch die Herbergen konnten erst ab 16 Uhr bezogen werden. Ich war bereits gegen zwölf Uhr mittags angekommen. Vier Stunden irgendwo herumzusitzen wollte ich nicht.

Also erledigte ich nur das Nötigste, kaufte ein paar Dinge ein und entschied mich, weiterzugehen. Bis zum nächsten Campingplatz waren es noch einmal fast 20 Kilometer. Direkt daneben befand sich ein großes Geschäft, was perfekt war. Ich konnte noch einmal ordentlich einkaufen und mich für die letzten Tage bis Hendaye eindecken.

Zumindest dachte ich, dass es noch mehrere Tage sein würden. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Zwei Tage später würde ich am Atlantik stehen.

Die letzten 90 Kilometer des Hexatrek

Von dort waren es nur noch rund 90 Kilometer bis Hendaye. Mein Plan war einfach: 45 Kilometer am nächsten Tag, noch einmal ungefähr 45 am Tag darauf. Dann wäre ich am Ziel. Zumindest auf dem Papier, denn wie schwer dieser Schluss tatsächlich werden sollte, merkte ich erst unterwegs.

Zunächst galt es noch einige steile Aufstiege zu überwinden. Teilweise waren Passagen sogar mit Seilen gesichert und immer wieder gab es Stufen. Gerade die machten mir zu schaffen, weil mir Stufensteigen bis heute schwerfällt. Sofort musste ich an den South West Coast Path denken, wo es gefühlt ständig nur Stufen hinauf und wieder hinunter ging.

An diesem Tag traf ich auch eine andere HexaTrek-Wanderin. Wir gingen kurz miteinander und unterhielten uns darüber, wie wir den Weg erlebt hatten. Was sich in Gesprächen mit anderen HexaTrek-Wanderern immer wieder deckte: Die Pyrenäen wurden als enorm anspruchsvoll erlebt. Sie wollte in einem Shelter übernachten, ich beschloss, noch etwa sechs Kilometer weiterzugehen.

Hinunter nach Ainhoa

Kurz bevor ich Ainhoa im Tal erreichte, vielleicht noch 200 Höhenmeter darüber, kam ich an einer kleinen Kirche und mehreren Kreuzen vorbei. Dort hatten einige Wanderer ihre Zelte aufgebaut. Ich wunderte mich, warum sie hier oben schliefen, wenn unten doch ein Ort mit Campingplatz, Geschäft und angeblich sogar einer Jugendherberge lag. Unten angekommen verstand ich es: Der Campingplatz existierte nicht mehr, die Jugendherberge war geschlossen und auch der kleine Markt hatte bereits zugesperrt.

In einem Café wollte ich wenigstens noch eine Cola kaufen, doch der Mann erklärte, er habe bereits geschlossen. Ich sagte, dass ich die Cola nur mitnehmen wolle, aber auch das half nichts. Also setzte ich mich draußen hin und begann nach einem Quartier zu suchen. Die meisten Unterkünfte waren ziemlich teuer, doch irgendwann fand ich eine günstigere Möglichkeit. Als ich davorstand, war ich nicht einmal sicher, ob ich richtig war. Keine Glocke, kein richtiges Schild.

Begegnungen am Ende des Weges

In diesem Moment kamen drei Wanderer über den Platz. Ich fragte sie, ob sie wüssten, wo ich hier ein Zimmer finden könnte. Sie sahen mich an und meinten: „Du stehst davor.“ Einer von ihnen half mir, weil ich kein Französisch konnte. Gemeinsam gingen wir hinein und tatsächlich war in einem kleinen Zimmer mit zwei Stockbetten noch genau ein Bett frei.

Später kamen wir länger ins Gespräch. Die drei waren nur für einige Tage unterwegs und erzählten, dass sie im Alltag sehr viel arbeiteten und diese Wanderung als Auszeit brauchten. Irgendwann kam auch meine Geschichte zur Sprache. Als sie hörten, was hinter den vergangenen zehn Jahren lag, wurde das Gespräch persönlicher. Sie erzählten, dass ihnen selbst die Arbeit inzwischen oft zu viel geworden war und sie künftig besser darauf achten wollten, sich rechtzeitig Auszeiten zu nehmen.

Auch dem Wirt gegenüber erwähnten die drei irgendwann, dass ich auf dem HexaTrek unterwegs war. Während sie selbst den Weg bis dahin gar nicht gekannt hatten, wusste der Wirt sofort, wovon sie sprachen. Er erklärte ihnen, was der HexaTrek ist, wie lange dieser Weg durch Frankreich führt und wie lange ich bereits unterwegs war. Seine Reaktion mir gegenüber veränderte sich daraufhin spürbar. Er begegnete mir sehr freundlich und mit großer Achtung, fast ein wenig ehrfürchtig.

Hexatrek, das Ende ist nah

Nicht immer die ganze Geschichte erzählt

Solche Reaktionen erlebte ich unterwegs immer wieder. Manchmal war es mir allerdings zu viel zu erklären, dass ich den HexaTrek nicht in einem Stück gegangen war. Die Stages 1 bis 4 von Wissembourg bis Carcassonne hatte ich bereits 2024 absolviert, die letzten beiden Stages durch die Pyrenäen folgten nun zwei Jahre später. Die ersten rund 2.000 Kilometer lagen also bereits hinter mir, bevor ich 2026 für die letzten rund 1.000 Kilometer zurückkehrte.

Nicht immer schaffte ich es, noch dazuzusagen, dass ich den HexaTrek in zwei Teilen gegangen bin und diesmal erst in Carcassonne startete. Oft war mir die ganze Erklärung einfach zu viel. Dann ließ ich die Menschen in dem Glauben, ich wäre den Weg in einem Stück gegangen. Wenn daraufhin besonders anerkennende oder fast ehrfürchtige Reaktionen kamen, fühlte sich das für mich manchmal unangenehm an – beinahe so, als hätte ich etwas behauptet, das so nicht ganz stimmte. Dabei hatte ich nichts erfunden, ich hatte nur nicht immer die Kraft, die ganze Geschichte dazu zu erzählen.

Der letzte Tag – noch einmal über 2.000 Höhenmeter

In der Nacht begann es zu regnen. Auch der nächste Tag sollte wechselhaft bleiben, und eigentlich sollte es mein letzter Tag werden. Knapp 50 Kilometer lagen noch vor mir. Laut App und Höhenprofil sah es zunächst gar nicht so schlimm aus. Es schien fast nur noch bergab zu gehen, doch wieder täuschte die Darstellung. Ich kam zwar mehrmals bis auf ungefähr 100 Meter Seehöhe hinunter, musste danach aber wieder auf 600 oder 700 Meter aufsteigen. Am Ende sammelte ich an diesem letzten Tag noch einmal über 2.000 Höhenmeter im Aufstieg.

Am Vormittag erwischten mich einige Regenschauer. Mein inzwischen bewährtes System funktionierte aber hervorragend: Regenjacke und darüber der Schirm. Für mich war das die ideale Kombination. Später kreuzte ich sogar den Camino Baztan. Ein paar Meter davon kannte ich bereits von meiner früheren Wanderung von Bayonne nach Pamplona. Schon wieder berührten sich zwei meiner Wege.

Unterwegs kam ich durch mehrere baskische Dörfer. In einem davon fand gerade ein Umzug oder Volksfest statt. Eigentlich wäre es schön gewesen, dort länger zu bleiben, aber es wäre mir zu viel gewesen: zu viele Menschen, zu viele Eindrücke, zu viel Trubel. Also suchte ich noch etwas zu essen, setzte mich kurz in ein Café und gönnte mir einen Kaffee und ein besonderes Törtchen. Danach ging es noch einmal hinauf zu einem Pass.

Das Meer vor Augen

Dort oben sah ich plötzlich das Meer. Nach all den Wochen in den Bergen lag es am Horizont vor mir. Dieser Augenblick war unglaublich. Da war Euphorie, Freude, vielleicht auch Erleichterung, und ich dachte: Jetzt bin ich fast da. Was ich in diesem Moment noch nicht wusste: Obwohl ich das Meer bereits sehen konnte, lagen noch über fünf Stunden Weg vor mir.

Hexatrek, ich und das Meer
Hexatrek, ich und das Meer

Der letzte Abschnitt wurde noch einmal besonders schwer. Der Weg führte durch eine Klamm, über große Steinblöcke und immer wieder zwischen Wasser hindurch. Teilweise musste ich von Stein zu Stein steigen oder springen. Nach all den Stunden und Kilometern war das für mich extrem fordernd. Von einem wirklichen Abstieg konnte kaum die Rede sein. Immer wieder kamen Gegenanstiege, teilweise steil und technisch schwierig. Auch bergauf waren die Wege stark mit Steinen durchsetzt, sodass ich jeden einzelnen Tritt bewusst setzen musste. Dabei sah ich das Meer immer wieder vor mir. Es kam näher, aber nur sehr langsam. Stundenlang hatte ich es bereits im Blick, ohne wirklich dort anzukommen.

Ein letzter Umweg

Irgendwann erreichte ich schließlich eine Straße. Jetzt, dachte ich, würde es endlich unkompliziert Richtung Hendaye gehen. Doch genau dort spielte mir die Technik noch einen Streich. Das GPS-Signal meines Handys setzte aus. Ich bemerkte es zunächst nicht und glaubte, die Anzeige würde weiterhin stimmen. Der Weg war für mich nicht besonders gut markiert und so verlor ich komplett die Orientierung. Ich ging weiter, bis ich nach ungefähr einem Kilometer dachte: Das kann doch nicht stimmen. Warum gehe ich jetzt wieder bergauf, obwohl ich eigentlich schon Richtung Hendaye unterwegs sein müsste?

Erst dann bemerkte ich, dass das GPS-Signal hängen geblieben war. Ich war in die falsche Richtung gegangen und drehte um. Beim Hinuntergehen erkannte ich plötzlich den schmalen Steig wieder – da war ich heute schon einmal gewesen. Beim Hinaufgehen war mir das überhaupt nicht aufgefallen. Natürlich ärgerte ich mich kurz. Ein paar zusätzliche Kilometer braucht man am Ende eines solchen Tages wirklich nicht. Aber solche Dinge beschäftigten mich unterwegs nie lange. Nach einer Minute war es wieder vorbei. Ich ging einfach weiter, in meinem Tempo, mit meinem Schritt und meinem Rhythmus. Nicht lange darüber nachdenken, was schiefgelaufen war, sondern wieder die richtige Richtung finden und weitergehen.

Hexatrek

Dann lagen tatsächlich nur noch die letzten Kilometer vor mir. Etwa fünf Kilometer führte ein Radweg neben der Straße durch Hendaye Richtung Meer. Nach Wochen in den Bergen wurde aus dem steinigen Pfad plötzlich Asphalt, und aus dem Punkt am Horizont wurde langsam mein Ziel.

...Endlich, nach 10 1/2 Stunden in Hendaye!

Hendaye – nach mehr als 3.000 Kilometern

Dann kamen die letzten Häuser, die letzten Kreisverkehre und schließlich die letzten Meter bis zu meinem eigentlichen Ziel: dem Briefkasten vor dem Tourismusamt in Hendaye. Von diesem Briefkasten hatte ich schon so viele Fotos gesehen. Unterwegs hatte ich immer wieder daran gedacht, irgendwann selbst dort zu stehen. Er war für mich zu einem ganz konkreten Ziel geworden.

Als ich näherkam, musste ich allerdings zweimal hinschauen. Direkt unter dem Briefkasten hatte sich hinter einer Mülltonne und mehreren Kartons ein obdachloser Mann eingerichtet. Der Briefkasten lugte gerade noch darüber hinweg. Ich konnte kaum Französisch und versuchte ihm freundlich zu erklären, dass ich nur ein Foto vom Briefkasten machen wollte, keines von ihm. Doch er reagierte sehr aggressiv und wollte mich vertreiben. Schließlich zog er sogar sein Handy hervor und drohte damit, die Polizei zu rufen.

Es war eine ziemlich absurde Situation. Nach mehr als 3.000 Kilometern stand ich endlich am Ziel, und ausgerechnet das obligatorische Zielfoto wurde zur nächsten kleinen Herausforderung. Also beugte ich mich über die Mülltonne und machte ein paar Fotos. Besonders schön sind sie nicht geworden, aber ich hatte mein Bild.

Zum Abschluss noch ins Meer

Danach ging ich hinunter zum Meer. Natürlich gehörte auch das dazu. Ich zog die Schuhe aus, ging ins Wasser und machte noch eine Filmaufnahme, wie ich ins Meer hineinging und die Arme nach oben hob. Angekommen – zumindest dachte ich das.

Als ich danach wieder meine Schuhe anziehen wollte, hielt ich mich an einem Stein fest und schlüpfte gerade in den ersten Schuh. In diesem Moment kam eine Welle und plötzlich stand ich bis zu den Knien im Wasser. Der zweite Schuh wäre beinahe davongeschwommen. Nach 3.034 Kilometern schaffte es der Atlantik also noch, mich auf den letzten Metern richtig nass zu machen.

Ich sammelte meine Sachen zusammen, kletterte über die Steine hinauf zur Promenade und leerte erst einmal das Wasser aus. Eigentlich konnte ich nur lachen. Allerdings war es mittlerweile schon ungefähr halb acht am Abend und meine Herberge lag noch rund drei Kilometer entfernt. Socken und Schuhe waren nass, also zog ich die Socken aus, schlüpfte barfuß in die Schuhe und ging einfach weiter. Auch diese drei Kilometer gehörten offenbar noch dazu.

HexaTrek
...am Ziel, der Atlantik in Hendaye!

92 Tage – und die großen Gefühle bleiben aus

Als ich schließlich in der Herberge ankam, war ich natürlich froh, aber etwas anderes fiel mir ebenfalls auf: Die ganz große Emotion blieb aus. Nach mehr als 3.000 Kilometern durch Frankreich und insgesamt 92 Tagen auf dem HexaTrek hätte man vielleicht erwartet, dass mich dieser Moment völlig überwältigt. So war es aber nicht.

Bis heute fällt es mir schwer, starke Gefühle genau in dem Moment wahrzunehmen oder zuzulassen, in dem etwas passiert. Solange ich noch funktionieren muss, bleibt eine gewisse Spannung in mir. Und auch in Hendaye musste ich noch funktionieren. Ich musste zur Herberge kommen, meine Sachen trocknen, organisieren, wie es weitergeht, und später wieder nach Hause fahren. Vielleicht konnte mein Kopf einfach noch nicht begreifen, dass dieser Weg tatsächlich vorbei war. Der HexaTrek war beendet, aber angekommen war ich innerlich noch nicht ganz.

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Warum die Pyrenäen für mich so schwer waren

Den HexaTrek von Wissembourg bis Carcassonne war ich bereits 2024 gegangen. Auch diese rund 2.000 Kilometer waren anstrengend und fordernd. Trotzdem habe ich sie im Rückblick völlig anders wahrgenommen als die Pyrenäen. Heute kann ich sagen, dass die letzten rund 1.000 Kilometer für mich noch einmal eine andere Dimension hatten. Nicht unbedingt, weil jeder einzelne Tag extremer gewesen wäre, sondern weil sich dort sehr viele Schwierigkeiten gleichzeitig und über Wochen hinweg summierten.

Mein eigener Weg durch die Pyrenäen

Mir war von Anfang an klar, dass ich den HexaTrek anders wahrnehmen würde als viele andere Wanderer. Seit meinem Hirnabszess funktionieren Wahrnehmung, Bewegung und Verarbeitung bei mir anders. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass für mich alles schwerer, schlechter oder unangenehmer sein muss. Im Gegenteil. Ich habe gelernt, Wege so zu gehen, wie es für mich und meine Einschränkungen am besten funktioniert.

Gerade in den Pyrenäen wurde das besonders wichtig. Ich musste nicht versuchen, den Weg so zu gehen, wie ihn andere gehen würden, sondern herausfinden, wie ich ihn unter meinen Voraussetzungen bewältigen konnte. Dazu gehörten mein eigenes Tempo, kurze Unterbrechungen, das Einteilen der Anstiege in kleinere Abschnitte, der bewusste Umgang mit Reizen und manchmal auch Entscheidungen oder Reaktionen, die von außen vielleicht schwer nachvollziehbar wirken. Für mich waren sie Teil davon, diesen Weg so zu gehen, dass mein Körper und mein Nervensystem möglichst lange mitmachten. Dass ich den HexaTrek anders wahrnehme, macht meine Erfahrung nicht schlechter oder weniger wertvoll. Sie ist einfach meine eigene.

Mir fehlte in den Pyrenäen etwas, das mir beim Gehen normalerweise hilft: eine gleichmäßige, wiederkehrende Bewegung, wie ich sie etwa in den Alpen noch eher finden konnte. Kaum hatte ich für kurze Zeit einen Rhythmus gefunden, änderte sich der Untergrund wieder. Steine, besonders steile Stufen, schmale Pfade und Felsblöcke verlangten ständig eine neue Anpassung. Einen natürlichen Bewegungsrhythmus gab mir der Weg selten vor. Ich musste ihn mir selbst schaffen – etwa indem ich die Anstiege in Abschnitte von 100 Höhenmetern unterteilte.

Wenn sich die Belastung summiert

Dabei war es nie nur das Gehen allein. Muskelarbeit, Koordination, Konzentration und Gleichgewicht liefen gleichzeitig ab. Dazu kamen Hitze, Rucksackgewicht, tausende Höhenmeter, Versorgung, Wasser, Schlafen im Zelt und die tägliche Planung. Jeder einzelne Punkt für sich wäre wahrscheinlich zu bewältigen gewesen. Schwer wurde es durch die Summe – und dadurch, dass diese Belastungen nicht nach einem Tag wieder vorbei waren, sondern sich über Wochen fortsetzten. Morgens begann nicht alles wieder bei null. Ein Teil der Belastung des Vortages ging mit in den nächsten.

Auch bei der Orientierung merkte ich meine Einschränkungen jeden Tag. Namen von Dörfern, kleinen Städten oder Bergpässen kann ich mir kaum merken. Ich schaute auf die App, sah, dass es beispielsweise noch fünf Kilometer bis zum nächsten Dorf waren, steckte das Handy wieder ein – und manchmal wusste ich schon eine Minute später nicht mehr, wie dieses Dorf hieß oder wie weit es noch war. Dann musste ich erneut nachsehen. Das kenne ich schon seit meinem ersten Camino Francés und es ist heute kaum anders. Deshalb habe ich unterwegs irgendwann aufgehört, mir all die Namen der Dörfer und Cols bewusst merken zu wollen. Ich folgte meiner Route und ging weiter. Einige größere Orte wie Carcassonne bleiben mir im Gedächtnis, viele kleine Orte und Pässe dagegen verschwinden fast sofort wieder.

Hexatrek, Orientierung

Vielleicht wirkt ein solcher Reisebericht deshalb manchmal ungewöhnlich, weil mir viele Ortsnamen fehlen, obwohl ich dort selbst gegangen bin. Die Landschaft, die Anstrengung, einzelne Begegnungen oder bestimmte Situationen bleiben dagegen sehr lebendig in Erinnerung. Namen oft nicht. Auch das gehört zu meinem heutigen Leben dazu.

Im Rückblick habe ich das Gefühl, dass mich die Pyrenäen sehr nahe an die Grenze dessen brachten, was mein Körper und mein Nervensystem noch ausgleichen konnten. Entscheidend war für mich nicht ein einzelner extremer Tag. Es waren die technisch schwierigen Wege, die fehlende Bewegungsautomatik, die Muskelschwäche und die vielen Höhenmeter, die sich über Tage und Wochen summierten. Gerade im Vergleich mit meinem ersten Teil des HexaTreks wurde mir das im Nachhinein klar. Von Wissembourg bis Carcassonne war vieles ebenfalls schwer. Die Pyrenäen waren für mich trotzdem etwas anderes. Sie waren nicht einfach nur anstrengender, sondern komplexer in der Art, wie sie mich gefordert haben.

Hexatrek, mit Handicap.
Hexatrek, mit Handicap

Körperlich schwer – innerlich oft ruhiger

Gleichzeitig gab es einen scheinbaren Widerspruch. Körperlich und neurologisch war dieser Weg enorm fordernd, aber die Umgebung selbst machte es meinem Nervensystem in anderer Hinsicht leichter. Wenig Verkehr, wenige Menschen, kaum wechselnde Reize und meist eine eindeutige Aufgabe: gehen, essen, Wasser finden, schlafen und am nächsten Tag weiter. Diese Reduktion tat mir gut.

Deshalb konnte etwas für meinen Körper extrem schwer sein und sich innerlich trotzdem oft ruhiger anfühlen als ein ganz gewöhnlicher Tag in einer Stadt.

Was mein Gehirn unterwegs anders verarbeitet

Auch bei der Orientierung merkte ich meine Einschränkungen jeden Tag. Namen von Dörfern, kleinen Städten oder Bergpässen kann ich mir kaum merken. Ich schaute auf die App, sah, dass es beispielsweise noch fünf Kilometer bis zum nächsten Dorf waren, steckte das Handy wieder ein – und manchmal wusste ich schon eine Minute später nicht mehr, wie dieses Dorf hieß oder wie weit es noch war. Dann musste ich erneut nachsehen. Das kenne ich schon seit meinem ersten Camino Francés und es ist heute kaum anders. Deshalb habe ich unterwegs irgendwann aufgehört, mir all die Namen der Dörfer und Cols bewusst merken zu wollen. Ich folgte meiner Route und ging weiter. Einige größere Orte wie Carcassonne bleiben mir im Gedächtnis, viele kleine Orte und Pässe dagegen verschwinden fast sofort wieder.

Vielleicht wirkt ein solcher Reisebericht deshalb manchmal ungewöhnlich, weil mir viele Ortsnamen fehlen, obwohl ich dort selbst gegangen bin. Die Landschaft, die Anstrengung, einzelne Begegnungen oder bestimmte Situationen bleiben dagegen sehr lebendig in Erinnerung. Namen oft nicht. Auch das gehört zu meinem heutigen Leben dazu.

Im Rückblick habe ich das Gefühl, dass mich die Pyrenäen sehr nahe an die Grenze dessen brachten, was mein Körper und mein Nervensystem noch ausgleichen konnten. Entscheidend war für mich nicht ein einzelner extremer Tag. Es waren die technisch schwierigen Wege, die fehlende Bewegungsautomatik, die Muskelschwäche und die vielen Höhenmeter, über die Tage. Gerade im Vergleich mit meinem ersten Teil des HexaTreks wurde mir das im Nachhinein klar. Von Wissembourg bis Carcassonne war vieles ebenfalls schwer. Die Pyrenäen waren für mich trotzdem etwas anderes. Sie waren nicht einfach nur anstrengender, sondern komplexer in der Art, wie sie mich gefordert haben.

Körperlich schwer – innerlich oft ruhiger

Gleichzeitig gab es einen scheinbaren Widerspruch. Körperlich und neurologisch war dieser Weg enorm fordernd, aber die Umgebung selbst machte es meinem Nervensystem in anderer Hinsicht leichter. Wenig Verkehr, wenige Menschen, kaum wechselnde Reize und meist eine eindeutige Aufgabe: gehen, essen, Wasser finden, schlafen und am nächsten Tag weiter.

Diese Reduktion tat mir gut. Deshalb konnte etwas für meinen Körper extrem schwer sein und sich innerlich trotzdem oft ruhiger anfühlen als ein ganz gewöhnlicher Tag in einer Stadt.

Was vom HexaTrek bleibt

Die mehr als 3.000 Kilometer des HexaTreks bin ich nicht in einem Stück gegangen. Die ersten rund 2.000 Kilometer von Wissembourg bis Carcassonne absolvierte ich 2024. Zwei Jahre später kehrte ich für die letzten rund 1.000 Kilometer durch die Pyrenäen zurück. Insgesamt war ich 92 Tage auf dem HexaTrek unterwegs.

Viel wichtiger als diese Zahlen ist für mich heute aber etwas anderes: Ich habe meinen Körper und mein Nervensystem wieder ein Stück besser verstanden. Die Pyrenäen haben mir sehr klar gezeigt, wo meine Grenzen liegen – aber auch, unter welchen Bedingungen ich trotz meiner neurologischen Einschränkungen erstaunlich gut funktionieren kann.

Dabei geht es nicht einfach darum, dass mir Ruhe, Natur oder ein eigener Rhythmus guttun. Das gilt wahrscheinlich für viele Menschen. Bei mir geht es um etwas Grundsätzlicheres. Seit meinem Hirnabszess funktionieren Bewegung, Wahrnehmung und Verarbeitung anders als früher. Ich muss jeden Schritt bewusst steuern, kann Reize nur begrenzt verarbeiten und kann deshalb auch keinem normalen Berufsalltag mehr nachgehen. Wenig äußere Reize, Zeit für meine Bewegungen und ein selbst bestimmter Rhythmus sind für mich keine angenehmen Extras, sondern Voraussetzungen dafür, möglichst stabil zu funktionieren.

Gleichzeitig darf ich nicht unterschätzen, wie stark sich körperliche und neurologische Belastung über viele Tage hinweg aufsummiert. Genau das haben mir die Pyrenäen noch einmal sehr klar vor Augen geführt. Nicht alles, was ich bewältigen kann, ist deshalb automatisch leicht für meinen Körper. Und nicht alles, was körperlich extrem schwer ist, fühlt sich für mich innerlich belastend an.

Was nehme ich mit nach Hause?

Die eigentliche Aufgabe beginnt für mich aber nach der Rückkehr. Wie kann ich das, was ich unterwegs über mich gelernt habe, in meinen Alltag zu Hause mitnehmen? Welche Bedingungen tun mir gut? Wo beginnt Überforderung? Welche Form von Bewegung hilft mir? Wie viel Reiz kann ich verarbeiten, bevor es zu viel wird? Und wie kann ich meinen Alltag so gestalten, dass ich nicht ständig gegen meine eigenen Grenzen arbeite?

Mit jeder Reise, mit jedem langen Weg und oft schon mit jeder Fahrt lerne ich etwas Neues über mich. Vielleicht ist genau das einer der größten Unterschiede zu meinem früheren Leben: Ich kann nicht einfach davon ausgehen, dass mein Körper und mein Nervensystem so funktionieren wie früher oder wie bei den meisten anderen Menschen. Ich muss immer wieder neu verstehen lernen, wie sie heute funktionieren.

Hexatrek

Dieses Verstehen ist kein abgeschlossener Prozess. Es gibt keinen Punkt, an dem ich sagen kann: Jetzt weiß ich, wie alles funktioniert. Neue Situationen bringen neue Reaktionen hervor, Bedingungen verändern sich, und manchmal merke ich erst im Nachhinein, was mir geholfen oder was mich überfordert hat. Vielleicht ist genau das mein eigentliches Lernen der vergangenen zehn Jahre: nicht alles wiederherzustellen, was einmal selbstverständlich war, sondern immer besser zu verstehen, wie ich heute funktioniere.

Der HexaTrek war zu Ende. Mein Lernen darüber, wie ich mit meinem Körper und meinem Nervensystem leben kann, geht weiter.


Hier geht es zu den anderen HexaTrek-Berichten:

  1. HexaTrek Stage 1 Vogesen
  2. HexaTrek Stage 2 Nord-Alpen
  3. HexaTrek Stage 3 Süd-Alpen
  4. HexaTrek Stage 4 Ardeche, Cevennen
  5. HexaTrek Stage 5 Ost-Pyrenäen
  6. HexaTrek Stage 6 West-Pyrenäen
  7. Meine Ausrüstung am HexaTrek

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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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