24. Was mich das Hirnabszess über Entschleunigung lehrte

29. September 2017
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5 Minuten Lesezeit

"Wer die Zukunft nicht mehr absichern kann, wird gleichsam gezwungen, im Augenblick zu leben."

Entschleunigung ja, aber ich hab ja keine Zeit dafür. Das war meine Einstellung vor der Krankheit. Gerade in den letzten Monaten ist der Ruf nach Entschleunigung bei mir immer lauter geworden und das Thema war auch in den Medien immer stärker präsent.

"Mit Entschleunigung wird ein Verhalten beschrieben, aktiv der beruflichen und privaten „Beschleunigung” des Lebens entgegenzusteuern, d.h. wieder langsamer zu werden oder sogar zur Langsamkeit zurückzukehren."

Ich dachte natürlich darüber nach, fand aber keinen Weg für mich, ihn auch umzusetzen. Ich war getrieben vom System und meinem Anspruch, alles perfekt zu erledigen zu wollen.

Immer mehr Druck in der Arbeitswelt

Der Druck in der Arbeitswelt nahm die letzten 10 Jahre rapide zu. Das geschah unter anderem auch dadurch, dass immer weniger Leute mehr leisten müssen. Als Videojournalist und in der Videoproduktion tätig, kam auch ich immer öfter an meine Grenzen.

Ich hetzte durch den Arbeitstag und nahm mir nicht mehr die Zeit, Feierabend zu machen. Es gab schlichtweg keinen Feierabend mehr. Ich stellte mir auch nicht die Frage - Wofür? Ich hatte einfach keine Zeit dafür. Dachte ich!

Rationalisierung

Altstadtkriterium Graz, mit Jean Kelly

Die Rationalisierungswellen in der Arbeitswelt erlebte ich schon vor über 20 Jahren bei der Post mit. Als Landbriefträger war der Plausch mit älteren Menschen, für die der Briefträger oft die einzige Ansprechperson war, gang und gebe. Der (Zeit-)Druck wurde aber immer größer und man hatte kaum noch Raum für Gespräche.

Es war mit ein Grund, warum ich die Post nach 14 Jahren verließ. Ich ging in den Sport und bekam damals viel zurück. Den Schritt vom Beamten in eine ungewisse Zukunft als Sportler, habe ich nie bereut.

Heute sind wir soweit, dass in der Arbeitswelt die Zeiten für Innehalten, Besinnung und Regeneration kaum existieren oder abgeschafft wurden. Yoga und Angebote für Auszeiten stehen daher besonders hoch im Kurs, um den Druck in der Arbeit und des täglichen Lebens auszuhalten.

Im HIER & JETZT leben

Hier & Jetzt

Ganz entspannt im Hier und Jetzt zu leben, ist vielen nicht mehr möglich. Gerade das Hier und Jetzt wurde bei mir ein Thema. Es war mir bewusst, aber......! Ja, dieses ABER. Dieses Wort zeigt uns die Verhinderer auf, denen wir die Macht überlassen. Es sind einzig allein Ausreden, warum etwas nicht geht.

Total verspannt, bewegt man sich mich nur mehr im WENN und ABER. Wer aber nicht mehr inne hält, wird haltlos. Nicht nur in der Arbeit, auch in der Partnerschaft. Der Sinn fehlt und macht alles nur schwer erträglich. Da sind schon kleine Herausforderungen und Anforderungen schnell zu viel. Was es aber gilt zu Erkennen: Es sind nicht die hohen Anforderungen, das Arbeitstempo oder die Zeitdauer schuld, sondern es ist der Mangel an Sinn.

Ich erkannte zwar das Problem, aber das was ich tat, war für den Körper maximal Schadensbegrenzung. Und nicht einmal das, denn das Hirnabszess zeigte mir sehr machtvoll auf, dass Zuviel, eben Zuviel ist. Eindrucksvoll zeigte es mir auf, wo meine Grenze lag.

Die Krankheit zwang mich in den Augenblick. Es gab nichts anderes mehr, als das HIER und JETZT.

Aber hätte ich es verhindern können?

Naja, die fehlenden Entschleunigung war nicht das einzige Problem, aber sie hatte einen wesentlichen Anteil daran. Es müssen schon mehrere Sachen zusammen fallen, damit ein Abszess entstehen kann. Die Entschleunigung war nur ein Teil davon.

Die letzten Jahre produzierte ich, neben Puls4, auch für einen kleinen Privatsender in der Steiermark die Sendung. Zuletzt aber nicht nur die Beiträge, nein, ich ließ mich dazu überreden, aufgrund Personalmangels, die Sendungszusammenstellung zu machen.

Das war fatal. Es artete für mich in Stress aus. Ich kam selten vor 2Uhr Nachts ins Bett und war um 6 Uhr wieder auf. Den Moment wo es kippte, habe ich übersehen. In meinem Pflichtbewusstsein tat ich weiter, weiter und weiter.

Für Entschleunigung hatte ich keine Zeit, oder besser gesagt, ich nahm sie mir nicht. Mein Pflichtbewusstsein war größer. Damit nahm das Unheil seinen Anfang  und ich tat nichts dagegen.

Auf was kann ich also schauen, damit ich nicht vom Weg abkomme?

Zunächst einfach einmal alles langsamer angehen. Sich Zeit lassen und keine Hektik aufkommen lassen. Ich selbst lebe noch immer im Hier und Jetzt. Meine Bewegungen, meine Reflexe und mein Denken ist von der Langsamkeit geprägt. Eine Auswirkung der Krankheit, dem Hirnabszess. Das Gehirn ließ auf einmal nichts anderes mehr zu. Ich befasse mich nur mit der Sache, die ich im Augenblick mache. Alles andere hat für mich Konsequenzen.

Wir müssen erst wieder lernen, die Langsamkeit aushalten. Zum Beispiel, einmal bewusst Gehen, statt zu Laufen. Mein Ziel ist zwar wieder zu Laufen, aber ich habe die Vorteile des Gehens wieder gefunden. 

...oder des Kaffeemahlens

Wir mahlen zu Hause schon seit mehreren Jahren mit einer, von Hand betriebenen, alten Kaffeemühle. Im ersten Augenblick klingt das nach mehr Mühe. Aber dem ist nicht so. Es ist ein Ritual daraus geworden und zwingt oder ermahnt einen zur Langsamkeit. Kaffee trinken bekommt eine neue Qualität, eine Qualität der Auszeit.

Entschleunigung Kaffe mahlen

Auch der Sport sollte öfter mehr bewusst gemacht werden. Pulsgurt, Schrittzähler und Smart-Phone, mit den diversen Apps, lassen uns hektisch alles aufzeichnen. Wir sind mehr darum bemüht alle Daten zu bekommen, als das wir die Natur und uns selbst wahrnehmen.

Die Natur, der beste Heiler

Wald und Wiese

Nicht nur der Körper, auch das menschliche Gehirn kann mit diesem Tempo auf Dauer nicht Schritt halten. Schon kurze Aufenthalte im Grünen lindern Stress und Depressionen, stärken das Selbstwertgefühl und hellen die Stimmung nachhaltig auf. Eine kostenlose Behandlung ohne Medikamente und langwierige Sitzungen.

Dazu ist die Natur wertfrei. In der Stadt urteilen wir nur allzu schnell in schön, hässlich, nützlich, unnütz, gut und schlecht. In der Natur gibt es das in der Regel nicht. Denn sie ist, was sie ist. Und man ist selbst Teil davon.

Meine Punkte, die mir bei der Entschleunigung helfen

  1. Öfter auch einmal "nein" sage
  2. Digital Detox, mit Computer und Handy sorgsam umgehen
  3. Im Hier&Jetzt leben
  4. Auszeiten nehmen um leichter runter zu kommen
  5. In die Natur gehen, entspannt und heil werden
  6. Zeitfresser eliminieren, was hält mich vom wesentlichen ab

Diese Punkte helfen mir, das Leben besser zu leben. Und es ist besser, nur einen einzigen Punkt umzusetzen, als gar keinen. Die Abwärtsspirale gehört unterbrochen.

Folgende Fragen können helfen

Für mich sind es mittlerweile wesentliche Bestandteile meines Lebens, auf die ich draufkommen soll.

  • Was interessiert mich wirklich?
  • Wo will ich wirklich dabei sein?
  • Als wer will ich gelten?
  • Halte ich es mit mir selbst aus?

Hier noch der Verweis auf einen Artikel, der die Beschleunigung und Langsamkeit der Zeit zum Thema hat. Eine sehr interessante Betrachtungsweise von Karlheinz Geißler, Soziologe   "Zwischenmenschlichkeit braucht Langsamkeit"  

Was sind denn Eure eigenen Verhinderer, die euch aufhalten? Mit den Worten, die nach  "....,aber..." fallen, kann sich jeder diese Frage stellen und vielleicht gute Antworten bekommen.

"Langsamkeit macht angst, Schnelligkeit auch!"

Also wünsche ich Euch, dass ihr den Mittelweg findet.

Alles Gute und bis bald!

Jörg


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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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