Ich möchte einfach nur gehen

23. Oktober 2026
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8 Minuten Lesezeit

Seit meiner Rückkehr vom HexaTrek habe und nehme ich mir wieder ungewöhnlich viel Zeit zum Nachdenken und Schreiben. Es ist mittlerweile mein dritter Blogartikel innerhalb weniger Wochen, und so viel habe ich schon lange nicht mehr geschrieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich derzeit körperlich etwas kürzertreten muss und dadurch mehr Zeit zum Lesen und Nachdenken finde.

Gerade lese ich das Buch Vom Wandern von Henry David Thoreau. Schon auf den ersten Seiten bin ich auf eine Aussage gestoßen, die mich besonders angesprochen hat.

„wenn ich nicht wenigstens vier Stunden am Tag [...] durch die Wälder und über die Hügel und Felder streife“

— Henry David Thoreau, Vom Wandern, Kampa Verlag, S. 11, übersetzt von Heiner Feldhoff (gekürztes Zitat)

H.D.Thoreau - VOM WANDERN

Thoreau war davon überzeugt, seine Gesundheit und seine Lebensgeister nicht erhalten zu können, wenn er nicht täglich wenigstens vier Stunden oder länger, durch die Natur streifte, vollkommen frei von allen weltlichen Verpflichtungen.

Diese Worte stammen aus seinem Essay über das Gehen, der bereits 1862 veröffentlicht wurde. Ich habe den Absatz mehrmals gelesen, weil ich mich darin auf eine ganz persönliche Weise wiederfinde. Auch für mich gehören Gehen und Gesundheit untrennbar zusammen, das ich brauche, um mich körperlich und geistig wohlzufühlen. Allerdings hat es durch meine eigene Geschichte eine zusätzliche Bedeutung bekommen, die sich von außen nicht immer erkennen lässt.

Ich suche keine schwierigen Wege

Als ich zu den letzten tausend Kilometern des HexaTrek in die Pyrenäen aufgebrochen bin, hatte ich eigentlich recht einfache Vorstellungen von den kommenden Wochen. Ich kannte die Pyrenäen vom Camino als Landschaft mit weiten, langgezogenen Wiesenbergen und freute mich darauf, wieder einige Wochen durch die Natur zu gehen, neue Landschaften kennenzulernen und meinen eigenen Rhythmus zu finden.

Dass mich dort extrem steile Anstiege, schwierige Abstiege und teilweise sehr anspruchsvolles Gelände erwarten würde, hatte ich nicht gewusst. Rückblickend war es wahrscheinlich einer der schwierigsten Wege, die ich bisher gegangen bin. Aber diese Schwierigkeiten habe ich nicht gesucht. Ich wollte weder eine Steigerung meiner bisherigen Wanderungen noch herausfinden, wie weit ich meine Grenzen verschieben könnte. Ich wollte einfach wieder unterwegs sein.

Und daran hat sich auch während dieser fünf Wochen nichts geändert. Ich bin steile Berge hinaufgestiegen, manchmal sehr langsam, habe Pausen gemacht und bin weitergegangen. Natürlich gab es anstrengende Tage und Situationen, die viel Konzentration erforderten. Aber ich war nicht dort, um einen schweren Weg zu bezwingen. Ich war dort, weil ich gerne gehe.

Gehen und Gesundheit in den Phyrenäen.
Am HexaTrek, durch die Pyrenäen

Ob Meseta oder Pyrenäen - Gehen und Gesundheit

Ob ich auf der flachen Meseta des Camino Francés unterwegs bin, durch die Wälder rund um mein Zuhause gehe oder einen steilen Berg in den Pyrenäen hinaufsteige, macht für mich im Grunde keinen großen Unterschied. Natürlich verändert sich die Anstrengung und damit auch meine Geschwindigkeit. Aber meine grundsätzliche Art, unterwegs zu sein, bleibt dieselbe. Ich gehe in meinem eigenen Tempo, passe mich dem Gelände und meinen Möglichkeiten an und versuche, auf meinen Körper zu hören.

Dabei geht es mir nicht darum, möglichst viele Kilometer zurückzulegen oder am Abend eine bestimmte Leistung erbracht zu haben. Natürlich habe ich Ziele, möchte Orte erreichen und Wege kennenlernen. Aber die eigentliche Freude liegt für mich im Gehen selbst. Im Rhythmus der Schritte, in der Landschaft, die sich langsam verändert, und in der Möglichkeit, meinen Tag weitgehend selbst zu gestalten. Und aufgrund der Regulatorien für ein Biwak, hatte ich täglich Zeit, um 10 bis 12 Stungen zu gehen.

Von außen werden meine Wanderungen oft als außergewöhnliche Leistungen wahrgenommen. Menschen sehen die Kilometer, die Höhenmeter und die langen Tage. Ich verstehe diese Sichtweise, aber sie entspricht nicht meiner eigenen Wahrnehmung. Ich suche keine immer schwierigeren Wege und möchte nicht ständig neue Grenzen überwinden. Was für andere wie eine besondere sportliche Herausforderung aussieht, ist für mich vor allem eine Möglichkeit, meinem Bedürfnis nach Bewegung und Natur nachzukommen.

Auf der Meseta Gehen und Gesundheit finden.
Die Meseta

Wenn jeder Schritt Aufmerksamkeit braucht

Nach meinem Hirnabszess im Jahr 2016 musste ich viele grundlegende Fähigkeiten wiedererlernen, darunter auch das Gehen. Bis heute lebe ich mit neurologischen Einschränkungen, die man mir nicht immer ansieht. Was bei anderen Menschen weitgehend automatisch funktioniert, erfordert bei mir weiterhin viel Aufmerksamkeit, Konzentration und Übung.

Auch auf meinen langen Wanderungen kann ich die Kontrolle über meine Bewegungen nicht einfach dem Körper überlassen. Mein Gehirn ist bei jedem Schritt gefordert, und ich muss immer wieder bewusst darauf achten, wie ich mich bewege. Selbst wenn ich über Stunden meinen Rhythmus gefunden habe, bedeutet das nicht, dass meine Einschränkungen verschwunden sind.

Ein erheblicher Teil meiner täglichen Bewegung ist deshalb bis heute auch Rehabilitation. Ich gehe beispielsweise regelmäßig in einen kleinen Balancepark in Judendorf, wo ich auf Baumstämmen balanciere und unterschiedliche Bewegungen übe. Auch das besonders langsame Gehen gehört dazu. Dabei kann ich einzelne Bewegungsabläufe besser wahrnehmen und bewusster kontrollieren. Bei etwas höherem Tempo fällt mir das Gleichgewicht oft leichter, aber gerade beim sehr langsamen Gehen spüre ich genauer, wie mein Körper arbeitet und verschiedene kleinste Muskelgruppen aktiviert.

In den ersten Jahren nach meinem Hirnabszess ging es darum, verlorene Fähigkeiten zurückzugewinnen. Heute möchte ich vor allem erhalten, was ich mir über viele Jahre erarbeitet habe. Denn meine Selbstständigkeit ist nicht selbstverständlich, und ich weiß, wie viel Zeit und Energie notwendig ist, um sie zu bewahren.

Trotzdem möchte ich nicht, dass jede Bewegung ausschließlich einem therapeutischen Ziel dienen muss. Ich möchte auch einfach unterwegs sein, eine Landschaft genießen und mich an der Bewegung erfreuen, ohne ständig daran zu denken, was ich noch üben oder verbessern sollte.

Vielleicht ist das einer meiner größten Wünsche: das Gehen zwischendurch einfach Gehen sein lassen zu können.

Manchmal reichen schon wenige Schritte

Erst vor Kurzem wurde mir das bei einem Spaziergang mit meiner Mutter wieder bewusst. Sie geht mit einem Rollator und ist es gewohnt, möglichst zügig die nächste Sitzgelegenheit zu erreichen. Diesmal versuchten wir, die Strecke gemeinsam wesentlich langsamer zurückzulegen, mit mehr Aufmerksamkeit für die einzelnen Schritte und ohne uns vom nächsten Ziel antreiben zu lassen.

Dabei spürte ich selbst unmittelbar, wie gut mir dieses besonders langsame Gehen tat. Ich konnte meine Bewegungen besser wahrnehmen und kontrollieren. Es erinnerte mich daran, dass ich diese Art des Gehens zwar bereits regelmäßig praktiziere, ihr aber auch in meinem Alltag noch mehr Raum geben möchte.

Ähnliche Erfahrungen mache ich manchmal in Graz. Wenn ich über eine belebte Straße oder den Hauptplatz gehe, merke ich, wie mich die vielen Eindrücke zunehmend beanspruchen. Mein Körper spannt sich an, mein Gehen wird unsicherer und ich brauche mehr Aufmerksamkeit für meine Bewegungen. Reduziere ich dann mein Tempo ganz bewusst und deutlich, kann mir das helfen, wieder mehr Ruhe und Kontrolle zu finden.

Dabei wird mir immer wieder bewusst, dass es nicht nur darauf ankommt, wie viel ich gehe, sondern auch darauf, unter welchen Bedingungen ich mich bewege.

Und manchmal sind es gerade solche kleinen Erfahrungen, die mir etwas zeigen, das ich auf meinen langen Wegen leicht übersehe. Nicht jeder Schritt muss mich möglichst schnell an ein Ziel bringen. Manchmal lohnt es sich, der Bewegung selbst wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Gehen und Gesundheit auch zuhause in der Natur finden
Die Landschaft um Graz

Die Freiheit, den eigenen Rhythmus zu leben

Während meiner fünf Wochen in den Pyrenäen habe ich mich ausgesprochen wohlgefühlt. Nicht, weil die Wege leicht gewesen wären, sondern weil ich über längere Zeit in einem Rhythmus leben konnte, der meinen Bedürfnissen entspricht. Aufstehen, zusammenpacken, gehen, essen und schlafen. Dazwischen die Natur, die Ruhe, gelegentliche Begegnungen und die Möglichkeit, weitgehend selbst darüber zu entscheiden, wann ich weitergehe oder eine Pause brauche.

Natürlich musste ich auch dort auf meine Bewegungen achten und meine körperlichen Möglichkeiten berücksichtigen. Aber die Bedingungen waren anders als zu Hause. Ich mußte mich wesentlich seltener Situationen aussetzen, in denen viele äußere Reize und Anforderungen gleichzeitig auf mich einwirkten. Dadurch konnte ich mich stärker auf meinen eigenen Rhythmus konzentrieren und das Unterwegssein genießen.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Verbindungen zu Thoreaus Gedanken. Er schreibt nicht nur über die körperliche Bewegung, sondern auch über die Freiheit von den Verpflichtungen des Alltags. Für mich bedeutet diese Freiheit vor allem, nicht ständig auf äußere Anforderungen reagieren zu müssen, sondern mich nach meinen eigenen Bedürfnissen bewegen zu können.

Zu Hause gelingt mir das wesentlich seltener. Termine, Erledigungen, finanzielle Überlegungen und Erwartungen anderer Menschen bestimmen einen größeren Teil meines Tages. Dazu kommen viele kleine Situationen, in denen mein Körper mit Anspannung reagiert. Nach meinen längeren Wanderungen fühle ich mich meist sicherer und beweglicher, doch über die folgenden Wochen zu Hause merke ich oft, wie ich wieder etwas von dieser Stabilität verliere.

Deshalb zieht es mich ungefähr alle drei Monate erneut für einige Wochen hinaus. Nicht, weil ich einen besonders großen oder schwierigen Weg brauche, sondern weil mir diese Zeit hilft, wieder zu einem körperlichen Zustand zurückzufinden, in dem ich besser mit meinem Alltag zurechtkomme.

Was man von außen nicht sieht

Manchmal höre ich, dass ich es leicht hätte, weil ich schließlich die Zeit habe, wochenlang unterwegs zu sein. Andere müssten arbeiten und könnten sich das nicht erlauben.

Ich verstehe, warum dieser Eindruck entstehen kann. Von außen sieht man meine Wanderungen und die Freiheit, die ich heute habe. Was man nicht sieht, sind die fünf Monate im Krankenhaus, die Jahre der Rehabilitation und die tägliche Arbeit daran, meine körperlichen Fähigkeiten zu erhalten. Das wird gerne Übersehen.

Ich habe darauf schon einmal geantwortet, dass jemand, der mein heutiges Leben haben möchte, auch meine Erkrankung und alles, was danach gekommen ist, mitnehmen müsste. Denn meine heutigen Möglichkeiten lassen sich nicht von meiner Geschichte trennen.

Meine Behinderung ist nicht verschwunden, nur weil ich lange Wanderungen unternehmen kann. Ich habe gelernt, mit ihr zu leben und mir Möglichkeiten zu schaffen, die mir ein möglichst selbstständiges Leben erlauben. Und ein großer Teil meiner Zeit und Energie wird weiterhin dafür gebraucht, diese Möglichkeiten zu erhalten.

Gerade deshalb bedeuten mir jene Momente so viel, in denen ich nicht ausschließlich an meine Einschränkungen denken muss, sondern mich einfach am Unterwegssein erfreuen kann.

Was von Thoreaus Gedanken bleibt

Mehr als 160 Jahre sind vergangen, seit Thoreau seine Gedanken über das Gehen niedergeschrieben hat. Seine Überzeugung, täglich mehrere Stunden in der Natur gehen zu müssen, um Gesundheit und Lebensgeister zu erhalten, hat für mich durch meine eigene Geschichte eine besondere Bedeutung bekommen.

Ich weiß, wie sehr mir die Bewegung hilft, meine Fähigkeiten und meine Selbstständigkeit zu erhalten. Gleichzeitig ist das Gehen für mich aber auch Freude, Naturerlebnis und Freiheit. Diese unterschiedlichen Bedeutungen lassen sich nicht immer voneinander trennen, und vielleicht müssen sie das auch gar nicht.

Natürlich hat nicht jeder Mensch die Möglichkeit, täglich vier Stunden durch die Natur zu gehen oder wochenlang auf einem Fernwanderweg unterwegs zu sein. Beruf, Familie und andere Verpflichtungen setzen Grenzen. Aber vielleicht geht es bei Thoreau auch gar nicht nur um die Dauer der Bewegung, sondern darum, welchen Platz wir unserer Gesundheit im Leben einräumen.

Vielleicht genügt es manchmal, eine halbe Stunde durch einen Wald zu gehen, bewusst langsamer zu werden oder sich Zeit zu nehmen, ohne ständig das nächste Ziel vor Augen zu haben. Nicht erst dann, wenn wir erschöpft sind, sondern weil uns Bewegung, Natur und Ruhe guttun.

Gehen und Gesundheit, Go for Go

Eine Frage beschäftigt mich

Für mich bleibt dabei eine Frage offen, mit der ich mich seit meiner Rückkehr vom HexaTrek immer wieder beschäftige: Wie kann ich mehr von dem, was mir unterwegs so guttut, auch in meinen Alltag zu Hause mitnehmen? Wie kann ich meine körperliche Stabilität erhalten, ohne dafür immer wieder mehrere Wochen wegfahren zu müssen?

Eine endgültige Antwort habe ich darauf noch nicht gefunden. Aber vielleicht liegt ein Teil davon tatsächlich in Thoreaus Gedanken, sich regelmäßig Zeit für das Gehen zu nehmen und dabei die Verpflichtungen des Alltags für eine Weile zurückzulassen.

Ich werde auch weiterhin üben, meine Bewegungen kontrollieren und an meinen Fähigkeiten arbeiten müssen. Das gehört und bleibt in meinem Leben. Aber ich möchte dabei die Freude an der Bewegung nicht verlieren und mir auch jene Momente erlauben, in denen ich nicht ständig an ein therapeutisches Ziel denke.

Ich möchte einfach nur gehen. Auch wenn mir das nicht immer gelingt.


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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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