Camino Primitivo - der Weg zurück zum eigenen Rhythmus

9. Juni 2026
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15 Minuten Lesezeit

Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Camino Primitivo – Der Weg zurück zum eigenen Rhythmus

Als ich schließlich Oviedo erreichte, den eigentlichen Startpunkt meines Camino Primitivo, war es bereits früher Abend.

Hinter mir lagen mehr als 370 Kilometer am Camino Norte. Eigentlich hätte mein Camino hier erst beginnen sollen. Zumindest laut ursprünglichem Plan. Doch mittlerweile war ich schon viele Tage unterwegs und spürte, wie gut mir das Gehen tat.

Gleichzeitig merkte ich aber auch, dass mir die Stadt nicht guttat.

Seit dem Hirnabszess fehlen mir jene Filter, mit denen andere Menschen Reize ausblenden können. Menschen, Geräusche, Bewegungen und Eindrücke prasseln oft ungefiltert auf mich ein. Mal stärker, mal schwächer.

Vielleicht treffe ich deshalb manche Entscheidungen sehr kurzfristig. Nicht weil ich sprunghaft bin, sondern weil ich oft erst im Moment spüre, was mir guttut und was nicht.

Nach vielen Tagen auf Wegen, durch Wälder und über Hügel zog es mich nicht in Straßen, Geschäfte oder Sehenswürdigkeiten. Ich wollte eigentlich nur noch meine Ruhe haben.

In der öffentlichen Herberge wartete zunächst eine kleine Geduldsprobe. Obwohl nur wenige Pilger vor mir standen, dauerte das Einchecken beinahe eine Stunde. Der Hospitalero war freundlich, aber alles lief in einem erstaunlich langsamen Tempo ab. Informationen wurden immer wieder neu erklärt, Dokumente mehrfach kontrolliert und jeder einzelne Schritt schien länger zu dauern als nötig.

Herberge in Oviedo, der Beginn des Camino Primitivo

Nach fast fünfzig Kilometern kann eine Stunde Warten erstaunlich lang werden.

Irgendwann erhielt ich mein Bett, zog mich zurück und freute mich auf den nächsten Morgen.

Denn am nächsten Tag würde der Camino Primitivo beginnen.

Jener Weg, auf den ich mich schon lange gefreut hatte.

Der erste Morgen am Camino Primitivo

Wie meistens war ich früh unterwegs.

Sehr früh.

Zum Frühstück hatte ich nicht mehr viel. Deshalb hoffte ich darauf, unterwegs eine offene Bar zu finden.

Als ich die Herberge verließ, war es noch dunkel.

Eigentlich hätte das der große Moment sein können.

Der erste Morgen am Camino Primitivo.

Doch die Realität sah etwas anders aus.

Die ersten Kilometer durch Oviedo waren überraschend anspruchsvoll. Nicht wegen der Strecke, sondern wegen der Orientierung. Ich hatte genug damit zu tun, den richtigen Weg aus der Stadt zu finden.

Dadurch blieb wenig Raum für große Gedanken.

Der Übergang vom Camino Norte zum Camino Primitivo verlief deshalb erstaunlich unspektakulär.

Frühstück

Erst kurz vor dem Stadtrand fand ich eine offene Bar. Dort gönnte ich mir ein Frühstück. Als ich wenig später Oviedo hinter mir ließ, war es bereits hell.

Eigentlich war Oviedo eine jener Städte gewesen, die ich schon lange einmal besuchen wollte.

Trotzdem hatte ich mich bewusst dagegen entschieden.

Städte überfordern mich oft.

Viele Menschen, viele Reize, viel Bewegung auf engem Raum kosten mich deutlich mehr Energie als lange Stunden allein auf einem Weg.

Während andere vielleicht einen zusätzlichen Tag geblieben wären, freute ich mich vor allem darauf, wieder draußen unterwegs zu sein.

Dort, wo es ruhiger wurde.

Dort, wo der Weg begann.

Endlich am Camino Primitivo

Das eigentliche Gefühl, am Camino Primitivo angekommen zu sein, stellte sich erst etwas später ein.

Irgendwann verließ der Weg die breiteren Abschnitte und führte auf schmale Waldpfade.

Singletrails.

Wald.

Hügel.

Natur.

Plötzlich hatte ich das Gefühl:

Ja.

Genau so hatte ich mir den Camino Primitivo vorgestellt.

Der Unterschied zum Norte wurde schnell spürbar.

Weniger Asphalt.

Mehr Wald.

Mehr Wege.

Mehr Natur.

Dazu kamen die Morgenstunden.

Oft lagen Nebelschwaden zwischen den Bäumen. Nach regnerischen Nächten hing die Feuchtigkeit noch in der Luft. Manchmal schien bereits die Sonne durch den Nebel hindurch.

Es wirkte beinahe gespenstisch.

Und gleichzeitig wunderschön.

Besonders fiel mir die Stille auf.

Am Camino Norte war oft irgendwo die Autobahn hörbar gewesen.

Hier hörte ich plötzlich Vögel.

Wind.

Und manchmal gar nichts.

Genau das hatte ich gesucht.

Die stillen Morgenstunden

Mit der Zeit stellte sich ein ganz eigener Rhythmus ein.

Fast jeder Tag begann gleich.

Ich stand früh auf.

Sehr früh.

Wenn andere noch schliefen oder gerade ihre Rucksäcke packten, war ich meist schon unterwegs.

Dabei war mir eines wichtig:

Ich wollte niemanden stören.

Wer schon einmal in einer Pilgerherberge geschlafen hat, kennt das Problem. Manche stehen lange vor Sonnenaufgang auf und beginnen dann mitten im Schlafsaal ihre Ausrüstung zu sortieren. Raschelnde Plastiksäcke, Reißverschlüsse, Stirnlampen und das unvermeidliche Kramen im Rucksack können einen ganzen Raum aufwecken.

Genau das wollte ich vermeiden.

Deshalb packte ich meinen Rucksack bereits am Abend fast vollständig.

Alles hatte seinen Platz.

Bis auf den Schlafsack und die Kleidung für den Tag war bereits alles verstaut.

Wenn ich morgens aufwachte, musste ich nur noch meinen Schlafsack zusammennehmen, den Rucksack schultern und den Schlafraum verlassen.

Das dauerte oft keine Minute.

Draußen suchte ich mir dann einen Platz in einem Aufenthaltsraum, unter einem Vordach oder irgendwo vor der Herberge.

Erst dort packte ich meinen Schlafsack ein, zog mich fertig an und bereitete mich auf den Tag vor.

Dadurch konnte ich früh losgehen, ohne andere Pilger aus dem Schlaf zu reißen.

Und gleichzeitig begann mein Tag genau so, wie ich es mochte:

Ruhig.

Ohne Hektik.

Ohne Lärm.

Oft ging ich noch eine halbe Stunde oder länger in völliger Dunkelheit.

Dadurch gehörten mir die ersten Stunden des Tages fast immer allein.

Kein Gedränge.

Keine Gespräche.

Keine Hektik.

Nur der Weg.

Die Wälder.

Die Vögel.

Und das langsame Erwachen des Tages.

Diesmal war ich nicht nach Spanien gekommen, um möglichst viele Menschen kennenzulernen.

Ich wollte etwas anderes.

Ruhe.

Nach den vergangenen Monaten hatte ich das Gefühl, genau das zu brauchen.

Weniger Reize.

Weniger Ablenkung.

Weniger Lärm.

Der Camino Primitivo schien mir genau das zu geben.

Voll und doch erstaunlich einsam

Eigentlich hatte ich erwartet, dass der Camino Primitivo deutlich ruhiger sein würde als der Norte.

Diese Hoffnung erfüllte sich nur teilweise.

Die Herbergen waren oft voll.

Manche sogar überfüllt.

Immer wieder musste ich überlegen, ob ich reservieren sollte.

Etwas, das ich bis heute nicht besonders gerne tue.

Und trotzdem erlebte ich den Camino als erstaunlich einsam.

Im Rückblick wurde mir klar:

Der Camino war gar nicht besonders einsam.

Die Herbergen waren voll.

Viele Menschen waren unterwegs.

Reservierungen wurden oft notwendig.

Und trotzdem verbrachte ich die meiste Zeit allein.

Nicht weil der Camino leer gewesen wäre.

Sondern weil mein Rhythmus ein anderer war.

Wenn andere noch schliefen, war ich bereits unterwegs.

Wenn viele ihre Tagesetappe beendet hatten, ging ich oft noch weiter.

Dadurch bewegte ich mich zeitlich irgendwie zwischen den Pilgerströmen.

Vielleicht war der Camino deshalb für mich so ruhig.

Nicht weil wenige Menschen dort waren.

Sondern weil ich zu einer anderen Zeit unterwegs war als die meisten anderen.

Der Weg zurück zum eigenen Rhythmus

Mir ist bewusst, dass viele meiner Entscheidungen für andere schwer nachvollziehbar sind.

Warum ich oft vierzig oder fünfzig Kilometer gehe.

Warum ich weitergehe, obwohl ich auch früher aufhören könnte.

Warum ich Städte wieder verlasse.

Warum ich lieber stundenlang durch einen Wald gehe, als einen Nachmittag in einer belebten Altstadt zu verbringen.

Seit meinem Hirnabszess habe ich gelernt, genauer auf mich zu hören.

Nicht auf das, was man tun sollte.

Sondern auf das, was ich brauche.

Und dabei habe ich festgestellt, dass meine Antworten oft anders ausfallen als die vieler anderer Menschen.

Der Weg gibt mir Energie.

Menschenmengen kosten mich oft Energie.

Ruhe gibt mir mehr als Unterhaltung.

Weitergehen fühlt sich oft richtiger an als Bleiben.

Vielleicht war der Camino Primitivo deshalb genau der richtige Weg zur richtigen Zeit.

In den letzten Monaten wurde mir immer klarer, dass Bewegung für mich weit mehr ist als Sport.

Es geht nicht um Leistung.

Nicht um Trainingspläne.

Nicht um Rekorde.

Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres.

Es geht darum, ein Leben zu erhalten, das ich heute noch führen kann.

Von dort komme ich her

Vielleicht fällt es vielen Menschen schwer nachzuvollziehen, warum mir das Gehen so wichtig geworden ist.

Die Antwort liegt wahrscheinlich dort, wo alles begann.

Nach meinem Hirnabszess lag ich gelähmt im Bett.

Meine Arme konnte ich ein wenig bewegen.

Das war alles.

Für vieles andere brauchte ich Hilfe.

Pfleger und Krankenschwestern mussten mich auf die Seite drehen.

Mussten mir helfen, mich zum Essen aufzurichten.

Mussten Dinge für mich übernehmen, die für die meisten Menschen selbstverständlich sind.

Damals ging es nicht darum, fünfzig Kilometer am Tag zu gehen.

Es ging darum, überhaupt wieder gehen zu können.

Zunächst ein paar Schritte.

Nach 5 Monaten allein aufs WC zu kommen.

Ein Stück Eigenständigkeit zurückzugewinnen.

Von dort komme ich her.

Vielleicht vergesse ich deshalb nie, wie schmal der Grat eigentlich ist.

Viele Menschen erleben ihr heutiges Leben als selbstverständlich.

Ich kann das nicht.

Ich habe erlebt, wie schnell sich alles verändern kann.

Wie schnell Fähigkeiten verloren gehen können.

Wie schnell aus Selbstständigkeit Abhängigkeit werden kann.

Deshalb gehe ich nicht, um jemandem etwas zu beweisen.

Ich gehe nicht, um Rekorde aufzustellen.

Und ich gehe auch nicht, weil mich irgendwelche Kilometerzahlen besonders interessieren.

Ich gehe, weil ich heute noch gehen kann.

Und weil ich weiß, dass niemand garantieren kann, dass das für immer so bleiben wird.

Der Pflegefall fühlt sich für mich oft nicht weit entfernt an.

Vielleicht näher, als viele Menschen es sich vorstellen können.

Nicht aus Angst.

Sondern aus Erfahrung.

Genau deshalb bedeutet mir jeder Tag, an dem ich unterwegs sein kann, so viel.

Jeder Tag, an dem ich durch einen Wald gehen kann.

Jeder Tag, an dem ich einen Berg hinaufsteigen kann.

Jeder Tag, an dem ich abends müde in einer Herberge ankomme.

Unterwegs spüre ich das besonders deutlich.

Da gehe ich.

Jeden Tag.

Viele Stunden.

Und mit jedem Tag entsteht etwas, das mir im Alltag oft verloren geht.

Ein Rhythmus.

Ein Gleichgewicht.

Ein Gefühl von Stabilität.

Vielleicht gehe ich deshalb so viel.

Nicht um irgendwo anzukommen.

Sondern weil ich dieses Leben, das ich heute führen kann, so lange wie möglich bewahren möchte.

Weil ich weiß, dass nichts davon selbstverständlich ist.

Und weil jeder einzelne Schritt für mich noch immer ein kleines Wunder ist.

Gehen am Camino Primitivo

Was man nicht sieht

Viele Menschen lesen von meinen langen Etappen.

Von vierzig, fünfzig oder mehr Kilometern am Tag.

Und vermutlich entsteht dabei ein bestimmtes Bild.

Dass ich wieder gesund sein muss.

Dass die Geschichte mit dem Hirnabszess zwar schlimm war, aber letztlich überwunden ist.

Dass alles wieder funktioniert.

Doch so einfach ist es nicht.

Meine Behinderungen sieht man nicht.

Man sieht keinen Rollstuhl.

Keine Krücken.

Keinen Gips.

Kein offensichtliches Zeichen.

Man sieht jemanden, der geht.

Und vielleicht sogar jemanden, der sehr weit geht.

Was man nicht sieht, ist alles andere.

Man sieht nicht, wie viel Energie mich manche Situationen kosten.

Man sieht nicht, warum mich Städte oft überfordern.

Man sieht nicht, warum ich Menschenmengen vermeide.

Man sieht nicht, warum ich morgens lieber allein durch einen Wald gehe als durch eine belebte Altstadt.

Man sieht nicht, warum ich nach einer Stunde in einer Menschenmenge oft erschöpfter bin als nach vielen Kilometern auf einem Bergweg.

Und man sieht auch nicht, wie viel Konzentration in manchen Dingen steckt, die für andere selbstverständlich sind.

Vielleicht gehe ich deshalb so viel.

Nicht weil ich gesund bin, sondern weil ich es nicht bin.

Das Gehen ist für mich kein Beweis dafür, dass alles wieder gut geworden ist.

Es ist ein Teil meines Lebens mit den Folgen des Hirnabszesses.

Ein Teil dessen, was mir hilft, selbstständig zu bleiben.

Ein Teil dessen, was mir hilft, mein Gleichgewicht zu halten.

Viele Menschen sehen die fünfzig Kilometer.

Ich sehe den Mann, der einmal gelähmt im Bett lag.

Der seine Arme nur ein wenig bewegen konnte.

Der darauf angewiesen war, dass ihn andere auf die Seite drehten.

Der lernen musste, wieder aufzustehen.

Wieder zu gehen.

Wieder selbstständig zu werden.

Vielleicht wirken vierzig oder fünfzig Kilometer deshalb auf andere Menschen anders als auf mich.

Viele sehen darin Leistung.

Ich sehe darin vor allem die Möglichkeit, etwas zu erhalten, das ich beinahe verloren hätte.

Selbstständigkeit.

Beweglichkeit.

Freiheit.

Vielleicht beschäftigt mich deshalb noch etwas anderes.

Vor wenigen Jahrzehnten hätte ich meinen Hirnabszess vermutlich nicht überlebt.

Heute kann die Medizin vieles möglich machen.

Sie rettet Leben.

Doch die eigentliche Frage beginnt oft erst danach.

Wie lebt man weiter?

Wie findet man seinen Platz wieder?

Wie geht man mit Einschränkungen um, die andere Menschen oft gar nicht sehen?

Ich habe darauf keine allgemeingültige Antwort gefunden.

Aber ich habe für mich einen Weg gefunden.

Ich gehe.

Nicht weil dadurch alles gut wird.

Nicht weil meine Behinderung verschwindet.

Sondern weil ich unterwegs spüre, dass dieses Leben trotz allem lebenswert ist.

Vielleicht suche ich deshalb immer wieder die Weite.

Die langen Wege.

Die Berge.

Nicht um etwas hinter mir zu lassen.

Sondern um dieses Leben, das mir geblieben ist, möglichst bewusst zu leben.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum mir diese langen Wege so viel bedeuten.

Nicht weil ich vor etwas davonlaufe.

Nicht weil ich etwas beweisen möchte.

Sondern weil ich jeden Tag, an dem ich noch unterwegs sein kann, als Geschenk empfinde.

Wegweiser am Camino Primitivo

Allein mit meinen Gedanken

Eine Frage bekomme ich immer wieder gestellt:

“Hörst du eigentlich Musik oder Podcasts, wenn du zehn oder zwölf Stunden unterwegs bist?”

Die Antwort lautet:

Nein.

Am gesamten Camino Primitivo und auch sonst nie, habe ich kein einziges Mal Musik gehört.

Keinen Podcast.

Kein Hörbuch.

Keine Kopfhörer.

Interessanterweise war das nicht immer so.

Als ich nach meinem Hirnabszess wieder gehen lernte, hörte ich zeitweise durchaus Musik.

Damals half mir das sogar und war Teil der Therapie.

Ich bin stark im Single-Tasking, Multi-Tasking geht gar nicht.

Meine Aufmerksamkeit lag ständig auf meinen Beinen, auf den Bewegungen und auf jedem einzelnen Schritt.

Die Musik lenkte einen Teil dieser Aufmerksamkeit weg.

Es war der Versuch, dass Gehen mit der Zeit automatischer zu machen.

Heute ist das anders.

Mittlerweile bin ich über 65.000 Kilometer zu Fuß gegangen.

Ich suche diese Ablenkung nicht mehr.

Im Gegenteil.

In der Natur möchte ich die Natur hören.

Den Wind.

Die Vögel.

Den Regen.

Und manchmal einfach die Stille.

Ein Wettlauf mit E-Bikes 🙂

Nach vielen ruhigen Tagen kam plötzlich eine Begegnung, die mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Wie meistens war ich früh unterwegs.

Zwischen den Bäumen hingen dichte Nebelschwaden.

Es war starkes Nebelreißen.

Eigentlich regnete es nicht.

Und trotzdem war alles feucht.

Die Luft war nass.

Fast so, als würde man mitten durch eine Wolke gehen.

Nach elf Kilometern erreichte ich ein Dorf und frühstückte dort.

Kaffee.

Toast.

Marmelade.

Mein Standardfrühstück.

Als ich das Dorf verließ, standen vor einer Herberge sechs oder sieben Mountainbiker.

Ich grüßte kurz und ging weiter.

Einige Kilometer später überholten sie mich.

Da bemerkte ich auch, dass es E-Bikes waren.

Mein erster Gedanke:

Die sehe ich jetzt vermutlich nicht mehr wieder.

Doch genau das Gegenteil passierte.

Schon beim nächsten Anstieg holte ich sie wieder ein.

Der Weg wurde steiler.

Felsiger.

Technischer.

Mehrere mussten ihre Räder schieben.

Und plötzlich war ich zu Fuß schneller.

Wir grüßten uns.

Wir lachten.

Dann ging jeder weiter.

Kurz darauf überholten sie mich wieder.

Und so begann ein kleines Spiel, das uns den ganzen Tag begleiten sollte.

Sie überholten mich.

Dann überholte ich sie.

Dann wieder sie mich.

Dann wieder ich sie.

Je öfter das passierte, desto lustiger wurde es.

Als sie mich etwa einen Kilometer vor der Herberge ein letztes Mal überholten, mussten wir alle herzlich lachen.

Fast neun Stunden und 45 km waren vergangen.

Sie auf ihren E-Bikes.

Ich zu Fuß.

Und trotzdem waren wir praktisch gleich schnell gewesen.

Es war einer jener kleinen Camino-Momente, die man nicht planen kann.

Und gerade deshalb bleiben sie in Erinnerung.

Die Königsetappe – über die Berge des Primitivo

Für viele ist es die Königsetappe des Camino Primitivo, die Route de Hospitales.

Und ich wollte sie an einem Tag gehen und die nächste Etappe gleich dazu. 2.000 Höhenmeter im Auf- und im Abstieg.

Bereits am Vorabend hatte ich mich vorbereitet.

Kaffee.

Brot.

Avocado.

Denn ich wusste, dass lange Zeit nichts kommen würde.

Noch im Dunkeln brach ich auf.

Zunächst über Asphalt.

Dann bog der Weg in die Berge ab.

Ich entschied mich bewusst für die direkte Route über die Höhenzüge.

Nicht weil sie schwieriger war.

Sondern weil ich über die Berge gehen wollte.

Je höher ich kam, desto mehr erinnerte mich die Landschaft an Zuhause.

An die Pack und Koralm.

An kleine Almen.

An offene Höhenzüge.

Das Wetter hätte schöner kaum sein können.

Blauer Himmel.

Sonne.

Klare Sicht.

Ein Traumtag.

Besonders beeindruckten mich die verbrannten Wälder.

Soweit der Blick reichte, standen schwarze Baumstämme in der Landschaft.

Zeugen der großen Brände des Vorjahres.

Und gleichzeitig wuchs darunter bereits wieder dichtes Grün.

Zerstörung und Hoffnung lagen unmittelbar nebeneinander.

Oben auf den Höhenzügen öffneten sich weite Ausblicke.

Genau diese Weite tat mir gut.

Von dort oben wirkte vieles ruhiger.

Freier.

Einfacher.

Der höchste Punkt selbst ging beinahe unbemerkt vorbei.

Kein Gipfel.

Kein großer Moment.

Eher ein langgezogenes Plateau.

Irgendwann war ich oben.

Ohne es wirklich zu merken.

Am Abend erreichte ich den Salime-Stausee im strömenden Regen, nach durchgehend 1.000 Höhenmeter Abstieg.

Im nahegelegenen Hotel Las Grandas gönnte ich mir ein Einzelzimmer, dass zum Glück recht günstig war.

Interessanterweise fühlte ich mich gar nicht besonders müde.

Aber kein Stolz und keine großen Emotionen.

Nur das Gefühl, dass mir dieser Tag unglaublich gutgetan hatte.

Lugo – ein Tag für die Römer

Nach zwei weiteren Etappen erreichte ich Lugo.

Eigentlich hatte ich darüber nachgedacht, kürzere Etappen zu gehen.

Nicht langsamer.

Einfach weniger weit.

Doch wenn man von früh bis spät gerne unterwegs ist, kommen die Kilometer irgendwann von selbst zusammen.

Lugo war eine Ausnahme.

Nicht weil ich eine Pause brauchte.

Sondern weil mich die Geschichte interessierte.

Ein guter Freund sammelt seit Jahren römische Münzen und hat mir immer wieder Geschichten über Kaiser, Machtkämpfe und die Römerzeit erzählt.

Dadurch wurde Lugo plötzlich interessant.

Augustus.

Hadrian.

Die Stadtmauer.

Die Geschichte.

Also blieb ich einen Tag.

Besuchte das Museum.

Ging auf der berühmten Stadtmauer spazieren.

Und tauchte für einen Tag in die Vergangenheit ein.

Natürlich nahm ich mir wieder ein Einzelzimmer.

Nicht weil ich Menschen nicht mochte.

Sondern weil ich Ruhe brauchte.

Ruhe war auf diesem Camino kein Luxus.

Sie war ein wichtiger Teil dessen, warum mir dieser Weg so guttat.

Regen, Asphalt und der Weg nach Melide

Nach Lugo veränderte sich der Camino.

Für fast zwanzig Kilometer gab es weder Café noch Herberge.

Nur einen Automaten.

Dort drückte ich mir einen Kaffee heraus und aß dazu meine eigenen Vorräte.

Dazu kam das Wetter.

Immer wieder zogen Regenschauer durch.

Wenn es zu regnen begann, blieb der Schirm oft lange geöffnet.

Dann wurde es wieder trocken.

Dann begann alles von vorne.

Regen.

Sonne.

Wolken.

Wieder Regen.

Fünfzehn Mal.

Vielleicht zwanzig Mal.

Irgendwann hörte ich auf mitzuzählen.

Der Regen war längst Teil des Caminos geworden.

Genau wie die Wälder.

Die Hügel.

Und die langen Tage unterwegs.

Unterwegs spielte ich immer wieder mit verschiedenen Möglichkeiten.

Vielleicht schon früher wo bleiben.

Vielleicht doch bis Melide gehen.

Mit jedem Kilometer wurde jedoch klarer, dass ich weitergehen würde.

Schließlich erreichte ich Melide.

Jenen Ort, an dem der Camino Primitivo auf den Camino Francés trifft.

Damit war auch klar, dass von nun an deutlich mehr Pilger unterwegs sein würden.

Die letzten Kilometer vor Santiago

Nach Melide veränderte sich die Stimmung am Camino spürbar.

Plötzlich waren deutlich mehr Menschen unterwegs.

Viele davon gingen nur die letzten hundert Kilometer bis Santiago.

Entsprechend voll wirkten die Wege am Morgen.

Noch im Dunkeln verließ ich Melide.

Gleich hinter dem Ort führte der Weg steil bergab.

Schotter.

Einige Felsen.

Nichts Schwieriges.

Trotzdem merkte man sofort, dass viele Pilger erst seit wenigen Tagen unterwegs waren.

Manche hatten nicht einmal eine Stirnlampe dabei und tasteten sich vorsichtig den Hang hinunter.

Nach den vielen Tagen am Primitivo wirkte das fast ungewohnt.

Trotz der vielen Menschen blieb mein eigener Rhythmus erstaunlich unverändert.

Während viele gegen Mittag ihre Tagesetappe beendeten, ging ich meist weiter.

Und so wurde es ab dem frühen Nachmittag wieder ruhig.

Fast so, als würde sich der Camino erneut leeren.

Monte do Gozo – der erste Blick auf Santiago

Als ich ankam, war die Herberge zunächst noch geschlossen.

Ein Zettel kündigte an, dass die Hospitalera bald kommen würde.

Also setzte ich mich hin und wartete.

Kurz darauf stürmte eine größere Gruppe herein.

Viel Aufregung.

Viel Telefonieren.

Viel Diskussion.

Als die Hospitalera schließlich aufschloss, drängte sich die Gruppe sofort nach vorne.

Mir war es egal.

Ich wartete einfach.

Nach einigen Minuten stellte sich heraus, dass sie in der falschen Unterkunft gelandet waren.

Sie hatten reserviert und mussten zu einem anderen Gebäude weiter unten.

Kurz darauf waren sie wieder verschwunden.

Dann war ich an der Reihe.

Die Hospitalera war ausgesprochen freundlich.

Während sie meine Daten aufnahm, öffnete sie eine Schachtel mit Keksen und reichte mir einen davon.

Eine kleine Geste.

Aber genau solche Kleinigkeiten bleiben oft in Erinnerung.

Insgesamt waren wir nur sechs Pilger in einer Herberge für rund vierzig Personen.

Nach all den vollen Herbergen der vergangenen Wochen fühlte sich das fast unwirklich an.

Am Abend ging ich noch einmal hinaus.

Die Sonne stand bereits tief.

Monte do Gozo bedeutet übersetzt „Berg der Freude“.

Hier oben stehen die bekannten Figuren, die hinunter nach Santiago blicken.

Zur Kathedrale.

Zum Ziel.

Es war nicht das erste Mal, dass ich dort oben stand.

Und trotzdem berührte mich dieser Moment wieder.

Schon vor Jahrhunderten standen Pilger an genau dieser Stelle.

Und blickten zum ersten Mal auf Santiago.

Genau wie ich.

Dieser Gedanke gefiel mir.

Morgen würde ich dort ankommen.

Heute genügte es, einfach hier oben zu stehen und zu schauen.

Santiago – ohne großes Ankommen

Am nächsten Morgen ging ich los.

Nicht ganz so früh wie sonst.

Nach wenigen Kilometern frühstückte ich noch einmal.

Dann erreichte ich den Platz vor der Kathedrale.

Viele Pilger kamen an.

Manche umarmten sich.

Andere weinten.

Wieder andere machten Fotos mit ihrer Compostela.

Ich setzte mich einfach hin.

Und schaute.

Natürlich dachte ich an die vergangenen Wochen.

An die Berge.

Den Regen.

Die Wälder.

Die langen Tage.

Doch Santiago selbst fühlte sich nicht wie das eigentliche Ziel an.

Vielleicht weil das Geschenk dieses Caminos längst unterwegs passiert war.

In den stillen Morgenstunden.

Im Gehen.

Im eigenen Rhythmus.

Die Compostela

Später ging ich zum Pilgerbüro.

Die Compostela wollte ich mir natürlich trotzdem holen.

Draußen warteten bereits viele Menschen.

Ich bekam die Nummer 18.

Eigentlich keine große Sache.

Und trotzdem merkte ich schon draußen, dass etwas nicht stimmte.

Immer wieder musste ich kurz Abstand gewinnen.

Je weiter die Schlange ins Gebäude hineinführte, desto schwieriger wurde es.

Zu viele Menschen.

Zu wenig Raum.

Zu viele Geräusche.

Zu viele Eindrücke.

Alles in mir wollte eigentlich nur noch eines:

Hinaus.

Heute weiß ich, dass ich genau das hätte tun sollen.

Ich hätte auf die Compostela verzichten sollen.

Nicht weil sie unwichtig ist.

Sondern weil ich längst gespürt hatte, was ich in diesem Moment gebraucht hätte.

Doch ich blieb.

Holte die Urkunde.

Und bezahlte dafür einen Preis.

Selbst Stunden später war ich noch nicht wieder bei mir.

Dabei ging ich am selben Tag bereits weiter Richtung Negreira.

Der Camino war für mich noch nicht zu Ende.

Im Rückblick war das vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieses Tages:

Wochenlang hatte ich gelernt, auf meinen eigenen Rhythmus zu hören.

Und ausgerechnet am Ende hatte ich es für einen Moment nicht getan.

Ein ergänzender Gedanke

Dieser Bericht beschreibt meinen Weg am Camino Primitivo.

Die Etappen.

Die Landschaft.

Die Berge.

Den Regen.

Die Begegnungen.

Und die Erfahrungen unterwegs.

Wenn du jedoch verstehen möchtest, warum mir das Gehen überhaupt so wichtig geworden ist, weshalb ich immer wieder auf solche Wege zurückkehre und was das lange Unterwegssein körperlich und mental mit mir macht, dann findest du hier einen Artikel, der deutlich tiefer geht:

👉 Zwischen Gehen und Nichtgehen – 900 Kilometer am Camino Primitivo
https://www.von0auf101.com/pilgern/zwischen-gehen-und-nichtgehen-900-kilometer-am-camino-primitivo/

Dort geht es weniger um den Camino selbst.

Und mehr um das, was das Gehen mit mir am Primitivo gemacht hat.

Fortsetzung folgt

Mit Santiago war mein Weg noch nicht zu Ende.

Noch am selben Tag machte ich mich direkt vom Pilgerbüro wieder auf den Weg.

Über Negreira ging es weiter Richtung Atlantik.

Nach Muxía.

Nach Finisterre.

Und schließlich wieder zurück nach Santiago.

Davon erzähle ich im dritten Teil dieser Serie.


Das hatte ich alles mit. Zur Lighterpack Liste hier klicken.


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2 comments on “Camino Primitivo - der Weg zurück zum eigenen Rhythmus”

  1. Hallo Jörg,

    Tolle Bilder und Bericht. Ich war kurz vor dir auf dem Primitivo. 18.5. - 01.06. deine Etappen waren etwas länger wie meine😊. Wettertechnisch nur 4 Std. Regen. Sonst nur Sonne.
    Denn Blech-Jakobus hatte ich auch fotografiert. Aber die Herbergen habe ich teilweise gebucht. Es waren einige Pilger unterwegs. Selbst unsere Gruppe, die sich immer mal traf waren schon 8 Pilger.
    Wünsche dir weiterhin eine gute Zeit

    Gerhard

    1. Hallo Gerhard, da war ich sogar kurz vor dir dort, nämlich von 8 - 16.5. am Primitivo. Bin dann noch die Finesterre Runde gegangen und am 27. dann heim. Hatte am Norte Anfang Mai doch recht viel Regen.
      Wie hat dir der Primitivo gefallen? Für mich war er landschaftlich schön, allerdings war er mehr (Berg-)wandern, als Pilgern. Das war aber vielleicht meinem Tages Rhythmus geschuldet. Da ist der Francés oder die Via de la Plata schöner gewesen.
      Schade das wir uns nicht getroffen haben 😄.

      Liebe Grüße
      Jörg

Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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