HexaTrek Stage 3/6, Südalpen, 497 km

26. Oktober 2024
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14 Minuten Lesezeit

Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


HexaTrek: Die Südalpen erwarten mich, Aufbruch zur 3. Etappe

Nachdem ich die majestätischen Nordalpen hinter mir gelassen habe, stehe ich nun am Beginn der dritten Etappe des HexaTrek – einer Route, die mich tief in die Südalpen führen wird. ⛰️

Die Berge vor mir wirken wild, rau und zugleich wunderschön. Eine Landschaft, die Respekt verlangt und gleichzeitig eine große Anziehungskraft ausübt.

Der Morgen ist frostig, doch die Vorfreude überwiegt. Ich bin gespannt, was mich in den kommenden Tagen erwartet.

Der Beginn am Col de Lauteret

Mein Tag beginnt auf etwa 2000 Metern Seehöhe, und die Kälte ist deutlich zu spüren. Die Nacht hat Nebel gebracht, der sich auf den Wiesen niedergeschlagen hat. Der Boden ist feucht, und schon nach wenigen Schritten im nassen Gras sind meine Schuhe durchnässt.

Der Start in diesen Tag wirkt zunächst etwas düster und bedrückend. Die Sonne hat es noch nicht über die hohen Berghänge geschafft, und so liege ich lange im Schatten der Berge.

Doch ich weiß: Irgendwann wird auch heute die Sonne über die Gipfel steigen und den Weg vor mir erhellen. Bis dahin gehe ich einfach weiter, Schritt für Schritt.

Colm de Lauteret, HexaTrek
Col de Lauteret, Beginn der 3. Etappe

Mein Weg führt zunächst entlang der Schattenseite eines Berges. Die Kälte begleitet jeden Schritt. Sie bremst mich und erinnert mich daran, wie zerbrechlich ich noch immer bin – trotz all der Kilometer, die ich bereits auf dem HexaTrek zurückgelegt habe.

Heute habe ich vor allem mit mir selbst zu tun. Zum ersten Mal seit Beginn dieser Reise hat die Kühle des Morgens einen spürbaren Einfluss auf die Funktion meiner Nerven. Meine Bewegungen fühlen sich steif an, manchmal auch unkoordiniert.

So gehe ich los, Schritt für Schritt, mit der Hoffnung, dass es mit der Zeit besser wird. Viel mehr kann ich im Moment nicht tun, als abzuwarten.

Die Berge auf der gegenüberliegenden Seite liegen bereits im Sonnenlicht. Dorthin richtet sich mein Blick immer wieder. Ich nehme mir vor, erst dann zu frühstücken, wenn ich selbst in der Sonne angekommen bin.

Hier im Schatten ist es einfach noch zu kalt.

Schmale Pfade und tiefe Abgründe: Die Herausforderung beginnt

Dann passiert es. Die ersten Sonnenstrahlen erreichen mich und tauchen die Landschaft in ein sanftes, goldenes Licht. Mit einem Schlag wird es weniger kalt. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt.

Ich nutze diesen Moment und lege eine Pause ein. Der Kocher ist schnell bereit, das Wasser kocht, und kurz darauf halte ich meinen Kaffee in der Hand. Dazu gibt es das Übliche: Brot mit Käse.

Um mich herum nur Windrauschen und in der Ferne das Rufen der Krähen. Ich sitze allein mitten in den Bergen und genieße diese Stille, die so viel mehr sagt als jedes Geräusch.

Nach dieser Stärkung gehe ich wieder los. Der Pfad zieht sich an einem steilen Hang entlang, und der Abgrund zu meiner rechten Seite verlangt meine volle Aufmerksamkeit. Hier darf der Kopf nicht weg. Jeder Schritt muss überlegt sein, jeder Tritt sitzen.

In solchen Momenten spüre ich, wie ich eins werde mit der Natur. Alles wird bewusster: jeder Atemzug, jede Bewegung, jeder Schritt. Der Weg ist anspruchsvoll – aber genau das suche ich. Genau das macht diesen HexaTrek für mich so wertvoll.

Step by Step verbessere ich meine Wahrnehmung. Und auch, wie schnell ich Situationen erfassen kann. Schritt für Schritt – zurück ins Leben.

Seit vielen Jahren konnte ich mich durch das Gehen auf Jakobswegen und Fernwanderungen gesundheitlich Schritt für Schritt steigern. Jeder Weg hat etwas dazu beigetragen. Meine Wahrnehmung wurde besser, sicherer – und das hilft mir auch im Alltag, etwa wenn ich mich in der Stadt bewege.

Gleichzeitig habe ich dabei das Fernwandern für mich entdeckt. Mit jedem Jahr bekam die Natur einen größeren Stellenwert in meinem Leben. Sie ist nicht nur ein Ort zum Gehen, sondern auch ein Ort der Ruhe und der Kraft, sowie zum Heil werden.

Der Begriff Rehabilitation passt für meine Situation heute eigentlich nicht mehr ganz. Man spricht von Langzeitversorgung oder einer chronischen Versorgung.

Trotzdem sind regelmäßige Therapien weiterhin notwendig. Sie helfen mir, meinen Gesundheitszustand zu erhalten – und im besten Fall noch weiter zu verbessern.

Steile Abgründe und eine Kuhherde

Der schmale Pfad windet sich am Berghang entlang. An besonders absturzgefährdeten Stellen geben mir eiskalte Ketten Halt. Jeder Schritt ist bedacht, jede Bewegung muss präzise ausgeführt werden. Fehler sind hier keine erlaubt.

Dabei kommen mir Erinnerungen an meine ersten Schritte nach der Krankheit. Auch damals durfte ich nicht stürzen. Meine Reaktionen waren so langsam, dass ich umfiel wie ein Holzklotz, ohne mich abfangen zu können.

Heute ist vieles anders. Ich stelle mich bewusst diesen Herausforderungen in den Bergen. Und auch wenn die Anstrengung nicht weniger geworden ist, genieße ich es, mich hier Schritt für Schritt vorwärts zu bewegen.

Bald führt der Weg in ein Tal, leicht ansteigend. Einige hundert Höhenmeter liegen vor mir. Auf der anderen Seite eines Wildbachs sehe ich bei einer Almhütte mehrere Zelte stehen. Es ist etwa halb neun. Dort drüben liegt alles noch im Schatten, während ich bereits in der Sonne unterwegs bin. Ich kann gut nachfühlen, wie kalt und feucht es dort unten noch sein muss. Wahrscheinlich warten auch sie nur darauf, dass die Sonne endlich über den Hang steigt.

Im noch relativ flachen Teil des Tals gerate ich plötzlich mitten in eine Rinderherde. Die Tiere kommen von hinten und bewegen sich etwas schneller als ich. Zwischen ihnen laufen auch junge Kälber.

Das ist keine angenehme Situation. Immer wieder wird davor gewarnt, sich Kühen mit Kälbern zu nähern. Durch die Rückkehr der Wölfe haben sie einen besonders starken Beschützerinstinkt entwickelt – auch gegenüber Menschen.

Ich bleibe daher sehr vorsichtig und versuche, so schnell wie möglich in das steilere Gelände auszuweichen. Hinter mir höre ich das laute, aggressive Brüllen einiger Kühe. Ein Geräusch, das einem sofort Respekt einflößt.

Plötzlich stehe ich einer stattlichen Rinderherde gegenüber. Große, ruhige Augen richten sich auf mich, während sich die Tiere langsam in meine Richtung bewegen. Die Kälber trotten dicht bei ihren Müttern.

Ein leichter Schauer läuft mir über den Rücken. Der Instinkt dieser Tiere ist nicht zu unterschätzen – besonders dann nicht, wenn sie ihren Nachwuchs beschützen.

Ich versuche, einen Bogen um die Herde zu machen. Doch das tiefe, eindringliche Brüllen einiger Kühe lässt mich kurz innehalten. In solchen Momenten spürt man sehr deutlich, wie wenig Kontrolle man hier draußen wirklich hat.

Die Natur zeigt ihre ungezähmte Kraft. Und obwohl es „nur“ Kühe sind, fühle ich mich in diesem Augenblick klein und verletzlich.

Auch solche Begegnungen gehören zu diesem Weg. Sie erinnern mich daran, dass ich hier nur Gast in ihrer Welt bin.

Blaue Seen und wolkenloser Himmel

Nach dem Pass windet sich ein steiniger Pfad wie ein schmaler Grat durch die Landschaft. Jeder Schritt wird zu einem kleinen Balanceakt, denn die losen Steine geben unter meinen Füßen nach. Alles, was sich an Geröll von den Hängen löst, sammelt sich auf diesem Weg. Entsprechend mühsam ist das Gehen darauf.

Und doch wirkt diese Landschaft fast unwirklich schön.

Ich fühle mich, als würde ich durch ein Gemälde wandern. Kräftige Farben, weiche Formen, darüber die rauen Linien der Felsen. Um mich herum ein Meer aus Blau und Grün, eingerahmt von schroffen Felswänden und sanften Almwiesen.

Schon bald erreiche ich den ersten See. Sein Wasser schimmert in einem tiefen, satten Blau. Der Weg führt weiter bergab, mal steiler, mal sanfter, von einem See zum nächsten.

Jeder von ihnen leuchtet in einem anderen Blauton, als hätte die Natur hier ihre ganze Farbpalette ausgebreitet.

Zu Mittag erreiche ich die nächste Ortschaft. Die letzten Kilometer bin ich im Eilschritt gegangen, in der Hoffnung, noch rechtzeitig anzukommen. Doch ich komme ein paar Minuten zu spät. Genau in dem Moment, als ich den rustikalen Gasthof erreiche, wird geschlossen.

Ich versuche den Wirt noch zu bitten, eine Ausnahme zu machen.
„Tut mir leid, mein Freund“, sagt er nur – und verschwindet im Haus.

Der Gastgarten wird mit Ketten verschlossen, obwohl noch einige Gäste dort sitzen. Niemand wird mehr eingelassen.

Also wieder einmal keine französische Küche. Seit Beginn meiner Reise habe ich damit so meine Schwierigkeiten. Nur ein paar Mal ist es mir bisher gelungen, tatsächlich in einem Restaurant zu essen. Die Öffnungszeiten passen einfach selten zu dem Rhythmus eines Fernwanderers.

Meine Wanderung danach auszurichten, widerstrebt mir. Gleichzeitig ist es auch mühsam, ständig nach Alternativen suchen zu müssen, wenn geplante Einkehrmöglichkeiten plötzlich wegfallen.

Also werde ich wieder zum Bergziegen-Gourmet. Käse und Wurst gehören schließlich zur Grundnahrung vieler Wanderer. Dazu koche ich mir einen Kaffee – und schon ist die Welt wieder in Ordnung.

Und wer weiß – vielleicht entwickle ich ja doch noch eine Vorliebe für die französische Küche.
Wenn ich sie irgendwann einmal tatsächlich zu Gesicht bekomme.

Essen am Hexat
Brot und Käse, statt französische Küche

So setze ich mich auf eine Bank hinter der geschlossenen Kirche und diniere wieder einmal das Übliche. Brot, Käse und ein wenig Wurst – mein treuer Begleiter auf vielen Kilometern.

Als Nachspeise gönne ich mir ein Stück Nuss-Schokolade. Ein kleiner Luxusmoment mitten am Weg.

Dabei hatte ich mich so sehr auf eine Abwechslung gefreut. Genau deshalb bin ich die letzten Kilometer besonders schnell gegangen. Doch manchmal läuft es am Weg eben anders, als man es sich vorgestellt hat.

Also sitze ich hier, esse mein einfaches Mahl und nehme es, wie es kommt. Auch das gehört zu dieser Reise.

Verirrt, mit Umweg am Hexatrek

Zunächst geht es ein breites Tal hinaus, auf einem schönen Wanderweg. Aber ehe ich mich versehe, bin ich wieder steil hinauf, auf einem schmalen Steig. Ich folge der Markierung und gehe immer weiter.

Zunächst schlängelt sich der Weg gemächlich durch ein breites Tal. Doch je weiter ich komme, desto mehr verschwindet der Pfad in dichtem Gebüsch. Unachtsam bin ich dem Hauptweg gefolgt, dabei hätte ich einer kaum sichtbaren Abzweigung folgen sollen. Immer und jederzeit die Karte am Handy zu kontrollieren, ist mir aber zu viel. Das Navigieren wird mir am Hexatrek wieder zum Verhängnis.

Diesmal habe ich mich zu sehr treiben lassen und finde mich nun an einem Punkt, an dem ein Umkehren kaum mehr in Frage kommt. Ich studiere die Karte und komme zum Schluss, weiterzugehen. Es ist um wenige Kilometer weiter, dafür sind aber einige hundert Höhenmeter mehr zu überwinden. Und diese haben es in sich.

Ein schmaler Pfad windet sich immer steiler werdend einen Hang hinauf. Auf 2500 Metern Höhe erreiche ich endlich den Pass und es eröffnet sich mir ein atemberaubender Blick über die darunter liegende Landschaft. Auf der anderen Seite geht es gleich steil hinunter, nur nicht so weit. Bald darauf stoße ich wieder auf den Original-Trail, wo weitere 1400 Meter Abstieg ins Bergdorf Vallouise auf mich warten.

Zunächst führt der Weg noch gemächlich durch ein breites Tal. Ein schöner Wanderweg, angenehm zu gehen. Doch ehe ich mich versehe, wird der Pfad wieder schmaler und zieht steil den Hang hinauf. Ich folge den Markierungen und gehe weiter.

Mit der Zeit verschwindet der Weg jedoch immer mehr im dichten Gebüsch. Unachtsam bin ich dem Hauptweg gefolgt, dabei hätte ich eine kaum sichtbare Abzweigung nehmen müssen. Doch ständig auf das Handy zu schauen und die Karte zu kontrollieren, ist mir einfach zu viel.

Das Navigieren wird mir am HexaTrek wieder einmal zum Verhängnis.

Diesmal habe ich mich zu sehr treiben lassen. Nun stehe ich an einem Punkt, an dem ein Umkehren kaum mehr sinnvoll erscheint. Ich studiere die Karte und entscheide mich schließlich, einfach weiterzugehen. Der Weg ist zwar ein paar Kilometer länger und verlangt zusätzlich einige hundert Höhenmeter, aber es scheint die bessere Lösung zu sein.

Der Pfad wird nun immer steiler und zieht sich in engen Kehren den Hang hinauf. Schritt für Schritt arbeite ich mich nach oben, bis ich schließlich auf etwa 2500 Metern den Pass erreiche.

Oben eröffnet sich ein atemberaubender Blick über die Landschaft tief unter mir.

Auf der anderen Seite geht es sofort wieder steil hinunter, allerdings nicht so weit. Bald darauf stoße ich wieder auf den Original-Trail. Von hier warten noch einmal rund 1400 Meter Abstieg auf mich, hinunter ins Bergdorf Vallouise.

Ruhetag und Unwetterschäden

Der Abstieg zieht sich endlos hin. Schritt für Schritt verliere ich an Höhe, bis ich Vallouise schließlich am späten Nachmittag erreiche.

Der große Campingplatz am Ortsrand wirkt beeindruckend. Doch meine Freude hält nicht lange an. Der Bereich für kleine Zelte ist bei einem jüngsten Hochwasser vollständig zerstört worden. Enttäuscht stehe ich da. Die Betreiber verweisen mich auf einen anderen Platz – fünf Kilometer weiter, ein kleines Tal hinauf.

Nach einer kurzen Pause mache ich mich wieder auf den Weg. Eine weitere Stunde gehe ich auf einem vom Hochwasser beschädigten Weg. Als ich schließlich ankomme, stelle ich fest, dass es sich nur um einen sehr spartanischen Platz handelt. Keine Infrastruktur, keine Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe.

Mein Gehirn kann diese Situation kaum einordnen. Irgendetwas fühlt sich völlig falsch an. Mir fehlt es an allem, was ich für die kommenden Tage brauche.

Langsam wird mir klar: Mit meiner Ausrüstung kann ich diesen Abschnitt so nicht weitergehen. Der Gedanke, noch mehrere Tage unter diesen Umständen unterwegs zu sein, fühlt sich unerträglich an.

Mit hängenden Schultern packe ich meine Sachen zusammen. Die Entscheidung zum Umkehren fällt mir schwer – doch diesmal siegt die Vernunft.

Die fünf Kilometer zurück ins Dorf ziehen sich. Doch am nächsten Morgen, gegen acht Uhr, bin ich wieder dort. Im Wasch-Saloon des Campingplatzes wasche ich meine gesamte Kleidung, dusche mich und atme danach erst einmal tief durch.

In Regenhose und Regenjacke sitze ich schließlich da – alles andere ist in der Wäsche. Vor mir steht ein selbst gekochter Kaffee und ein frisches Croissant. Plötzlich sieht die Welt wieder ganz anders aus.

Heute lege ich einen Ruhetag ein. Dabei treffe ich auch wieder die beiden Neuseeländer Sam und Matt. Sie laden mich ein, mein Zelt neben ihrem aufzuschlagen. Da heute Sonntag ist, sind durch die Abreise vieler Gäste wieder Plätze frei geworden.

Hätte ich das nur gestern schon gewusst.

Am Abend sitzen wir zusammen und essen gemeinsam. Dabei schmieden wir Pläne für die nächsten Tage. Matt hat noch etwas zu erledigen und wird erst in einigen Tagen nachkommen.

Am nächsten Morgen brechen Sam und ich gemeinsam auf, um unser Abenteuer fortzusetzen.

Wir bleiben auf der Seite des reißenden Flusses. Nach wenigen Kilometern stehen wir jedoch vor einem unerwarteten Problem: Die Brücke, die uns auf die andere Seite führen sollte, ist verschwunden. Das Hochwasser hat sie einfach mitgerissen.

Jeder Versuch, hinüberzukommen, scheitert zunächst. Ein großer Umweg würde uns viel Zeit kosten. Also beschließen wir schließlich, den Fluss ein Stück weiter abwärts zu queren.

Wir suchen lange nach einer Stelle, an der das Wasser nicht zu tief ist – bis wir schließlich eine finden, an der die Überquerung möglich erscheint.

Flussquerung und Regenfront

Gemeinsam mit Sam überquere ich die Gegend rund um L’Argentière-la-Bessée. Die Landschaft wirkt fast unwirklich – karg, grau und zerklüftet, fast wie eine Mondlandschaft.

Am Abend erreiche ich eine Berghütte, in der ich zum Glück noch ein freies Bett bekomme. Am nächsten Tag setzen sich die langen Auf- und Abstiege fort. Immer wieder mehrere hundert Höhenmeter hinauf, dann wieder hinunter.

Um diese Belastung bewältigen zu können, muss ich gedanklich ganz bei mir bleiben. Meine Konzentration richtet sich immer nur auf das Hier und Jetzt – auf den nächsten Schritt, auf den nächsten Tritt. Nur so kann ich den Anstieg bergauf bewältigen.

Doch das Leben in den Bergen hat auch seine Tücken. Nachdem ich den ganzen Tag über Felsbrocken und steile Hänge geklettert bin, erreiche ich das Refuge de Souffle. Dort bekomme ich jedoch keinen Platz mehr – alles ist ausgebucht.

Keine guten Aussichten, denn für die Nacht ist Gewitter angekündigt. Zusammen mit ein paar anderen Wanderern schlage ich deshalb mein Zelt in der Nähe auf.

Und tatsächlich: Von 21 Uhr bis zwei Uhr morgens tobt ein heftiges Unwetter. Donner, Blitz und strömender Regen gehen über uns nieder. Von allen Seiten kriecht das Wasser ins Zelt, und bald ist meine gesamte Ausrüstung nass oder zumindest feucht.

Ein kleines Glück habe ich dennoch: Meine Isomatte ist sechs Zentimeter dick. Dadurch liege ich gerade noch knapp über dem nassen Boden.

Am Morgen hat die Nacht deutliche Spuren hinterlassen. Müde und durchnässt krieche ich aus dem Zelt. In diesem Moment bin ich einfach nur froh, die Nacht überstanden zu haben.

Ich kämpfe mich durch das Chaos meiner nassen Ausrüstung. Jede Bewegung kostet Überwindung, doch ich möchte keine Zeit verlieren. Trotzdem verpasse ich den Treffpunkt mit Sam, der in der Hütte übernachtet hat.

Erst nach gefühlten Stunden bin ich schließlich gegen acht Uhr startklar und breche auf.

Bis zum nächsten Dorf sind es zwar nur etwa zehn Kilometer, doch dazwischen liegen 800 Höhenmeter im Aufstieg und 1300 Meter im Abstieg. Der Weg ist vom nächtlichen Gewitter stark ausgewaschen. Besonders die Wasserquerungen verlangen mir viel ab.

Der Aufstieg ist rutschig, und an einigen Stellen helfen sogar Stahlstangen, die im Fels angebracht sind. Ohne diese Sicherungen wäre das Weiterkommen deutlich schwieriger.

So arbeite ich mich wieder Schritt für Schritt vorwärts – müde, aber entschlossen.

Diese ständige, übermäßige Konzentration kostet mich enorm viel Energie. Mit jedem Schritt besteht die Gefahr, auszurutschen – und ein solcher Fehler könnte hier fatale Folgen haben.

Eine Herausforderung in dieser Intensität habe ich seit meinem Hirnabszess noch nie erlebt. In diesem Ausmaß hatte ich es auch nicht erwartet.

In den letzten Jahren habe ich gelernt, meine Grenzen zu respektieren. Doch genau hier stoße ich immer wieder an diese Grenzen. Der Weg fordert mich körperlich wie geistig bis zum Äußersten.

Und doch liegt gerade darin auch etwas Wertvolles. Diese Herausforderung zwingt mich, über mich hinauszuwachsen. Sie trägt dazu bei, dass ich mich als Mensch weiterentwickle – Schritt für Schritt.

Als ich schließlich den Pass erreiche, liegt der schwierigste Teil noch vor mir: ein langer Abstieg.

Über steile, steinige und teilweise nasse Pfade arbeite ich mich nach unten. Stein für Stein, Schritt für Schritt geht es 1.300 Höhenmeter talwärts.

Rauf und runter, am HexaTrek Stage 3

Der Hexatrek ist ein ständiges Auf und Ab, bei dem Höhenunterschiede von über 1000 Metern keine Seltenheit sind. In Le Bourg d'Oisans finde ich mich bereits auf der Suche nach meinem dritten Paar Schuhe wieder – ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie stark das Material auf dieser anspruchsvollen Strecke beansprucht wird.

Es sind nicht nur die anspruchsvollen Wege, die ihren Tribut fordern – auch mein spezieller Gehstil trägt erheblich dazu bei. Jeder Schritt ist darauf ausgerichtet, Stabilität zu bewahren und ein Umkippen oder Stürzen unbedingt zu vermeiden. Diese konzentrierte und oft ungewöhnliche Belastung beansprucht meine Schuhe weit mehr als üblich.

Erst im zweiten Geschäft finde ich etwas Passendes: keinen Trailrunning-Schuh diesmal, sondern einen Wanderschuh von Hoka. Unter den getesteten Modellen scheint er die beste Alternative zu den Altra- oder Hoka-Speedgoat-Schuhen zu sein, die leider in meiner Größe nirgendwo verfügbar sind.

Der HexaTrek ist ein ständiges Auf und Ab. Höhenunterschiede von über 1000 Metern gehören hier fast zum Alltag. Diese Belastung fordert nicht nur den Körper – auch das Material leidet darunter.

In Le Bourg d’Oisans bin ich deshalb bereits auf der Suche nach meinem dritten Paar Schuhe. Ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr diese Strecke Mensch und Ausrüstung beansprucht.

Doch es sind nicht nur die schwierigen Wege. Auch mein spezieller Gehstil trägt dazu bei. Jeder Schritt ist darauf ausgerichtet, möglichst stabil zu bleiben und ein Umkippen oder Stürzen zu vermeiden. Diese konzentrierte, oft ungewohnte Belastung fordert meine Schuhe stärker als bei vielen anderen Wanderern.

Erst im zweiten Geschäft werde ich schließlich fündig. Diesmal kein Trailrunning-Schuh, sondern ein Wanderschuh von Hoka. Unter den Modellen, die ich anprobiere, wirkt er wie die beste Alternative zu meinen bisherigen Altra- oder Hoka-Speedgoat-Schuhen, die leider in meiner Größe nirgendwo verfügbar sind.

Mit den neuen Schuhen hoffe ich nun, den nächsten Abschnitt des Weges wieder sicherer und stabiler gehen zu können.

Die neuen Schuhe tragen sich zwar recht gut, doch sie sind keine Laufschuhe. Sie sind deutlich schwerer, bieten dafür durch den höheren Lederanteil mehr Stabilität – ein klarer Vorteil für den weiteren Weg.

Was ich jedoch unterschätzt habe, ist die Umgewöhnung, die damit verbunden ist. Schnelle Schritte oder gar Laufen sind mit diesen Schuhen praktisch nicht möglich. Da merke ich erst, wie sensibel mein Körper auf veränderte Bedingungen reagiert.

Gerade bergab versuche ich oft zu laufen. Das langsame Gehen kostet mich wegen meiner Muskelschwäche zu viel Kraft. Über die Jahre habe ich eine eigene Technik entwickelt, die es mir erlaubt, trotz dieser Einschränkung ein wenig bergab zu laufen.

Mit den neuen Schuhen funktioniert das jedoch nicht. Sie sind für diese Art der Bewegung einfach nicht gemacht. Um die verschiedenen Muskelgruppen anzupassen und neu zu trainieren, bräuchte es gezieltes Üben – etwas, das während des HexaTreks kaum möglich ist.

So werden besonders die Abstiege zu einer zusätzlichen, eigentlich unnötigen Erschwernis. Ich versuche zwar, das Beste daraus zu machen, doch innerlich gerate ich immer öfter in einen Zustand, der sich nur schwer kontrollieren lässt.

Dass mich nach so vielen Kilometern der letzten Jahre ausgerechnet so etwas noch einmal aus dem Gleichgewicht bringen kann, hätte ich nie gedacht.

Sonnenuntergänge auf Gipfeln

Zunächst merke ich die körperlichen Veränderungen durch die neuen Schuhe noch kaum. Noch fühlt sich alles vertraut an. Doch schon bald wird sich zeigen, dass diese Umstellung mehr Auswirkungen hat, als ich zunächst gedacht habe.

Die meisten Nächte verbringe ich mittlerweile hoch in den Bergen. Selten übernachte ich unter 1800 Metern Seehöhe.

Dafür werde ich immer wieder mit besonderen Momenten belohnt: mit einem Sonnenuntergang über den Gipfeln oder einem Sonnenaufgang, der langsam die Bergwelt in warmes Licht taucht.

Augenblicke, die jede Anstrengung für einen Moment vergessen lassen.

Hexatrek und Handicap

Der HexaTrek ist für mich weit mehr als nur eine Wanderung. Er ist eine Reise zurück ins Leben – und zugleich der Beweis dafür, dass auch nach schweren Rückschlägen neue Wege entstehen können.

Dieser Weg fordert mich körperlich und mental. Immer wieder verlasse ich meine Komfortzone, denn nur dort kann Entwicklung stattfinden.

Auch nach acht Jahren bleibt das Gehen für mich die wichtigste Übung. Jeder Schritt ist Training. Jede Bewegung schult meine Wahrnehmung und hilft mir, meine Grenzen ein Stück weiter hinauszuschieben.

Und doch sind diese Grenzen noch immer da.

Gerade deshalb bin ich dankbar für jeden Kilometer, den ich gehen kann – Schritt für Schritt, weiter auf meinem Weg.


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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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